Shopping und Stil in Berlin

RAW Flohmarkt: Nähmaschinen und Edel-Nippes

An der Revaler Straße, eine der Hauptschlagadern der Berliner Subkultur, reihen sich auf dem RAW-Gelände Clubs an Bars.

Raw_DvBAuch in den frühen Sonntagsstunden hört das bunte Treiben nicht auf. Zur besten Afterhour bieten ab neun Uhr überwiegend private Händler wie Karolin Hewelt (Foto) vor graffitiverzierten Backsteinwänden Hausrat und Klamotten an. Die Kulturwissenschaftlerin schätzt die Abwesenheit von Profi-Feilschern mit Weiterverkaufsabsicht. Schließlich soll das Erbstück ihrer Großtante, eine Singer-Nähmaschine aus den 30er-Jahren, die später mit einem strombetriebenem Fußpedal modernisiert wurde, unbedingt an eine Nähanfängerin gehen. Loswerden würde die 28-Jährige auch gerne die in Holz gefasste Wetterstation. Mit ihrer Hilfe dokumentierte Karolins Opa jahrelang das Wetter. Wie ist das mit Trennungsschmerz bei Stücken mit Erinnerungswert? Karolin fasst ihre Gefühlslage lakonisch zusammen: „Selbst wenn man sich von Sachen trennt – man hat immer noch viel Kram.“ Allerdings, das knallrote Radio, das in den 80ern beim Vater im Büro, später bei Karolin im Bad stand, geht wohl noch mal in die Reparatur. Zu schön ist es und ausge­stattet mit echten Drucktasten, die richtig nachgeben. Im ausgedehnten Touchscreen-­Universum eine echte Seltenheit.

Auch Tanja Rama verabschiedet sich nach dem Motto „Schön war’s, aber jetzt sind andere dran“ im Minutentakt vom Spielzeug ihrer fünf mittlerweile erwachsenen Kinder. Die Hebamme hat den RAW-Flohmarkt bewusst gewählt: „Hier sind die jungen Familien, und das Parken ist easy.“ Das Interesse am Kasperle-Figurenensemble der Marke Fisher Price, das bei den Ramas zwei Generationen bespaßte, hält sich in Grenzen. Im Gegensatz zu den verstellbaren Rollschuhen, die sich als Top-Seller entpuppen.

Das Holzschaukelpferd war mal richtig teuer, jetzt wird es „nach Gefühl“ verkauft. Um einen Zuschuss für die Familienkasse geht es Tanja Rama nicht, der Markterlös fließt an das Tibetisch-Buddhistische Zentrum Berlin, in dem sie mitarbeitet. Unbedingt den Besitzer wechseln muss das Raclette-Set, schließlich isst die Familie längst vegan. Wenn schon Flohmarkt, dann gemütlich. Jorg Ellhsel jedenfalls macht es sich an seinem Zigarrentisch mit Spitzendeckchen unter Glas bequem und erzählt bei einer Tasse Tee von dem Jäger in Geldnot, der ihm seine Trophäen aufschwatzen wollte. Dabei wollte Ellhsel nur die Mandoline seiner Mutter. Ansprechend und alt sollten die Objekte nach Ellhsels Geschmack unbedingt sein. Bei der Küchenrollenhalterung macht er eine Ausnahme, eindeutig auf alt getrimmter Shabby-Chic, aber schön. Seine eigene Schüssel-Sammlung lässt der Porzellan-Fan unangetastet, sich von Erbstücken zu trennen, käme Hochverrat gleich. Ellhsels Liebling des Tages ist die große Obstschale, weil es das heute gar nicht mehr gibt. „Formvollendeter wurde Kitschporzellan nie verarbeitet“, meint er mit Blick auf das gute Stück und nimmt noch einen Schluck Tee.

Text: Katrin Falbe

Foto: David von Becker

AW Flohmarkt Revaler Straße 99, Friedrichshain, So 9–19 Uhr, Tel. 0177-827 93 52, https://de-de.facebook.com/pages/RAW-Flohmarkt/366536792035

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