Die Loveparade der Digitalen

re:publica 2018

Die zwölfte re:publica will die „Filterblasen platzen lassen“ und verschreibt sich dem Oberthema „Pop“. Unserer Autorin ist das aber eigentlich egal. Für sie liegt die Bedeutung des Festivals ganz woanders. Ein Essay

auf der re:publica
Foto: re:publica/Jan Michalko/Flickr/CC BY-SA 2.0

Die re:publica versteht sich als eine „der weltweit wichtigsten Konferenzen zu den Themen der digitalen Gesellschaft“. Teilnehmende sehen in ihr aber ganz unterschiedliche Sachen: das jährliche Internetklassentreffen, eine arbeitgeberfinanzierte Digitalisierungs-Fortbildung aka Berlin-Reise oder aber einen von inspirierenden Vorträgen flankierten dreitägigen Rave – für viele ist sie auch alles zusammen. Einen Vortrags-Vorschlag reicht man als Netzmensch im Vorfeld schon deshalb gern ein, weil man sich, wird dieser genommen, die nicht ganz billige Eintrittskarte spart: Für 265 Euro müssen FreelancerInnen sehr lange bloggen.

Ich habe letztes Jahr erstmals nach vielen Jahren die re:publica geschwänzt und ein Vortragsangebot in einer anderen Stadt angenommen. Professionell war dies die richtige Entscheidung: Gut bezahlt, statt gratis zu arbeiten, ist einfach vernünftiger. Trotzdem sah ich dann, indem ich #rp17-Tweets las, die ganze Zeit virtuell rüber nach Berlin und seufzte vor mich hin. Es geht halt nicht immer nur um Vernunft, sondern auch um Emotionen, ums gute Gefühl. Eigentlich geht es im Internet fast nur um den Vibe – ähnlich wie in Berlin.

Wie einst die Loveparade ist die re:publica im Laufe der Zeit von einer kuscheligen Insiderveranstaltung zu einem international wahrgenommenen Phänomen geworden: Im ersten Jahr, 2007, kamen gerade mal 700 TeilnehmerInnen zusammen, also praktisch alle BloggerInnen, die es damals im deutschsprachigen Internetraum gab. Seither ist viel passiert … dank der sozialen Netzwerke führen heute fast alle Menschen ein Doppelleben im Internet, und es gibt kaum noch Berufsfelder, die nicht von der Digitalisierung betroffen sind. Als wichtigste Netzkonferenz überhaupt hat die re:publica immer größere Zugkraft entwickelt. 2017 wimmelten über 9.000 Menschen auf dem Gelände der Station-Berlin ­herum, und sehr viele davon entsprachen nicht mehr dem Klischee ordentlicher BloggerInnen, ja, es sollen sogar Menschen in Businessanzügen gesehen worden sein.

Wird eine aus einer Indieszene entstandene Bewegung kommerziell erfolgreich, bleiben die „Ausverkauf“-Rufe und Schwanengesänge nicht aus: Früher war bekanntlich alles besser, so auch im Internet und auf der re:publica. (Sehr lustig auch, dass die biologisch und digital in die Jahre kommenden BloggerInnen jetzt genauso über die InstagrammerInnen und YouTuberInnen schimpfen wie früher die klassischen SchriftstellerInnen und JornalistInnen über sie.) Eher selten hört man Anerkennung dafür, was für eine Anstrengung es bedeutet, so ein Riesenevent wie die re:publica auf die Beine zu stellen, es zu planen, zu finanzieren, zu promoten, durchzuführen, es interessant und relevant zu halten. Auch die seit Jahren tadellose Frauenquote bei den Vorträgen wird lange nicht so oft gelobt, wie sie es verdient.

Das Motto der rp18 heißt „POP“. Mich hat dies erst irritiert, und ich dachte, häh, das Internet ist doch gerade nicht Popkultur, sondern im Ansatz etwas wirklich Anderes, Antihierarchisches, wo Kategorien wie E und U keine Rolle mehr spielen. Auf der Webseite der re:publica erfahre ich dann, dass „POP“ in diesem Kontext gar nicht klassische Popkultur bezeichnet; vielmehr will man „die Filterbubbles platzen lassen, Netzkultur und -politik greifbar machen“. Bei „Netzkultur und -politik“ fallen mir 2018 spontan Trollangriffe auf Frauen und Queere, aus Selbstschutz geschlossene Twitteraccounts und rechte Inhalte verbreitender Clickbait-Journalismus ein. Das Problem ist ja schon längst nicht mehr Hass in „unserem“ Netz, sondern ein Netz des Hasses, in dem „unsereins“ handlungsunfähig herumsteht.

Insofern klingt in der re:publica-Programmatik etwas von der „Friede, Freude, Eierkuchen“-Naivität der frühen Loveparade an. Aber das ist gar nicht unbedingt kritisch zu sehen; als Reaktionsmuster bei Angriffen gibt es ja nicht nur „fight or flight“, sondern auch Zusammenhalten und Sichstützen. Und genau darin besteht für mich das inoffizielle Programm der diesjährigen re:publica: Netzmenschen in der physischen Realität einen geschützten Rahmen zu geben, um zusammenzukommen und sich miteinander zu erinnern, welches Netz man haben wollte und dann gegenseitig darauf einzuschwören, dass man sich diese Utopie jetzt sofort als konkrete Möglichkeit zurückholen muss. Retroschwärmerei und Meckern über den Status quo zementieren den Misstand nur, es braucht offizielle Solidarität mit im Netz Angegriffenen und konzertierte Aktionen dagegen.

Auf dem Gelände der re:publica gibt es den so genannten Affenfelsen, ein Podest, auf der man sich verabreden, ausruhen, online gehen und dank der Steckdosen seine Akkus und Powerbanks aufladen kann. Die re:publica ist so etwas wie der Real-Life-Affenfelsen des Internets, dass dieser in Berlin steht, ist nur konsequent. Mein Tipp für ErstbesucherInnen: Traut euch, Menschen anzusprechen. Dafür sind die Namensschilder da. Von unfreundlichen Reaktionen habe ich noch nie gehört, und innen drin sind da eh alle gleich schüchtern. Begegnet euch, denn es sind nicht Programme, sondern Begegnungen, die Menschen und die Welt verändern.

Eigentlich ist mir vollkommen egal, was die re:publica sich gerade auf die Fahne geschrieben hat und wie gut das funktioniert: Solange ich dort alle digitalen FreundInnen wiedersehe und jedes Jahr ein paar mehr zum ersten Mal in Fleisch und Blut treffe, gehe ich hin.
Rave on, Netzmenschen!


Christiane Frohmann

lebt seit 1992 in Berlin. Sie ist Netzautorin und -Verlegerin bei ORBANISM und FROHMANN. An der re:publica nimmt sie seit 2012 teil, am liebsten als Vortragende. In diesem Jahr ist sie Teil des Panels »Die Internet-Verlegerinnen«.

re:publica & Media convention Berlin
Station Berlin, Luckenwalder Str. 4-6, Kreuzberg, Mi 2.5.– Fr 4.5.
www.re-publica.com

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