Interview

Regisseur Guillermo Del Toro über „Shape of Water“

„Liebe kennt keine bestimmten Formen“ – Der mexikanische Autor und Regisseur Guillermo Del Toro über Fantasiewesen, Liebe, Sex und seinen neuen Film, den Oscar-Favoriten Shape of Water – Das Flüstern des Wassers

Fox

Guillermo Del Toro (Foto) bewies bereits 1993 mit dem Langfilmdebüt „Cronos“ sein Faible für ­Fantasy und magischen Realismus. Es folgten die beiden verspielten „Hellboy“-Filme (2004 und 2008), der grandiose „Pans Labyrinth“ (2006) und „Crimson Peak“ (2015) mit Mia Wasikowska. Als nächstes Projekt soll der 53-jährige Mexikaner an eine düstere Neuverfilmung des Pinocchio-Stoffes planen.

tip Herr Del Toro, lassen Sie uns zunächst über den Amphibienmann sprechen, der in „Shape of Water“ zum Objekt der Begierde Ihrer Protagonistin wird. Er ist viel mehr als ein bloßer Spezialeffekt, nicht wahr?
Guillermo Del Toro Oh ja, unbedingt. Dieses Wesen ist mein männlicher Hauptdarsteller, deswegen ging es nicht einfach darum, am Computer irgendeine Kreatur zu designen. Diese Figur ist Filmheld, Gott und Tier gleichermaßen, und es ­dauerte drei Jahre, bis sie die richtige Gestalt angenommen hatte.

tip Drei Jahre?
Guillermo Del Toro Das schüttelt man nicht mal eben aus dem Ärmel. Natürlich habe ich Erfahrungen damit, Fantasie-Geschöpfe für Filme zu erschaffen. Aber es besteht zum Beispiel ein riesiger ­Unterschied zwischen einem Amphibienmenschen wie Abe Sapien damals in „Hellboy“ und nun dieser Kreatur. Damals war die Herausforderung nicht so riesig, schließlich befanden wir uns in einer eindeutig definierten Comicbuchwelt. In diesem Fall nun musste das Wesen sich organisch einfügen in eine zwar leicht überhöhte, aber letztlich doch realistische Umgebung. Und es war immer klar, dass da ein echter Mensch in diesem „Kostüm“ stecken würde.

tip Eine Sexszene zwischen Amphibienmann und Putzfrau hat für viel Aufsehen gesorgt. Warum war Ihnen dieser, für ein Monster-Märchen eher ungewöhnliche Aspekt so wichtig?
Guillermo Del Toro Konventionelle „Die Schöne und das Biest“-Geschichten bestehen meist aus zwei Elementen: Die Prinzessin ist wunderschön und makellos – und das Biest ist grauenvoll, wird aber am Ende natürlich zum Prinzen. Das ist für mich letztlich eine furchtbar aseptische Weise, so eine Geschichte zu erzählen. Mich ­interessierte – bei allen märchenhaften und Fantasy-Aspek­ten des Films – eine letztlich realistische Liebesgeschichte zwischen zwei ganz normal unperfekten Partnern. Dazu gehört auch Sex.

tip Würden Sie soweit gehen zu sagen, dass „Shape of Water“ eine Botschaft hat?
Guillermo Del Toro Warum nicht? Liebe kennt keine bestimmten Formen und schließt nichts und niemanden aus, das ist vielleicht die Botschaft. Eine ­stumme Putzfrau, die morgens vor der Arbeit Eier kocht, Schuhe putzt und masturbiert, hat die Liebe genauso verdient wie ein Amphibien­wesen, das Katzen den Kopf abbeißt und sich niemals in einen Prinzen verwandelt. Denn eine echte Liebesgeschichte ist nur möglich, wenn man den anderen so akzeptiert, wie er ist, und keine Veränderung erwartet.

tip Warum spielt Ihr Film in den frühen 1960er-Jahren?
Guillermo Del Toro Ich finde diese Zeit hochinteressant, denn wenn heute in den USA Sätze fallen wie „make America great again“, dann denken die, die so etwas sagen, an diese Nachkriegsjahre des Wirtschaftsbooms. Alles drehte sich um die Zukunft und das Weltall, Kennedy saß im ­Weißen Haus, in jeder Garage stand ein Auto und die Vorstadthäuschen waren prall gefüllt mit Tiefkühltruhen, Küchenmaschinen, ­Lockenwicklern und Petticoats. Ein vor allem im Rückblick idealisiertes Amerika, in dem es einem nicht besser gehen konnte, aber nur als weißer, heterosexueller, christlicher Mann. Nur wenn man einer Minderheit angehörte, war es auch damals ziemlich furchtbar.

tip Daher die Auswahl der Protagonisten in „Shape of Water“?
Guillermo Del Toro Genau. Eine stumme Frau, ein ungeouteter und in die Jahre gekommener Homosexueller, eine afroamerikanische Putzfrau, ein russischer Spion. All diese Menschen, die für den Typen, der derzeit in Amerika an der Macht ist, unsichtbar wären, sind es, die letztlich diesem geheimnisvollen Wesen zur Hilfe kommen. Während der von Michael Shannon verkörperten Antagonist in ihm bloß einen wider­lichen Eindringling aus Südamerika sieht.

tip Auch Fantasy-Filme können für Sie also politisch sein?
Guillermo Del Toro Auf jeden Fall. Das habe ich schon vor vielen Jahren durch die Filme von George Romero oder David Cronenberg gelernt. Oder denken Sie an das „Texas Chainsaw Massacre“: Wer genau hinsieht, erkennt darin eine der großen gesellschaftspolitischen Geschichten des 20. Jahrhunderts. Und auch Märchen können politisch sein. Es gibt natürlich solche, in denen jedem etwas Schlimmes passiert, der seinen Eltern nicht gehorcht. Das sind die, die die bestehenden Strukturen bestätigen, was ja auch nicht unpolitisch ist. Alle anderen sind eigentlich anarchistisch.

tip Apropos Außenseiter: Fühlen Sie sich als mexikanischer Filmemacher inzwischen in Hollywood angekommen?
Guillermo Del Toro Insgesamt schon, auch wenn ich nicht immer in Hollywood arbeite. Aber es war nicht leicht, als ich in den 90er-Jahren in den USA ankam. Weil ich aus Mexiko kam, handelten alle Drehbücher, die auf meinem Tisch landeten, von Stierkämpfern oder Drogendealern. So als würde man Cronenberg nur von Eishockey oder Ahornsirup erzählen lassen, weil er Kanadier ist. Doch zum Glück haben wir im Laufe der Jahrzehnte gewisse Barrieren durchbrochen. Heute können Mexikaner sogar Filme wie ­„Gravity“, „Birdman“ oder eben „Shape of Water“ drehen.

The Shape of Water (OT) USA 2017, 123 Min., R: Guillermo del Toro, D: Sally Hawkins, Michael Shannon, Richard Jenkins, Octavia Spencer, Doug Jones, Start: 15.2.

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