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Raufen – Ein Selbstversuch

Wildkatze gegen Aal: Manchmal muss es einfach etwas handfester sein. Bei Rauftreffs ­entdecken Großstädter neue ­Körperlichkeit. Unsere Autorin Leonie Brovot hat es ausprobiert

Foto: Mika Wißkirchen / www.raufen.com
Foto: Mika Wißkirchen / www.raufen.com

Früher, als ich noch wild und ungestüm war, habe ich oft mit den Jungs gerauft. Ich tat das immer als einziges Mädchen und fand mich deswegen unheimlich verwegen. Mit den Jahren galten lange Schulhof-Spaziergänge mit langen Freundinnen-Gesprächen dann aber als akzeptierter.
Doch war das, was akzeptiert war, nicht schon immer langweilig? Es gibt Menschen,  die sich regelmäßig treffen, um miteinander zu raufen. Laut raufen.com, einer Webseite, auf der Rauftreffs bekannt gegeben werden, gehe es dabei „nicht ums Gewinnen oder Verlieren“, sondern es sei eine „einvernehmliche körperliche „Auseinandersetzung“ (…), die uns unsere Körper auf eine ganz eigene, intensive Weise erleben lässt.“

Zeit für einen Selbstversuch. Man rauft heutzutage nicht mehr in der Gosse, sondern in einem Meditationszentrum in Kreuzberg. Drinnen ist alles in orangefarbenes Licht getaucht, der Geruch von Räucherstäbchen liegt in der Luft. Die anderen Teilnehmer sehen nicht so aus, als ob sie einander regelmäßig vermöbelten, eher wie Menschen, die jeden Moment den Sonnengruß runterbeten könnten. Ich blende aus, dass ich mich gleich mit Fremden auf dem Boden herumwälzen werde.
Nachdem wir uns aufgewärmt haben, erklärt der Trainer die Spielregeln: kein Treten, kein Schlagen, kein Beißen, kein Kratzen. Es kämpfen immer nur zwei, die anderen schauen zu. Als ich leise Bedenken anmelde, versichert mir der Trainer: „Keine Sorge, beim Raufen vergisst du sofort alles um dich herum.“
Die Partnerwahl läuft nach strengem Ritual ab. Man sitzt im Kreis. Man verständigt sich wortlos darüber, ob man miteinander kämpfen will. Schon merke ich, dass der Typ zu meiner Linken, der aussieht wie Mr. Bean, meinen Blick sucht. Ich starre stur auf den Boden. Um nichts in der Welt krieche ich jetzt in die Mitte.

Ein etwas moppeliger Mann in rosa Jogginghose und ein kleiner, drahtiger Mittvierziger haben sich jedoch schnell gefunden. Sie knien sich voreinander hin, schauen sich tief in die Augen. Dann packt der eine den anderen und zieht ihn zu Boden. Ich bekomme Angst. Sie rollen übereinander, berühren sich überall. Ich will das nicht! Sie scheinen Spaß zu haben, lachen. Ob ich es doch probieren sollte?
Beim nächsten Paar, einem Typen und einer Frau, droht mein mühsam aufgesetztes Lächeln vollends zu verrutschen. Das, was sich da vor mir abspielt, ist beinahe ein erotischer Nahkampf. Stöhnen, schreien. Ihr BH-Träger löst sich. Sie packen sich richtig an, tanzen einen sehr, sehr dreckigen Tango. Es ist wie bei einem Autounfall. Man möchte weggucken, kann aber nicht.

Wenn ich es jetzt nicht ausprobiere, tue ich es nie. Als ich meiner Raufpartnerin gegenübersitze, muss ich lachen. Ich komme mir albern vor. Wie soll ich nur anfangen? Früher war das irgendwie einfacher. Doch da hat sie mich schon gepackt und ich liege auf dem Boden. Mein Instinkt sagt mir sofort, was zu tun ist: Ich werde bedroht, muss mich verteidigen. Ich versuche, wieder auf die Knie zu kommen und sie irgendwie aus dem Gleichgewicht zu bringen. Wir spielen dieses Spiel eine Weile; sie immobilisiert mich, ich schaufel mich wieder frei.

Mitten im Kampf ruft mir der Trainer zu: „Und jetzt drück sie zu Boden!“, was ich dann, ganz perplex, auch tue. Ich darf mir erlauben, die Starke zu sein. Und frage mich: Wenn ich hier lerne, mich zu behaupten, fällt es mir dann auch im Alltag leichter, zu sagen, was ich will und was nicht? Macht Raufen selbstbewusster?
Ich entdecke die unterschiedlichsten Raufstile bei den anderen. Da ist Joy, die den Gegner mit ihren Blicken fixiert und sich anschleicht wie eine Wildkatze. Dann setzt sie plötzlich zum Sprung an und stürzt sich auf ihn. Sie legt ihre ganze Seele in den Kampf. Dann ist da ein Mann, der sich wechselweise wie eine Schlange, ein Aal oder eine Robbe bewegt.

Raufen scheint etwas in den Menschen auszulösen. Zwei Partner liegen für einen Moment einfach auf dem Boden und lachen. Als ich nach Hause radle, fühle ich mich frei, lebendig und stark. Für einen Moment war ich wieder ein Kind, das einfach nur spielt, ohne Absicht, ohne Ziel. Ich glaube, ich raufe nochmal.

Berliner Rauftreffs Jeden Mi im Osho Mauz Berlin, ­Reichenberger Str. 29, Kreuzberg,Tel. 0172-309 88 09. Und jeden ersten So im Monat im Playfightclub Berlin, Hobrechtstr. 31, Neukölln, Tel.: 0177-549 09 04

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