• Startseite
  • Rezension zu Ken Loachs neuem Film „It’s a Free World“

Rezension zu Ken Loachs neuem Film „It’s a Free World“

Free_WorldGeändert hat sich nur der Ort. Statt in Polen heuert sie jetzt in der Ukraine billige Arbeitskräfte für Großbritannien an. Sie tut dies auf eigene Rechnung und nicht mehr, wie noch zu Beginn, für andere: Angie hat die Funktionsweise des Kapitalismus begriffen – und sich zunutze gemacht.

Angie (Newcomerin Kierston Wareing) ist eine taffe junge Frau, die sich zu behaupten weiß zwischen den Werten der alten Arbeiterklasse (wie sie ihr Vater verkörpert) und dem neuen Streben nach Geld um jeden Preis. Den Vater ihres elfjährigen Sohnes Jamie hat sie vor die Tür gesetzt, als dieser, wie sie sagt, „mit 25 in Rente ging und seitdem den ganzen Tag nur noch vor dem Fernseher verbringt“. Das macht sie sympathisch, zeigt zugleich aber ihre bedingungslose Zielstrebigkeit. Von einer Zeitarbeitsagentur gefeuert, beschließt sie, zusammen mit ihrer Mitbewohnerin Rose ihr eigenes Unternehmen zu gründen. Sie ist schlagfertig, weiß ihre Attraktivität für ihre geschäftlichen Zwecke einzusetzen und kann gegenüber anderen knallhart auftreten.

Free_WorldMomente von Zärtlichkeit zeigt sie eher gegen­über ihrem Sohn (den sie meis­tens bei ihren Eltern parkt) als gegenüber Männern – dafür ist sie durch die Verfolgung ihrer beruflichen Ziele viel zu eingespannt. Zu einer anderen Zeit, sagt sie, hätte es vielleicht so etwas wie Liebe zwischen ihr und dem polnischen Hilfsarbeiter Karol geben können – hier langt es nur zu kurzer sexueller Befriedigung und gegenseitiger Hilfestellung.

Mit Angie ist Ken Loach und seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty eine der komplexesten Figuren im mittlerweile über vier Jahrzehnte andauernden Schaffen des britischen Ausnahmeregisseurs gelungen, der hier die Globalisierung aus der Perspektive eines Menschen erzählt, der daran verdient. Mit 72 Jahren ist Loach immer noch für eine Überraschung gut. Die Dynamik seiner Protagonistin übersetzt er in einen zupackenden Gegenwartsfilm, in dem Angies Motorrad zum Ausdruck ihrer Mobilität wird – und des Glaubens, sich überall durchschlängeln zu können. Aber natürlich gibt es noch andere, mächtigere Player in diesem Spiel. Schmerzhaft wird Angie das erfahren. Dass Loach beim Zeigen von Gewalt und dem Aussparen der Hintergründe moderat bleibt und sich ganz auf die Figur der Angie konzentriert, hat seine Gründe. „Wir hatten eine lange Diskussion darüber, ob wir einen Arbeitsunfall zeigen sollten“, erzählt Loach beim Interview, „aber am Ende kamen wir zu der Auffassung, dass wir der Normalität den Vorzug geben.“ So sieht der Zuschauer zu, wie Angie sich der Selbsttäuschung („In sechs Monaten haben wir ausgesorgt!“) hingibt und immer mehr zur Gefangenen ihrer eigenen Zwänge wird – verinnerlichter Turbokapitalis­mus.

Free_WorldNein, er trauere den Zeiten nicht nach, als die Fernsehausstrahlung von „Cathy Come Home“ 1966 zu einer Parlamentsdebatte und zu staatlichen Maßnahmen gegen die Obdachlosigkeit führte, sagt Loach. „So, wie der Film Fiktion und Dokument mischte, war er ziemlich propagandistisch. Dieser Stil passte damals, aber ich bin seiner müde geworden. Das ist, als würde man ein Pamphlet schreiben. Heute schreibe ich lieber einen Roman, der ist komplexer. Cathy war eher eindimensional, Angie ist sowohl freundlich als auch grausam, es gibt alle möglichen Widersprüche. Das macht sie als dramatische Figur viel interessanter.“

Einen Hoffnungsschimmer bietet „It’s a Free World“ nicht. „Am Ende ist Geschäft Geschäft. Die Angies dieser Welt ändern sich nicht.“ Loach bleibt skeptisch – auch ge­genüber dem künftigen US-Präsidenten: „Ich hoffe, er wird die Amerikaner aus dem Irak rausbringen und sich mehr um die Umwelt kümmern, aber er steht auch unter dem Druck des amerikanischen Kapitals, neue Märkte zu erschließen.“

Text: Frank Arnold

Sehenswert 2

It’s a Free World Großbritannien/Italien/Deutschland/Spanien 2007; Regie: Ken Loach; Darsteller: Kierston Wareing (Angie), Juliet Ellis (Rose), Leslaw Zurek (Karol), 92 Minuten; Kinostart: 27. November 2008

Mehr über Cookies erfahren