Nick Cave

„Er ist quasi Gott“ – Reinhard Kleist spricht über Nick Cave

Der Berliner Comickünstler Reinhard Kleist hat schon das Leben von Johnny Cash gezeichnet. Für „Mercy On Me“ nahm er sich Nick Cave vor, in der Graphic Novel kombiniert er biografische Fakten mit dem Mythos und Caves eigenen Schöpfungen

Reinhard Kleist, Foto: Carlsen Verlag/ Wolf Dieter Tabbert

tip Herr Kleist, Sie sind in den 1990er Jahren nach Berlin gezogen, da hat Nick Cave hier nicht mehr gelebt. Wann haben Sie ihn für sich entdeckt?
Reinhard Kleist Mein Einstieg war 1996 das Album „Murder Ballads“, dann bin ich zu meinem ersten Nick-Cave-Konzert gegangen, das war die Tour zum „No More Shall We Part“-Album. Ich verlor ihn aber bald wieder aus den Augen als er das nicht so tolle „Nocturama“-Album gemacht hat, und das Konzert dazu in der Arena Berlin fand ich so doof, dass ich mitten drin gegangen bin. Techno hat mich zu der Zeit sowieso mehr interessiert.

tip Wie sind Sie zu ihm zurückgekehrt?
Reinhard Kleist Richtig wiederentdeckt habe ich ihn, als ich die Idee zu dem Buch hatte. Da habe ich mir alle Platten besorgt und musste feststellen, dass er nach diesem missglücktem Album eigentlich die besten Sachen gemacht hat: „Abattoir Blues“, „The Lyre of Orpheus“ und sein Seitenprojekt Grinderman.

tip Was hat Sie an Nick Cave fasziniert, dass Sie auf die Idee kamen, sein Leben und Werk als Comic zu verarbeiten?
Reinhard Kleist Dass er genauso wie Johnny Cash ein fantastischer Geschichtenerzähler ist. Nicht nur mit den Texten sondern auch mit seiner Musik. Das hat er sich erarbeitet, wenn man die ersten Alben mit The Birthday Party hört, ist das zum Teil unhörbarer Krach. Erst in Berlin und mit der Gründung der Bad Seeds fand er zu einer Sprache, mit der er Stimmungen und Erzäh–l­ungen transportieren konnte.

tip Und die erzählerische Qualität der Songs übersetzten Sie in Bilder?
Reinhard Kleist Wenn ich einen Song wie „Tupelo“ höre, habe ich ganz starke Bilder im Kopf, von dieser Stadt die da im Regen versinkt. Das spiegelt sich auch in seinem Roman „Und die Eselin sah den Engel“. Mich hat fasziniert, wie sein Werk sein Leben dominiert, und wie Realität und Fiktion einander überlagern und er sich völlig in dieser sumpfigen Welt verliert.

tip Eine klassische Comic-Biografie ist „Have Mercy On Me“ nicht.
Reinhard Kleist Tatsächlich habe ich versucht, Caves Lebensgeschichte mit Bildern zu illustrieren, die aus seinen Songs und Texten stammen. Zum Beispiel das Auf und Ab seiner Beziehung mit Anita Lane, das spiegelt sich in der Figur des liebeskranken Kapitäns, der immer im Kreis fährt und nicht weiß, wo er hin soll, aus dem Song „Cabin Fever“.

tip Sie führen die Songs auf bestimmte Lebenssituationen zurück und konstruieren daraus eine Erzählung?
Reinhard Kleist Von Anfang an sollte die Biografie mythenhafter angelegt werden. Das hat Nick selbst angeregt und er baut ja selbst an seiner Legende. Wenn man sich seine Interviews durchliest oder den Film „20.000 Days on Earth“ sieht, stellt man ein augenzwinkerndes Schrauben am eigenen Mythos fest. Eine eins zu eins Biografie, die mir anfangs vorschwebte, hat ihn überhaupt nicht interessiert.

tip Wie sind Sie an Nick Cave herangetreten?
Reinhard Kleist Bei ihm muss man den offiziellen Weg einschlagen, wenn man sich nicht privat kennt. Also schickte ich ihm mein Ansinnen ganz klassisch über das Label, das es an Caves Assistentin weiterreichte, die daraufhin antwortete, solche Ideen würde Cave jeden Tag auf den Tisch bekommen, und machte mir nicht viel Hoffnung. Einige Wochen später bekam ich dann eine E-Mail von dem Herren persönlich und er schrieb, er kenne meinen Johnny-Cash-Comic und möge ihn, und dass er die Idee gut fände, von ihm aber nicht viel Input kommen würde.

Reinhard Kleist/ Carlsen

tip Getroffen haben Sie sich aber nicht?
Reinhard Kleist Doch, einige Zeit später im Sommer 2013 außerhalb von Berlin beim Greenville Festival, wo die Bad Seeds gespielt haben. Das war draußen vor dem Backstage-Bereich vor der Kulisse eines dräuenden Gewitters. So muss ein Comic über Nick Cave anfangen, das hat gepasst! Daraufhin begann ich, Ideen zu entwickeln, die mir dann aber alle zu flach erschienen. Die Geschichte des jungen Musikers, der erfolgreich wird, die Drogen und noch mehr Erfolg, das habe ich schon bei Cash gehabt. Ich musste mir überlegen, wie ich dem Mann gerecht werde, und dabei hat sich ein Erzählkonzept herauskristallisiert, das auf das Verhältnis von Künstler und Werk setzt und seine Philosophie herausarbeitet.

tip Eine Cave-Philosophie?
Reinhard Kleist Dieses erfinden von Welten und Figuren bringt ihn in eine Position als Künstler, in der er Erschaffer, also quasi Gott ist, und das ist wiederum eine Verbindung zu mir, weil ich als Geschichtenerzähler und Zeichner genau das gleiche mache. So habe ich dieses Konzept auf die Spitze getrieben und seine eigenen Figuren mit ihm selbst in Kontakt gebracht. Diese Figuren ziehen ihn zum Schluss auch zur Rechenschaft, weil er ja nicht besonders zimperlich mit ihnen umgegangen ist.

tip Denkt man an Nick Caves Werk fallen einem meist Begriffe wie Sex, Bibel, Blues, Drogen ein. Wie sind Sie damit umgegangen?
Reinhard Kleist Ich habe jetzt nicht viele Sexszenen eingebaut (lacht), aber klar, Frauen spielen eine Rolle. Auch was die Drogen angeht ist es schwierig, weil irgendwelche lustigen Drogengeschichten schnell langweilig werden. Ich wollte mich auf etwas anderes konzentrieren. Das Hauptthema für mich ist seine Arbeitswut, sein Drang, immerzu neues zu kreieren.

tip Jenseits seiner Hauptband schreibt er auch Romane und Lyrik, komponiert Filmmusik, hatte eine zweite Band.
Reinhard Kleist Wenn man es nicht einfach abhaken will, lässt sich das alles nicht abhandeln. Im Zentrum steht schon die frühe Phase. Erst Australien, seine Wurzeln also, dort die allererste Band The Boys Next Door und der Weg über London nach Berlin. Die Gründung der Birthday Party und der Bad Seeds, aber auch der Moment ,als er von den Drogen weg will und nach Brasilien zieht.

tip Wie haben Sie recherchiert, auf welche Quellen haben Sie zurückgegriffen?
Reinhard Kleist Hier in Berlin natürlich die Orte besucht, Zeitgenossen gesprochen. Dann Bücher, Magazine und Fotos zusammengesucht und angeschaut, aber ganz schnell wieder zur Seite geschoben. Weil ich nicht so eine dokumentarische „Wie war es wirklich“-Sache daraus machen wollte. Klar tauchen da Leute wie Blixa Bargeld, Christoph Dreher, Bela B. oder Marianne Enzensberger oder Kneipen wie das Risiko und Caves Berliner Wohnungen auf. Ich benutze die Fakten aber als Vehikel für die eigentliche Geschichte und erlaube mir auch einige Freiheiten.

Reinhard Kleist/ Carlsen

tip Die Fans werden sich das alles sehr genau anschauen. Nach David Bowie ist Nick Cave schließlich der zweite große West-Berliner Rockstar-Mythos.
Reinhard Kleist Lustiger weise wird beides oft zusammengeworfen. Wenn ich Leuten von meinem Buch erzähle sagen sie dann, ah ja, Bowie und Cave haben in West-Berlin zusammen gewohnt. Aber das war ja Iggy Pop. Was den Mythos angeht, das stimmt, der wirkt noch bis heute nach bei Bowie und genauso bei Cave, und der hat hier ja auch eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

tip Gab es bei der Umsetzung besondere zeichnerische Herausforderungen?
Reinhard Kleist Die Figuren mussten natürlich schon so aussehen wie die realen Figuren. Cave ist eine Figur der 80er- und 90er-Jahre, dem wollte ich auch zeichnerisch entsprechen. Es hat lange gebraucht, um in den Stil reinzufinden. Für das Cave-Buch habe ich mich verändert im Vergleich zu den vorherigen Büchern, bin rauer geworden, expressionistischer. Dafür orientierte ich mich wieder an meinen alten Heroen aus den 90er-Jahren, Zeichnern wie Kent Williams, Dave McKean und Bill Sienkiewicz.

tip Neben der Comic-Biographie „Nick Cave – Mercy On Me“ erscheint parallel das „Nick Cave Art Book“. Wie unterscheiden bzw. ergänzen sich beide Publikationen?
Reinhard Kleist Während ich die Idee für die Biografie entwickelte, begann ich parallel dazu Bilder, Skizzen und illustrierte Songs zu zeichnen. Das waren Fingerübungen und Arbeiten, die nicht in die Geschichte selbst gehörten aber sich mit ihm beschäftigten. Nick Cave als Kapitän oder Cowboy oder Teufel etwa. Daraus ist der Produktionsblog www.nickcave-comic.com entstanden und am Ende hat sich der Verlag entschieden, die Sachen als Art Book zu veröffentlichen.

tip Nick Cave selbst war in diesem Prozess ebenfalls involviert?
Reinhard Kleist Ich habe ihm immer wieder Bilder geschickt und es kamen meist sehr aufmunternde Reaktionen von ihm. Wir haben auch telefoniert, was sehr lustig war, denn er fand mal eine Idee von mir gut obwohl er sie nicht ganz verstanden hat, was ihm aber gefiel, war die Tatsache, dass er am Schluss sterben würde. Dann ist 2015 dieser schreckliche Unfall passiert, sein Sohn Arthur verunglückte tödlich. Da hatte ich schon Angst, dass er die Lust an dem Projekt verliert und habe ihn in Ruhe gelassen, aber weitergemacht. 2016 war ich mal in London und fragte bei der Assistentin nach, ob ich ihn treffen könnte und das klappte. Er war zu der Zeit mit den Bad Seeds im Studio und dort sollte das Treffen stattfinden.

tip Die Londoner Air Studios in denen sein letztes Album „Skeleton Tree“ aufgenommen wurde.
Reinhard Kleist Genau. Das Studio ist in einer alten Kirche, man sieht es auch in dem Dokumentarfilm „One More Time with Feeling“, darin setzt sich Cave ja auch mit dem Tod seines Sohnes auseinander. Ich kam dort also an, mit ziemlich weichen Knien, da ich überhaupt nicht wusste, wie er drauf sein wird. Das war dann so ein tolles Treffen, er war sehr charmant und wir saßen bestimmt eine Stunde auf dem Sofa und schauten uns die neuen Zeichnungen an. Er hat viel gelacht, fand alles großartig und hat die Ideen verstanden, die ich mit dem Buch verfolge.

tip Den tragischen Tod von Nick Caves Sohn Arthur haben Sie nicht verarbeitet. Warum?
Reinhard Kleist Von Anfang an spielte seine gegenwärtige Situation keine Rolle in dem Konzept. Diese Tragödie reinzupressen hätte die Dramaturgie kaputt gemacht, es wäre zudem sensationslüstern, und es ist Nicks Aufgabe damit umzugehen und nicht meine. Er hat es sich auch ausdrücklich gewünscht, dass es nicht auftaucht.

tip Für den tip haben Sie die Edition „Yorckbrücken“ gestaltet. Welche Geschichte steht hinter dem Motiv?
Reinhard Kleist Ich mag das Motiv und er ist dort ja vermutlich öfter langgelaufen oder getorkelt, wenn er aus dem Risiko kam. Man läuft da zwangsläufig am Umsteiger vorbei und ich finde, das ist eine der schönsten Kneipen Berlins. Die gibt es seit immer, die sieht drin auch aus wie immer. Es ist ein völlig absurder Ort. Zwar sehen die Yorckbrücken heute nicht mehr so aus wie früher, da wird sehr viel gebaut. Aber die Situation, Berlin am frühen Morgen, es schneit, der diesige Staub der Kachelöfen, nach Kreuzberg laufend, noch eine rauchen. So habe ich mir Nick Cave in Berlin vorgestellt.

Buchvorstellung mit Reinhard Kleist im Pfefferberg-Theater, Schönhauser Allee 176, Prenzlauer Berg, Mo 16.10., 20 Uhr

Konzert von Nick Cave and the Bad Seeds in der Max-Schmeling-Halle, Falkplatz 1, Prenzlauer Berg, So 22.10., 20 Uhr (ausverkauft)

Abonnieren Sie den tip Berlin und erhalten als Prämie das Artbook von Reinhard Kleist „Nick Cave“. Mehr Infos.

Der Siebdruck von Reinhard Kleist: Nick Cave – Yorckbrücken

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentare