25 Jahre

Reichstagsverhüllung vor 25 Jahren: Das wahre Sommermärchen

25 Jahre nach der Reichstagsverhüllung durch Christo und Jeanne-Claude müssen sich die Zeitzeug*innen von damals manchmal kneifen: War diese mitreißende Kunstaktion Wirklichkeit? Oder nur ein schöner Traum? Sie erinnern sich an die Aufbruchsstimmung kurz nach der Wende. An die vielen Freiräume im wiedervereinigten Berlin für Kunst und an gesellschaftliche Projekte. Und an die grandiose Möglichkeit, sich auf der Wiese vor dem Kunstwerk von Angesicht zu Angesicht ohne Misstrauen und Hass zu begegnen


Reflektieren mithilfe der Kunst

Die unterschiedlichsten Menschen kamen vor dem verhüllten Reichstag zusammen.
Die unterschiedlichsten Menschen kamen vor dem verhüllten Reichstag zusammen. Foto: Patricia Romanowsky

Kay Itting, 52, Event-Manager, Kulturberater

Im Februar 1990 bin ich nach Berlin gekommen, davor war ich ein Jahr in Südamerika. Berlin kurz nach dem Mauerfall war eine unglaublich spannende Stadt und Berlins Mitte eine hochinteressante Interzone: Man bewegte sich zwischen Trümmern und Kunstprojekten. Die Idee, den Reichstag, dieses urdeutsche Gebäude, zu verhüllen, passte da haargenau. Von Anfang an hatte ich mir angeguckt, wie das genau gemacht wurde, da waren ja Industriekletterer am Werk. Die ganze Entwicklung hatte ich mitbekommen und war dann später auch noch drei, vier Mal da.

Es war ein wunderbarer Sommer, wir saßen auf der Wiese vor dem Reichstag und tranken Rosé. Damals hätte es keinen Ort auf der Welt gegeben, wo ich zu diesem Zeitpunkt lieber gewesen wäre. Wenn ich den verhüllten Reichstag betrachtete, dann dachte ich, vielleicht wird das doch noch alles gut mit diesem neuen Deutschland: progressiv, weltoffen und nimmt sich selbst nicht zu ernst. Dieses Abstraktmachen eines so starken Symbols hat mich damals sehr zur Reflexion über mein Verhältnis zu dem Land, in dem ich geboren wurde, eingeladen. Und so etwas kann nur Kunst.


So waren die 1990er-Jahre

Patricia Romanowsky vor dem verhüllten Reichstag 1995.
Patricia Romanowsky vor dem verhüllten Reichstag 1995. Foto: Patricia Romanowsky

Patricia Romanowsky, 36, Social-Media-Redakteurin bei der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag

Auf dem Foto, wo ich vor dem verhüllten Reichstag stehe, war ich etwa zwölf Jahre alt. Ich komme ursprünglich aus Ostberlin, habe die ganze Entwicklung der Wiedervereinigung quasi am eigenen Leibe erlebt und bin mit der Stadt mitgewachsen. Als ich geboren wurde, ist meine Oma 60 Jahre alt geworden und durfte dann auch nach West-Berlin reisen. Ich erinnere mich deshalb so gut an die Zeit vor der Wende, weil ich mich immer gefragt habe: Wieso darf ich nicht „nach drüben“? Umso toller war es, als die Mauer dann fiel. Wir waren danach eigentlich jedes Wochenende unterwegs, besonders meine Mutter hat viel mit mir unternommen.

Auf dem Programm standen alle Orte, die wir vorher nicht besuchen konnten und 1995 natürlich der verhüllte Reichstag. Drei Mal waren wir dort. Es war bombastisch! Der Sommer war ziemlich heiß, die Leute haben auf der Wiese getanzt und überall konnte man die Aufbruchsstimmung spüren. Damals war in Berlin so viel möglich. Für mich repräsentiert die Reichstagsverhüllung die 1990er-Jahre. Und jedes Mal, wenn ich heute im Bundestag an der Ausstellung zur Reichstagsverhüllung vorbeikomme, muss ich an diese Zeit zurückdenken. Denn mittlerweile ist der Reichstag mein Arbeitsplatz.


Mit Menschen in Kontakt

Stephan Mielke und seine damalige Freundin waren bei der Reichstagsverhüllung dabei.
Stephan Mielke und seine damalige Freundin waren bei der Reichstagsverhüllung dabei. Foto: Stephan Mielke

Stephan Mielke, 53, Verwaltungsfachangestellter

Ich bin gebürtiger Berliner und war mit 29, also vor 25 Jahren, ohnehin schon der Meinung, dass Berlin die beste Stadt der Welt sei. Trotzdem war ich, wie viele andere, skeptisch, ob das mit der Reichstagsverhüllung so eine gute Idee ist: Das viele Geld für so eine vorübergehende Sache! Jahrelang war auch unklar, ob die Reichstagsverhüllung überhaupt stattfinden wird. Als es dann aber losging, war ich total fasziniert. Eine Woche lang bin ich jeden Abend mit meiner damaligen Freundin – sie ist jetzt meine Frau – zum Reichstag gefahren. Damals gab’s noch keine Spätis und so haben wir uns bei Bolle oder Rewe Getränke besorgt und uns auf die Wiese gesetzt.

Man kam dort mit vielen Menschen in Kontakt, die man sonst nie kennengelernt hätte. Alle Gesellschaftsschichten waren vertreten. Über den herandämmernden Abend mit seinen veränderten Lichtverhältnissen änderten sich auch immer wieder die Reflexionen der schimmernden Reichstagsverhüllung. Das war wirklich erhebend. Es klingt vielleicht abgedroschen, aber ich habe es auf jeden Fall so empfunden: Die Reichstagsverhüllung war, noch mehr als später die Fußballweltmeisterschaft, ein echtes Sommermärchen. Es war so geil!!!!!


Damals war alles so unschuldig

Für die damalige Neuberlinerin Angela Geißler war die Reichstagsverhüllung die erste große Sache in der Hauptstadt
Für die damalige Neuberlinerin war die Reichstagsverhüllung die erste große Sache in der Hauptstadt Foto: Angela Geißler

Angela Geißler, 47, Sozialpädagogin

Als in Berlin die Verhüllung des Reichstags anstand, war ich wegen meines Studiums gerade hierher gezogen. Von der alten Hauptstadt Bonn in die neue Hauptstadt Berlin. Wobei Bonn ja eher Provinz war. Die Reichstagsverhüllung war meine erste „große Sache“ in Berlin. Ich fand es super und bin schon beim Aufbau immer mal wieder dahin, weil ich wissen wollte, wie es dort vorwärts ging. Ich habe auch noch ein Stück von dem Stoff im Fotoalbum.

Dann hat mich auch noch meine beste Freundin aus Bonn besucht, die es so toll fand, dass ich nun in Berlin lebte. Drei Mal sind wir zusammen zum verhüllten Reichstag gegangen, obwohl ich sonst eigentlich gar nicht so kunstinteressiert bin. Aber es war einfach etwas sehr Besonderes: Kleine Grüppchen traten da auf, es wurde getanzt. Es war eine super Stimmung, alle waren begeistert. Was mir im Nachhinein jetzt ganz besonders auffällt: Wie unschuldig das damals alles war. Heute würden bei Stichworten wie „Reichstag“ oder „Verhüllung“ sicherlich jede Menge Verschwörungstheorien verbreitet.


Dabeisein für sieben Mark

Linde Rohr-Bongard arbeitete bei der Reichstagsverhüllung mit.
Linde Rohr-Bongard arbeitete bei der Reichstagsverhüllung mit. Foto: Linde Rohr-Bongard

Linde Rohr-Bongard, 75, Journalistin und Künstlerin

Das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude kenne ich bereits seit Anfang der 1970er-Jahre, als mein verstorbener Mann Willi Bongard, der Erfinder des Kunstkompass, mit ihnen eine Verhüllungsaktion in Monschau realisierte. Der Kontakt zu dem Paar blieb auch nach Willis Tod bestehen. Zum einen, weil ich als Journalistin über Kunst und den Kunstmark schreibe, außerdem den Kunstkompass weiter betreibe. Zum anderen hatte sich aber auch eine enge Freundschaft zu Jeanne-Claude und Christo entwickelt, ich hatte die beiden oft in New York besucht und war weltweit bei vielen ihrer Kunstaktionen dabei. Für mich waren es auf jeden Fall immer die schönsten Erfahrungen, die ich mit Kunst gemacht habe – und ich habe nicht wenig Erfahrungen mit Kunst!

Deswegen wollte ich in Berlin unbedingt als Akteurin dabei sein, habe mich als „Monitor“ gemeldet, also als Aufsichtsperson im Schichtdienst. Für sieben Mark die Stunde plus täglich eine warme Mahlzeit. Ich war auf jeden Fall die älteste Aufsichtsperson dort, hatte eine Gruppe von 14 Leuten geleitet. Während sich die männlichen „Monitore“ bei der Nachtschicht heimlich in umliegende Kneipen verdrückten, wachte ich zusammen mit einer jungen Frau, die ebenfalls als „Monitor“ angeheuert hatte, nachts im Regen unterm Schirm. Ute Bartel, sie ist Künstlerin, und ich haben uns damals auf diese ungewöhnliche Art kennengelernt. Wir sind bis heute Freundinnen.

Jeanne-Claude – tolle Frau!

Hakan Türkmen hat sich ein Stück Stoff von Verhüllungsplane gesichert.
Hakan Türkmen hat sich ein Stück Stoff von Verhüllungsplane gesichert. Foto: Hakan Türkmen

Hakan Türkmen, 56, Gastronom und Künstler

Das Projekt „Wrapped Reichstag“ hatte ich bereits lange vor der Verwirklichung verfolgt. Kunst und Kultur interessieren mich sehr. Und Berlin ist dafür ein toller Standort. In den 1990ern habe ich regelmäßig das Quasimodo, besonders gerne aber auch die „Heimatklänge“ im Tempodrom besucht. Die Konzerte mit Musik aus aller Welt waren umsonst und draußen – so wie auch der „Wrapped Reichstag“. Fasziniert an dem Projekt hat mich vor allem, wie das Künstlerehepaar Christo und Jeanne-Claude die zweidimensionalen Skizzen in dieses gigantische Kunstwerk vor Ort umgesetzt haben. Eine unglaubliche Leistung!

Als der „Tagesspiegel “ während der Zeit der Reichstagsverhüllung einmal eine abgedruckte Christo-Grafik beilegte, die man sich unterschreiben lassen konnte, habe ich mich am Reichstag schon morgens um vier oder fünf Uhr in die Schlange gestellt. Ich wollte mir das auf keinen Fall entgehen lassen. Während der etwa fünfstündigen Wartezeit habe ich die Atmosphäre sehr genossen, die Zeit verging sehr schnell. Und dann bekam ich die Unterschrift. Jeanne- Claude hat mich fast noch mehr beeindruckt als Christo. Eine tolle Frau! Diese Aura! Obwohl ich sonst vielleicht nicht der ordentlichste Mensch bin, habe ich diese Erinnerungsstücke, darunter auch ein Stoffstück, von dem Verhüllungsmaterial, sorgfältig aufbewahrt.


Eleganz durch Faltenwurf

Gesammelte Erinnerungen an die Reichstagsverhüllung von Cyrus Ghahremani.
Gesammelte Erinnerungen an die Reichstagsverhüllung von Cyrus Ghahremani. Foto: Cyrus Ghahremani

Cyrus Ghahremani, 52, Projektleiter

Damals, als der Reichstag verhüllt wurde, war ich noch Student der Elektrotechnik an der TU-Berlin. In den Medien hatte ich verfolgt, welche Projekte Christo weltweit realisiert hatten und wollte den verhüllten Reichstag deswegen unbedingt sehen. Es war klar, dass es ein einmaliges Erlebnis sein würde, denn so viele von diesen aufwändigen Verhüllungsprojekten hat es nun auch wieder nicht gegeben. Zweimal war ich dann vor Or t , immer herrschte Volksfestatmosphäre. Es war sehr beeindruckend, dieses wuchtige Gebäude so eingepackt zu sehen. Durch die fließende Bewegung des Faltenwurfs wirkte das Gebäude viel feiner, eleganter. Ich bin ganz nah herangegangen, habe mir den Stoff genau angeguckt.

Außerdem hatte ich das Glück, dass bei dem einen Mal, als ich beim Reichstag war, auch Christo und seine Frau Jeanne-Claude anwesend waren: Sie wurden auf einer Tribüne interviewt, es wurden währenddessen auch originale Stoffstückchen verteilt, von denen ich mir dann eins gesichert habe. Inzwischen lebe ich in Regensburg. Da gibt es zwar nicht so viele Großereignisse wie in Berlin, trotzdem passieren auch hier spannende Sachen. Im Herbst letzten Jahres wurde anlässlich 150 Jahre Errichtung der Regensburger Domtürme eine aufwendige Illumination mit Animation an der Dom-Fassade gezeigt. Das habe ich mir natürlich ebenfalls angeguckt.


Berliner Geschichte

In den 90ern ging noch so einiges in Berlin. Diese 12 Dinge kennt jeder, der damals in der Stadt gelebt hat. Das moderne Berlin, wie wir es heute kennen, existiert seit 100 Jahren, exakt seit dem 1. Oktober 1920. Folgt uns auf eine Zeitreise in 12 Fotos.

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