Wasserstadt Berlin

Die schwimmende Utopie: Projekt Saunafloß

Auf der Rummelsburger Bucht bauen Freigeister eine ­schwimmende Sauna auf. Ihr Konstrukteur liebt die Freiheit, denkt in großen Linien. Und hat eine kühne Vision

Lena Ganssmann

Der vielleicht verwunschenste Ort Berlins wächst auf der Nixenbucht, einem Abschnitt der Rummelsburger Bucht zwischen Friedrichshain und Lichtenberg: Naturnahes Ufer, alte Bäume ragen ins Wasser, dazwischen spielen Kinder. Und vor ihnen, auf dem Wasser, liegt eine Insel. Eine schwimmende Insel, die nur aus Booten besteht: Lummerland. Anfang vergangenen Jahres sorgte sie für Aufsehen, als hier ein Feuer ausbrach, sich die einzelnen Boote losrissen und wie gigantische Fackeln über den See trieben, begleitet von zahlreichen Explosionen der Benzin- und Gastanks an Bord.

Lummerland ist abgebrannt. Doch wie Phönix aus der Asche ist dort wieder eine schwimmende Wagenburg entstanden. Der Rumpf eines der abgebrannten Boote ist die verankerte Keimzelle, daran hängt ein Floß mit einer Sauna in Form einer geschlossenen Blüte darauf. Sie sieht märchenhaft aus, als stünde sie auf der Spitze des Elfenbeinturms aus „Die unendlichen Geschichte“ und die Kindliche Kaiserin warte darin. Es ist eine spektakuläre Wiedergeburt. Ein Zeichen, dass sich die Subkultur nicht so schnell vom Wasser vertreiben lässt.

In den letzten paar Jahren ist die Rummelsburger Bucht zum Abenteuerspielplatz piratesker selbstgezimmerter Wassergefährte geworden. Den Anwohnern ist das Dorf auf dem Wasser ein Dorn im Auge. „Schwimmende ­Favela“ nennen sie es. Carl Luis Zielke ist der Konstrukteur der blütengleichen Sauna, die hier auf dem Wasser nur die „Zwiebel“ genannt wird. Er sagt: „Es geht darum, dass die meisten anliegenden Gebäude sich im Hochpreissegment befinden. Auf dem Wasser die Unterschicht und die Elite an Land: Da gibt es einen ganz natürlichen Konflikt. Aufgrund der Art, wie die Leute sind, was sie für ästhetische Ansprüche haben. Hier liegt Baumaterial rum, hängt auch mal ’ne Plane über ’nem Boot: Das gefällt den Landbewohnern nicht.“

Zielke hat das Floß mit Freunden für ein Festival errichtet, jetzt baut er es mit Unterstützung der Bootsbewohner und Benutzer der Bucht weiter aus. Dämmen will er es und zwei weitere Flöße sollen dazukommen, eines mit Kompostklo und Küche, eines mit Partypavillon. Die einzelnen Module sind je 5,50 Meter lang und mit maximal drei PS motorisiert, so brauchen sie keine Anmeldung, nur einen Namen.

Die hölzerne Blüte ist zur Keimzelle einer neuen Insel geworden. Hier wird geschraubt, gebohrt, gehämmert, gechillt, gegrillt und gelacht. Auf dem Boot vor der Sauna haben die Insulaner Traversen aus dem kürzlich geschlossenen Club Jonny Knüppel zu einem Ausguck verschnürt. Oben schaukeln Hängematten, in denen man sich von den Wellen wiegen lassen kann. Dahinter steht eine Hütte mit einer Theke und einer Küche darin, drumherum liegen große und kleine Boote. Wie eine Burg erhebt sich die Insel inmitten der beinah komplett verwerteten Stadt.

Die Rummelsburger Bucht ist eine Oase der Freiheit, eines der wenigen relativ regelfreien Areale. Was schwimmt, schwimmt, und die Anwohner können nicht viel dagegen tun. Die Bucht ist eine Bundeswasserstraße, Ankern und die Befahrung mit Motoren sind nur sehr schwer einschränkbar. Die anliegenden Bezirke haben Pläne dafür ausgearbeitet, aber dazu müsste das Land Berlin die Bucht vermutlich kaufen. Es hat wenig Interesse daran: Der Spreearm ist hochgradig mit Schwermetallen belastet. Der Preis für eine mögliche Sanierung geht in die Milliarden. Und so scheint der Freiraum, auf dem die Sauna schwimmt, erst einmal gesichert zu sein.

Noch ist die Sauna nicht in Betrieb. Zielke übernachtet dort gelegentlich nach den Arbeiten. Wenn er morgens wach wird und mit Kaffee aus der niedrigen Luke tritt, ist rund um ihn Natur, zu hören sind nur das Wasser und die Vögel. Es ist, als wäre man nicht in Berlin.

Zielke lebt schon immer ungewöhnlich. Er ist aufgewachsen in einem Gehöft in Mecklenburg-Vorpommern, wohnte dann in besetzten Häusern, dann in Häusern, die er bewachte, und einem Fahrradanhänger. Zielke liebt die Freiheit.

Carl Luis Zielke trägt einen durchlöcherten Norwegerpulli, Hose mit Blümchenmuster, Vollbart, und spricht mit einem beruhigenden Brummen. Er hat keinen Job. Zielke will mit dem Kapitalismus möglichst wenig zu tun haben. „Geld ist Zeit. Und die Zeit möchte ich lieber in sinnvolle Sachen investieren. Wo ich mit Menschen, die mir sympathisch sind, zusammen arbeiten, zusammen machen oder einfach sein kann“, sagt er.

Zielke ist ein Visionär. Er träumt von einem nachhaltigen Leben in engen Gemeinschaften und ungewöhnlichen Wohnprojekten, die von ihren Benutzern selbst geschaffen werden. Die Wasserfläche am Ostkreuz könnte durch Menschen wie ihn zu einem Wegweiser für die Stadt werden, einem Notausgangsschild, einer Alternative zum bestehenden System. 60 Quadratkilometer Wasserfläche stünden dafür in Berlin zur Verfügung.

„Man kann auf den Booten eine Fläche gewinnen, ohne in Mietverhältnissen oder Kaufstrukturen zu landen“, sagt Zielke. Man hat gerade mit den Netzwerkstrukturen, den Ankerverbünden wie Lummerland, nicht so eine große Isolation wie mit einem Bus, den man irgendwo parkt, und man hat nicht so eine starke Bindung wie auf dem Wagenplatz, wo man eigentlich nicht weg kann. „Hier kann man das Boot einfach umparken. Es ist ein Stück Autonomie, aber dennoch mitten in der Gesellschaft.“

Damit trotz des Burggrabens um die Insel jeder etwas davon haben kann, will Zielke gegen einen Unkostenbeitrag Saunafahrten anbieten, sobald das Projekt fertig ist.

Carl Luis Zielke denkt groß. Und in weiten Zeiträumen: „Jede Struktur ist vergänglich“, sagt er. Zielke plant schon jetzt das Ende mit – wie er seine Flöße am Ende wieder entsorgen kann und dem Ökosystem dabei möglichst wenig antut. Schon das Material hat er so umweltbewusst wie möglich zusammengesammelt: Die Latten für Boden und Aufbauten hat er aus Balken gesägt, die er von einer Baustelle bekam, die Schwimmkörper sind alte Heizöltanks aus einer Gärtnerei. Für das sternförmige Fenster in der Decke hat er Doppelglasfenster zerschnitten, für den Ofen einen Druckbehälter umgeschweißt. Jetzt kommen noch eine Hanfdämmung und ein Lehmputz rein.

Es ist ein Novum in der Geschichte der Menschheit, dass jeder sich kosten­günstig und mit wenig Arbeit ein schwimmendes Gefährt aus Recyclingschwimm­körpern bauen kann. Aus weißen, quadra­tischen Tanks oder blauen Tonnen, die in zahlreichen Industrien als Abfall zurückbleiben. Auch so erklärt sich das neue Floßbauphänomen in Berlin. Weltweit gibt es eine Bewegung von Menschen, die mit alternativen Projekten aufs Wasser ziehen. An der Rummelsburger Bucht gibt es regelmäßig Vernetzungstreffen dazu.

Doch die Recycling-Schwimmkörper-Flöße sind gefährdet. Die Wasserschutzpolizei, die sonst keine Handhabe gegen die Ankerverbünde in der Bucht hat, versucht gerade auf dieser Grundlage gegen die Gefährte vorzugehen. Mit ­ihren nicht zugelassenen Schwimmkörpern seien sie als Sondertransport anzusehen. Eine rechtliche Klärung steht noch aus. Zielke baut seine nächsten Projekte zähneknirschend auf Aluminium, obwohl es eine viel schlechtere Umweltbilanz hat.

Bei all der Arbeit hat Zielke eine intensive Beziehung zu dem Sauna-Gefährt aufgebaut. „Das Boot ist wie eine eigene Person. Es verhält sich relativ autonom zu meinen Plänen. Sein Name ist Vodoun. Angelehnt an eine Großtante in Afrika.“ Es ist der Name der Naturreligion, die bei uns als Voodoo bekannt ist. Das Boot heißt auch Zwiebel, Spacesauna, die Nuss. Es hat auch den Namen blaublühende Löwenblume. Denn im zehnzackigen Dachfenster erscheint eine blaublühende Blume, wenn man mit der Sauna in die Morgenstunden treibt.

Schwimmende Sauna

Struktur: 60 Flächen, Winkel 23,5 Grad
Länge: 5,5 Meter, Breite 3,5 Meter
Klasse: Kleinstfahrzeug
Materialkosten: 900 Euro bisher, 2.000 Euro mehr für Ausbau
Geplantes Gewicht: 1,5 Tonnen