Dokumentartheater

Rimini Protokoll über ihr Rechercheprojekt „Staat 1 – 4“

Schmutzige Geschäfte: Und wenn der Staat nur noch eine leere Hülse ist? Helgard Haug und Daniel Wetzel von Rimini Protokoll über ihr Rechercheprojekt „Staat 1 – 4“

Foto: benno tobler / www.benno-tobler.com

tip Was macht den Staat zu einem ergiebigen Gegenstand einer theatralischen Recherche?
Helgard Haug­ Unser Theater ist ja in erster Linie ein Imaginationsraum. „Was wäre, wenn…“ ist die Ausgangsfrage für viele Arbeiten von uns, die dann einen sehr unverstellten Blick auf unsere Realität ermöglichen. Was wäre, wenn wir einmal eine Bundestagssitzung in Berlin von Bonner Bürgern simultan mitsprechen lassen würden? Das haben wir ganz am Anfang unserer Zusammenarbeit 2002 gefragt und eine „Raubkopie“ einer Bundestagsdebatte stattfinden lassen. Was, wenn wir jeweils einem Theaterbesucher mit einem indischen Callcenter-Mitarbeiter verknüpfen? Was, wenn wir 100 Bürger*innen einladen, auf einer Drehbühne ihre Stadt zu repräsentieren? Was, wenn wir zur „Welt-Klimakonferenz“ als Simulation eines UN-Gipfels für jeweils 650 Zuschauer, aufgeteilt in 196 Länder-Delegationen, einladen? Das waren weitere Fragestellungen, die zu sehr unterschiedlichen Formaten und Erzählweisen geführt haben. Für „Staat 1-4“ wollten wir den Machtapparat eines demokratischen Staats daraufhin untersuchen, welche Akteure und Netzwerke an Einfluss gewinnen. Wo kooperiert der Staat mit konkurrierenden Kräften? Und inwieweit hat er dabei noch die Kontrolle? Aus diesen Fragen heraus haben wir vier Aufführungen entwickelt, in denen es sowohl um ein Gedankenexperiment als auch um die Verknüpfung mit persönlichen Begegnungen und Geschichten der Protagonisten geht. Entstanden ist das Porträt eines Staates in der Transformation…
Daniel Wetzel …in der Geheimdienste immer noch praktisch nicht demokratisch kontrolliert werden, Bauprojekte ihr Eigenleben entwickeln, das Internet der Dinge und der Profile die lang erkämpften Unterscheidungen zwischen Privat, Öffentlich und Staatsrelevant durcheinanderwirbeln und wo die internationalen politischen Großveranstaltungen Trends zu setzen behaupten, nach denen sich dann nationale oder europäische Politik ausrichtet.

tip Was erfährt man in Ihren Inszenierungen über die Arbeit von Geheimdiensten, die Orga­nisation von Großbaustellen, smarte Datenverwertung oder Machtzirkel wie
das jährliche Treffen der Funktionseliten in Davos?
Daniel Wetzel Das sind keine Info-Stücke. Man nimmt sich selbst wahr im Umfeld von Fragen, die wir bei den Recherchen finden. Die Beobachtungen macht man selber, zum Beispiel bei Top Secret International im Neuen Museum, wo es darum geht, selbst Nachrichten zu erfassen, zu sammeln und auszuwerten. Auch von Agenten. Einer sagte uns zum Beispiel im Rückblick auf Jahrzehnte im Einsatz: „Du hast dein Leben lang Menschen beobachtet und du weißt nie, wer von ihnen eigentlich dazu da war, um dich zu beobachten.“
Helgard Haug­ Und der gerade erst ausgeschiedene Präsident des BND sagte bei einem Interview in meiner Küche: „Nachrichtendienst ist ein schmutziges Geschäft, so gerne man es auch hätte, es gibt keinen sauberen Nachrichtendienst. Wer will, dass jemand sein Land verrät, wer will, dass jemand seine Organisation verrät, wer will, dass jemand seine Geheimnisse verrät, der muss lügen, der muss betrügen, der muss korrumpieren, der muss mit den Gefühlen anderer Menschen spielen.”

tip Wie sehen jeweils die Versuchsanordnungen der vier Produktionen aus?
Helgard Haug­ Die einzelnen Teile sind über den Zeitraum von zwei Jahren an unterschiedlichen Orten entstanden: München, Düsseldorf, Dresden und Zürich. Das HKW zeigt jetzt die vier Teile im Zusammenhang. Was sie verbindet, ist, dass sie alle die frontale Bühne-Zuschauer-Situation aufheben. Die Gäste sitzen den Darsteller*innen und dem Geschehen nicht nur gegenüber, sondern sind Teil davon – sie wechseln ihre Perspektive, treffen Entscheidungen, betrachten die anderen in immer anderen Zusammenhängen.
Daniel Wetzel „Staat 1“ findet im Neuen Museum statt. Wie die anderen Museumsbesucher wird man mit einem Audioguide ausgestattet, hört aber völlig andere Sachen, als die regulären Besucher – und gerät in dieses Vexier-Spiel über das „schmutzige” Betrachten von Beobachtungen…
Helgard Haug­ In „Staat 2“ werden die Zuschauer in kleinere Gruppen unterteilt und machen simultan eine Art Baustellenbegehung. Was erzählen Großbaustellen, wie der Berliner Flughafen, über unsere Gesellschaft – ihre verborgenen Choreografien verschobener Fertigstellung und Kostenkorrekturen, die komplexen Verflechtungen wirtschaftlicher und politischer Akteure, die undurchsichtigen Verbindungslinien in alle Welt?
Daniel Wetzel Und in „Staat 3“ ist man mehr Wähler und User als Zuschauer. Es gibt zwar ausnahmsweise zwei echte Schauspieler, aber eigentlich sind alle gemeinsam Befüller einer Cloud, Daten-Schafe und Algorithmus-Hirten…
Helgard Haug­ In „Staat 4“ bekommt jeder Zuschauer die Rolle eines CEO übertragen, der dieses Jahr das elitäre Jahrestreffen World Economic Forum in Davos besucht hat. Das ist ein sehr spielerischer und nicht moralisierender Vorgang. Die Mission des Forums lautet: „Den Zustand der Welt verbessern!“ Politisch und militärisch abgeriegelt und von unzähligen Journalist*innen beobachtet, findet das Spektakel der Eliten außerhalb jeder staatlichen oder zivilgesellschaftlichen Kontrolle oder Regulierung statt. Während man sich mit den anderen Zuschauer*innen in einem ovalen Zuschauerraum befindet, zieht man für einen Moment die „Charaktermaske“ eines CEO über und blickt durch sie hindurch immer auch auf die anderen – das heißt jetzt nicht, dass man tatsächlich eine Maske tragen muss- auch hier geht es um die Vorstellungskraft.

tip Merkt man die Bedeutung eines halbwegs funktionsfähigen Staates erst, wenn er nicht mehr funktioniert? Und: Was ist ein funktionsfähiger Staat?
Helgard Haug­ Das Phänomen der ,Postdemokratie‘ umschreibt ja auch eine Abkopplung der Bürger*innen von der Idee, direkten Einfluss auf das politische Geschehen zu haben. Der Staat in seiner neoliberalen Ausprägung besteht möglicherweise nur noch aus formellen und schwachen Hülsen, während die essentiellen Entscheidungen von Interessensverbänden und Unternehmen beeinflusst werden.

Staat 1, Neues Museum 1.– 25.3., Do – So, 12 € / 18 €
Staat 2, Haus der Kulturen der Welt 1.– 4.3, 12 € /18 €
Staat 3, HKW 1. – 4., 8. – 11.3., 12 € /18 €
Staat 4, HKW 8. – 11.3., 12 € / 18 €
www.hkw.de

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