Kultur & Freizeit in Berlin

Renaissance der Nachbarschaft

Selbst Wissenschaftler hatten sie schon ad acta gelegt. Jetzt aber erlebt Nachbarschaft eine Renaissance. Und zwar vor allem: im wahren Leben .

Renaissance der Nachbarschaft

Nachbarn: ein weites Feld. Jeder hat dabei so seine Mehrfamilienhausassoziationen. Die alte Frau von nebenan, die über jeden geänderten Beziehungsstatus im Haus schneller Bescheid weiß als Facebook. Der Student eine Etage höher mit den dezibelmäßig herausfordernden Musikvorlieben. Oder die Alleinerziehende mit drei Kindern von Parterre, der immer ausgerechnet sonntags die Milch ausgeht. Nachbarn sind eben, wie Nachbarn sind. Man kann sie sich nicht aussuchen. Ändern daran kann man auch nicht viel.
Moment. Wirklich nicht? Von wegen! Vielleicht liegt es an den rasanten Veränderungen in der Stadt: Zuzugstress, Mietendruck, Touristentamtam. Man sucht wieder die Vertrautheit in der Nähe. Dazu muss man sich nicht mal mögen. Aber kennen.
Selbst in der Wissenschaft war das Thema ja so ziemlich durch. In der Raumforschung, der Stadtsoziologie. Weil ja alles so einleuchtend schien, ein für allemal geklärt. So viele vermeintliche Gewissheiten. Dass die Großstadt eben Anonymität befördere. Und dass Nachbarschaft im Grunde nicht viel mehr eine „reine Grüß-Beziehung“ sei, wie es  die Soziologin Gabriela Christmann, Professorin vom Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Industrieplanung (IRS), formuliert. Und jetzt? Alles anders! Nachbar? Aber hallo! „Wir haben ein Revival der Face-to-Face-Beziehungen“, sagt Christmann. In der Forschung, die sich seit fünf, sechs Jahren dem Thema wieder zuwendet, wie sie beobachtet hat. Vor allem aber: im Leben. Dem Nachbarschaftsleben.
Da werden Gemeinschaftsgärten im Hinterhof gehegt, Feste im Treppenhaus gefeiert. Oder man holt auch mal Kinder von nebenan aus der Kita ab. Die nächste Stufe sind selbst konstruierte Nachbarschaften: bei gemeinsamen Wohnformen. Nicht zuletzt auch: generationsübergreifend. Noch so ein neuerer Trend. „Wir registrieren Heerscharen von älteren Menschen, die schlichtweg vereinsamen würden in der Stadt und deshalb auf der Suche nach solchen Projekten sind“, sagt Constanze Cremer von der Netzwerkagentur GenerationenWohnen.
Der britische Soziologe Richard Sennett erzählte auch gerade dem „SZ-Magazin“ von seiner Suche nach neuen Wohnformen: „Meine Kollegen und ich wollen den urbanen Wohnblock neu erfinden, in dem öffentlicher Raum funktioniert, ohne die Privatsphäre Einzelner zu verletzen.“ Und dieses vielleicht neue, auf jeden Fall aber spürbar zunehmende Berliner Nachbarschaftsgefühl reicht bis zu neuen Nachbarschaftsinitiativen wie zum Beispiel Polly & Bob in Friedrichshain oder Weddingwandler im, genau, Wedding, die die Vernetzung ganzer Kieze im Sinn haben. So ist auch das Konzept von Nachbarschaft im Wandel begriffen. Das Verständnis von dem Begriff an sich, was da alles reingehört: Er meint eben nicht nur unmittelbar die Leute, die man öfter mal im Treppenhaus trifft. „Man denkt dann schon in Straßen, sogar in Quartieren“, sagt Gabriela Christmann vom Leibniz-Institut. „Urbane Nachbarschaft, urbanes Lebensgefühl.“ Das, worauf es ankommt.

Text:
Erik Heier

Illustration: Susana Rivas

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