Musiktheater

„Requiem pour L.“ im Haus der Berliner Festspiele

Die Geschichte um Mozarts Requiem ­kennen viele fiktionalisiert durch Miloš Formans Film „Amadeus“. Alain Platel erzählt sie in „Requiem pour L.“ ganz anders

Chris van der Burght

In Alain Platels Musiktheater-Inszenierungen kann man neu lernen, zu sehen und zu hören. Und man kann lang vertraute Werke erleben, als würde man ihnen zum ersten Mal begegnen. In „Wolf“ versetzte er Mozarts Musik in eine raue Vorstadtgegend in einem Bühnenbild von Bert Neuman. In „Tauberbach“ singen Gehörlose Kantaten von Johann Sebastian Bach in einer Slumsiedlung.

Jetzt versammelt der Regisseur 14 Musiker aus verschiedenen Kontinenten, um mit ihnen eines der letzten und rätselhaftesten Werke Mozarts, das „Requiem“, aufzuführen. In dieser Neuaneignung der Toten­messe verbindet sich Mozarts Musik mit Jazz und afrikanischer Popmusik: Mozart gehört allen, nicht nur den Europäern. Der Komponist Fabrizio Cassol, musikalischer Leiter dieses Projekts, schreibt seine eigene künstlerische Geschichte fort, in der er seit langem verschiedene musikalische Kulturen zur Arbeit an einem bestimmten Thema zusammenbringt. Immer wieder sucht er nach Wegen, mit bereits existierenden Werken und mit mündlich und schriftlich überlieferten Traditionen neue Geschichten zu schreiben. Cassol und Platel begegnen sich in einer Verschmelzung der Kulturen. Ihre bisherige Zusammenarbeit umfasst Bearbeitungen von Monteverdis „Marienvesper“ („vsprs“, 2006), Bachs Matthäus-Passion („pitié!“, 2008) und des westlichen Barockrepertoires („Coup Fatal“, 2014).

Alain Platels Inszenierung findet visuelle und körperlich, theatralische Übersetzung der Bilder und Assoziationen des „Requiem“: von der Totenmesse zum anonymen Massengrab, in dem Mozart selbst verscharrt wurde. Schon die Entstehung seines Requiems ist gespenstisch: Ein rätselthafter, maskierter Herr gab es angeblich bei dem Komponisten in Auftrag. Mozart starb kurz nach Vollendung des Werkes: Er hatte seine eigene Toten-Musik komponiert.

Haus der Berliner Festspiele Schaperstr. 24, Wilmersdorf, Do 18.–Sa 20.1., 20 Uhr, Eintritt 15–48 €

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