Stadtleben und Kids in Berlin

Refugee-Tour auf der Fкte de la Musique

Nermin_und_Sallim_im_StudioIrgendwo, meist weit am Rande einer Kleinstadt, steht eine heruntergekommene Jugendherberge, zu der es keine Urlauber mehr hinzieht. Oder ein eigens errichtetes Container-Dorf, umfasst von einem hohen Zaun, was der Anlage immer etwas Gefängnishaftes verleiht: Die 80 Flüchtlingsheime, die der Hamburger Musiker Heinz Ratz 2010 während einer 7?000-Kilometer-Fahrradtour durch Deutschland besucht hat, bieten ein Dach über dem Kopf, das ja. Aber ein Heim? In den überfüllten, schäbigen Mehrbettzimmern vegetieren nach Deutschland geflohene Menschen monate- oder jahrelang ohne Perspektive vor sich hin, stumpfen irgendwann ab. Manche begehen auch Selbstmord. Oder sie begeben sich in die Anonymität der Großstädte, wo sie als Illegale den Wogen des Schicksals ausgeliefert sind.
Asylbewerber – oder abfälliger: Asylanten –, das sind diese gesichtslosen Leute, die von den Behörden gerne aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit weggeschafft werden und von denen es immer wieder heißt, sie würden uns „überfluten“ und die deutschen Sozialsysteme „ausbeuten“. Es sind Iraker, Afghanen, Serben oder Gambier. Heinz Ratz aber hat während seiner Fahrradtour, Teil drei seines „moralischen Triathlons“, festgestellt: Es sind Menschen mit Persönlichkeiten, mit Geschichte – und mit vielen Talenten. Der Leader der Band Strom & Wasser hat mit den Flüchtlingen nicht nur geredet. Er hat auch mit ihnen musiziert. Und überrascht entdeckt: „Da sind echte Profis dabei.“

Etwa John Kariuki, Kenianer und Teil einer benachteiligten Minderheit, der in einer Flüchtlingsunterkunft bei Schönefeld lebt. In seiner Heimat soll er mehrere Chart-Hits geschrieben und sogar einen populären Tanz entwickelt haben. Oder Revelino, ein Reggae-Sänger von der Elfenbeinküste, er ist in einem Asylheim in Oldenburg untergebracht. In seinen Liedern prangerte er die Korruption und das Unrecht in seinem westafrikanischen Heimatlandes an, was ihn in Lebensgefahr brachte. Oder auch Hossain, ein 17-jähriger Rapper aus Afghanistan, der trotz seines jungen Alters bereits eine Fluchtodyssee mit Stationen im Iran, der Türkei und Griechenland hinter sich hat und jetzt in einem Asylheim in Hamburg lebt. „In totalitären Systemen“, so Heinz Ratz’ Erklärung zur Vielzahl der Musiker, die er in den Flüchtlingsunterkünften vorgefunden hat, „ecken Künstler eben schnell an.“
Sam_am_MikroDer Sohn einer peruanischen Indianerin und eines Deutschen war zutiefst beeindruckt. Von der trostlosen Situation der Flüchtlinge einerseits, die bei uns nur das Nötigste zum Leben haben und vielerorts vom Alltag in der Bundesrepublik komplett abgeschnitten sind. Wegen der sogenannten „Residenzpflicht“ dürfen sie ihren meist abgeschiedenen Landkreis nicht verlassen, haben keine Möglichkeit, Land und Leute – und die Sprache – kennenzulernen. Was ihre ohnehin schon geringe Aussicht auf die Gewährung von Asyl weiter verschlechtert. Doch Heinz Ratz staunte auch, was Musik zu bewirken vermag: „Die Freude, endlich mal wieder ein Instrument in den Händen halten und gemeinsam jammen zu können, überlagerte bei den Flüchtlingen alles.“
Gypsy-Musiker der Roma spielten mit Reggae-Künstlern, Rapper mit traditionellen afrikanischen Trommlern. Dass Musik tatsächlich in der Lage ist, Grenzen zu überwinden, stellte Heinz Ratz, der schon mit Künstlern wie Konstantin Wecker oder Hannes Wader aufgetreten ist, einmal mehr fest. Und weil der Liedermacher kein Typ ist, der Missstände einfach auf sich beruhen lässt, sondern sich einmischt, überlegte er, wie er seine Erfahrungen in den Asylheimen mit anderen Menschen teilen könnte: Der Plan zur Refugee-Tour, einer Deutschland-Tournee mit Konzerten in den unterschiedlichsten Städten, war geboren.

Schon im Normalfall ist eine Tournee kein leichtes Unterfangen: Auftrittsmöglichkeiten müssen gefunden, Übernachtungsstätten organisiert werden. Man braucht Fahrzeuge, um das Equipment zu transportieren und jemand muss sich auch um die Werbung kümmern. Im Fall der Flüchtlinge jedoch war oft schon das gemeinsame Proben fast unmöglich. Mit ihrem monatlichen „Taschengeld“ im unteren zweistelligen Bereich wussten die Asylbewerber häufig nicht, wie sie die Fahrten zu den Proberäumen bezahlen sollten. Ganz abgesehen davon, dass sie sich strafbar machen, wenn sie ihren Landkreis unerlaubt verlassen. Behördliche Genehmigungen aber können von den zuständigen Sachbearbeitern nach Gutdünken verteilt oder eben vorenthalten werden. Heinz_Ratz_und_BandkollegenIst jemand im örtlichen Ausländer­amt mal mies drauf oder der Ansicht, Asylbewerbern ginge es in Deutschland ohnehin viel zu gut, gibt es für den Betroffenen eben weder Proben noch ein Konzert. Manchmal aber scheiterte der gemeinsame Auftritt auch an etwas viel Grundsätzlicherem: Flüchtlinge waren über Nacht abgeschoben worden.
Doch für Heinz Ratz war die Tour eine Herzensangelegenheit. Der Mann, der nicht nur als Musiker, sondern auch als Extremsportler seine Hartnäckigkeit mehrfach unter Beweis gestellt hatte, warb bei prominenten Kollegen, Veranstaltern und Menschenrechtsorganisationen um Unterstützung, fand kleine Hotels, die Übernachtungen sponserten, zapfte eigene Geldquellen an und verbrachte Tage, um Behörden per Telefon oder mit Briefen Reisegenehmigungen für die Flüchtlinge abzuringen.
Es sind zumeist Stadtfeste, Jugendclubs oder Weltmusik-Festivals, wo Strom & Wasser feat. The Refugees, eine elfköpfige, multikulturelle Band, 2012 bislang aufgetreten sind. Häufig sind es Veranstaltungsorte, die Künstlern zwar eine Plattform, aber nicht zwingend den entsprechenden finanziellen Ausgleich bieten. Im Fall der Refugee-Tour darf Heinz Ratz seine Flüchtlings-Mitmusiker aber ohnehin nicht mit Einnahmen beglücken: Asylbewerbern ist es gesetzlich untersagt zu arbeiten und Geld zu verdienen. Auch für Musiker gilt diese Regel.
Die Fкte de la Musique, die kommende Berliner Station, auf der Strom & Wasser feat. The Refugees haltmachen, bietet demnach die ideale Bühne: Jeder, der mag und sich vorher angemeldet hat, kann seine Instrumente auspacken, um irgendwo in Berlin Passanten mit seiner Musik glücklich zu machen. Wenn Heinz Ratz dann unter anderem mit den Reggae-Musikern Revelino und Jacques von der Elfenbeinküste, Sam Nyassi aus Gambia oder MC Trerelos aus Afghanistan erst im Wedding und dann in Lichtenberg für Stimmung sorgt, wird den Zuschauern nichts Besonderes auffallen. Denn auch die anderen Musiker, die hier für Beifall sorgen, haben ihre Wurzeln häufig im Ausland. Und die Ausweispapiere, die die Musiker bei der Session bei sich tragen, inte­ressiert im Publikum dann wirklich niemanden. 

Text: Eva Apraku
Fotos: Autofocus_Videowerkstatt


Strom & Wasser feat. The Refugees auf der Fкte de la Musique,
21.6.,
– Wedding, Bühne: Weddingklänge, Leopoldplatz, 18 Uhr;
– Lichtenberg, Bühne: LibeRo Stage, Linse an der Parkaue, Parkaue 25, 21.15 Uhr,
www.1000bruecken.de

Programm der Fкte de la Musique  hier als  pdf-Datei downloaden.

Mehr unter: http://www.fetedelamusique.de/

 

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