Punk in Berlin

„Punk ist erledigt“ – Gespräch mit dem PVC-Gründer Gerrit Meijer

Gerrit Meijer wurde 1947 in Neukölln geboren, arbeitete als Maschinenschlosser, Gartenbauer, Lagerarbeiter und Kleindarsteller. 1977 gründete er PVC, die sich mit Iggy Pop die Bühne teilten und bei der Eröffnung des SO36 spielten.
In seinem Buch „Berlin, Punk, PVC – Die unzensierte Geschichte“ erinnert er sich an die West-Berliner Musikszene, seine Kindheit in Neukölln, die von ihm gegründeten PVC, die erste Berliner Punkband, seine musikalischen Abenteuer danach und exklusiv im tip-Gespräch auch an Hagen Liebing

Gerrit Meijer
Foto: PVC/ Gerrit Meijer (links)

tip Waren PVC wirklich die allererste Punkband in West-Berlin?
Gerrit Meijer Ja, definitiv. Da gab es 1977, als wir uns gegründet haben, gar nichts in der Stadt außer uns. Das führte  dazu, dass für ein Punkkonzert der Hamburger Gruppe Big Balls & The Great White Idiot im Kant-Kino eine Vorgruppe gebraucht wurde und da hat uns der Veranstalter einfach eingesetzt. Wir haben das aus der Zeitung erfahren. Ab März 1978 tauchte dann die zweite Punkband auf, die Dirty Needs.

tip Wo fand sich die Szene zusammen?
Gerrit Meijer Anfangs konzentrierte sich das auf Knut Schallers Wohnung in der Lützowstraße. Er war Bassist und Mitbegründer von PVC. Er hatte nicht so eine Hippiehöhle, sondern stand auf Kitsch. Das war unser Ausgangspunkt: Kitsch und Nivellierung von allem. Wir wollten keine Ideologien, weder rechts noch links. Dieser Kreuzberger Anarchopunk setzte erst um 1979 ein. Bei uns ging es eher dekadent zu, bisschen schwul, so Richtung New York Dolls oder „Blank Generation“ von Richard Hell und Ramones, weil die gezeigt haben, dass man ohne handwerkliche Mittel Musik machen konnte.

tip Wie sah das Publikum von PVC aus?
Gerrit Meijer Bunt gemischt. Es gab noch keine bestimmten Dresscodes, weil es die Accessoires noch nicht gab. Die Intellektuellen haben sich komischerweise zuerst darauf gestürzt, weil die den ganzen Kram von Pink Floyd und Emerson, Lake and Palmer nicht mehr hören konnten. Dann kamen die Kids dazu.

tip Kids wie Hagen Liebing. Obwohl 14 Jahre jünger als Sie, war er früh in der Punkszene unterwegs. Erinnern Sie sich an ihn?
Gerrit Meijer Hagen war immmer sehr ruhig, sehr bescheiden. Richtig wahrgenommen habe ich ihn erst mit seiner Band The Nirvana Devils so Mitte der 80er-Jahre. Dann traf ich ihn in seiner Zeit bei den Ärzten, bei einer Fernsehparty, aber da sprachen wir auch nicht viel. Ich hatte aber immer den Eindruck, dass er ein paar Gedankengänge hegte, die etwas individueller sind. Ich meine tatsächlich individuell und nicht so was Aufgesetztes.

tip Zu den Ärzten haben Sie bis heute eine gute Verbindung, Bela B. hat das Vorwort zu I­hrem Buch verfasst.
Gerrit Meijer 1989 hat Bela B. einige Kurzprojekte initiiert und mit PVC die erste Punk-Single, die er sich jemals gekauft hat, nachgespielt. Das war „Pogo Dancing“ von Chris Spedding and the Vibrators. Ich hab Die Ärzte anfangs nicht verstanden, für mich war das Schlager und nicht Punk. Später musste ich aber feststellen, dass sie unglaublich geschickt sind, was die Texte anbelangt.

tip Was ist denn für Sie Punk?
Gerrit Meijer Es ging eigentlich immer nur darum, dass man nicht klingen wollte wie Led Zeppelin oder Deep Purple. Ansonsten war das Spektrum unglaublich breit, das reichte ja von Blondie bis Crass. Heute hat sich Punk meines Erachtens erledigt, eigentlich vor 20 Jahren schon.

tip Statt Punk nannten Sie ihre Musik damals schon lieber „Wall City Rock“.
Gerrit Meijer Wir überlegten uns Bandnamen für befreundete Musiker, und da sagte unser zweiter Gitarrist Raymond: Nennt euch doch „Wall City Rockers“! In Anlehnung an die Bay City Rollers und die Clash-Single „Clash City Rockers“. Die fanden den Namen doof, aber ich mochte ihn und machte einen Song daraus. Ich dachte, das klingt doch gut, da weiß in der ganzen Welt sofort jeder, um welche Stadt es sich handelt.

tip Wie stehen Sie zur Mauerstadt-Nostalgie?
Gerrit Meijer Diese ganze West-Berlin-Nostalgie interessiert mich nicht besonders, ich bin heute kopfmäßig ganz woanders. Wenn ich jetzt Musik höre, dann eher Klassiker des 20. Jahrhunderts: Schostakowitsch, Schönberg, Bartók. Das waren alles Punks, wenn man so will. Punk ist doch sowieso nur eine Einstellungssache, das hat nichts mit Pogo zu tun.

Berlin, Punk, PVC – Die unzensierte Geschichte von Gerrit Meijer,Verlag Neues Leben, 256 S., 19,99 €

Lesungen:

Milchbar Manteuffelstr. 41, Kreuzberg, Do 13.10., 19 Uhr

Schokoladen Ackerstr. 169, Mitte, So 30.10., 19 Uhr

Pinguin Club Wartburgstr. 54, Schöneberg, Di 29.11.,  19 Uhr

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