Kultur & Freizeit in Berlin

Rainer Werner Fassbinder

Jemand muss sich in die tiefsten Tiefen der Gesellschaft begeben, um sich für eine neue zu befreien. Dass jemand, der das tut, wie auch immer, faszinierend ist, ist klar.“ Hat Rainer Werner Fassbinder über Jean Genet gesagt, anlässlich seines letzten Films „Querelle“. Und damit nebenbei seine eigene Strahlkraft erklärt. RWF ist tiefer und besessener hinabgestiegen in Verklemmung und Verdrängung dieser eigentümlichen 60er- und 70er-Jahre-BRD als andere.
Das Theatertreffen widmet dem 1982 gestorbenen RWF in diesem Jahr einen „Focus“. Neben Susanne Kennedys ästhetisch radikalem Menschenexperiment „Warum läuft Herr R. Amok?“, das als eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen von den Münchner Kammerspielen eingeladen wurde, sind parallel zum Theatertreffen Fassbinder-Bearbeitungen aus dem Repertoire von Berliner Bühnen zu sehen. Thomas Ostermeiers Melodrama-Nachzeichnung „Die Ehe der Maria Braun“ und der sprühende Apologeten-Abend „Angst essen Deutschland auf“ von Patrick Wengenroth an der Sch“aubühne. Außerdem Hakan Sava? Micans prägnant heutige Version der Gastarbeiterfabel „Angst essen Seele auf“ am Gorki. Dazu gibt es Symposien, Performances, ein Konzert mit Hanna Schygulla und ein Fassbinder-Fernsehzimmer. Es ist der Versuch, möglichst viele Facetten einer schillernden bis verklärten Existenz zu fassen zu bekommen. Arbeit am Mythos RWF.
Einen „Koloss im eigenen Jahrhundert“ nennt ihn Thomas Ostermeier ohne gespielte Ehrfurcht, „an dem man nicht vorbeikommt“. Fassbinder habe mit unkonventionellen Erzählungen „das Provinzielle der BRD in Figuren gespiegelt, die dieser Enge entkommen wollen – der inneren wie der äußeren“. Gerade seine frühen Filme, findet Regisseurin Susanne Kennedy, hätten dabei „eine fast unerträgliche Direktheit“. Seine Dialoge klängen, „als hätte er den Menschen um sich herum zugehört und die Sätze ohne Kunstfilter zu Papier gebracht. Darin liegt auch eine Hässlichkeit, die mich anspricht. Fassbinder“, bringt sie es auf den Punkt, „hat wirklich meinen Kopf geweitet“.
Dass man den Mann vom bayerischen Dorf früh als Enfant terrible gelabelt hat, ist für Patrick Wengenroth „eine willkommene Ausrede, um sich nicht inhaltlich mit ihm auseinandersetzen zu müssen“. Die Boulevardseite des RWF, etliche schwule und heterosexuelle Affären innerhalb des Fassbinder-Clans sowie exzessiver Drogenkonsum, verstelle den Blick darauf, wie konzentriert und strukturiert der Künstler gearbeitet und sich auch in Interviews geäußert habe: „Es gibt da keine Kinski-Ausraster. Fassbinder denkt nach und sagt was, er ist nie unfokussiert“, so Wengenroth.  
Das Bild des Provokateurs hat auch Hakan Sava? Mican nie interessiert. Das Außergewöhnliche am vermeintlichen Berserker Fassbinder ist für ihn „seine tiefe Menschenliebe“.

Text: Patrick Wildermann

Foto: JU / Ostkreuz

PROGRAMM

Warum läuft Herr R. Amok?
?Regie Susanne Kennedy, So 3.+Mo 4. Mai, 19.30 Uhr Deutsches Theater

Angst essen Seele auf ?Regie Hakan Sava? Mican, Mi 6. Mai, 19.30 Uhr Maxim Gorki Theater

Die Ehe der Maria Braun ?Regie Thomas Ostermeier, So 10., Mo 11.+Di 12. Mai, 20 Uhr Schaubühne

Angst essen Deutschland auf ?Ein Projekt von Patrick Wengenroth, So 10., Di 12.+Mi 13. Mai, 19.30 Uhr Schaubühne

Konzert: 17/70 – eine Zeitreise ?Hanna Schygulla denkt an Rainer Werner Fassbinder. Fr 8. Mai, 20.30 Uhr Haus der Berliner Festspiele, Seitenbühne

Einer, der eine Liebe im Bauch hat, der muss nicht am Flipper stehen Theatrale Aktion von Patrick Wengenroth. Uraufführung Fr 8. Mai, 18.30 Uhr Haus der Berliner Festspiele

Symposium: Das Private ist politisch! Rainer Werner Fassbinder im Theater heute. Vorträge, Podiumsdiskussionen und Tischgespräche. Mit Susanne Kennedy, Hans-Werner Kroesinger, Jürgen Trittin, Patrick Wengenroth u.a. am ?Fr 8. Mai, 11–17.30 Uhr Haus der Berliner Festspiele, Camp / Eintritt frei)

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