Themenausstellung

Rohkunstbau XXIII – Die Schönheit im Anderen

Mindestens einmal im Sommer sollte jeder Berliner auf Landpartie gehen. Die beste Gelegenheit: „Rohkunstbau XXIII – Die Schönheit im Anderen“ greift ein politisches Thema unerwartbar auf

Foto: Elmgreen & Dragset / Courtesy Elmgreen & Dragset/ KÖNIG GALERIE

Die Rohkunstbau-Ausstellungen im Brandenburgischen gehören fest ins Berliner Kunstprogramm eines jeden Sommers. Mit der nun anlaufenden 23. Ausgabe kehrt der Rohkunstbau zu seinen Anfängen in den Spreewald zurück und widmet sich in den Räumen des Schlosses Lieberose einem Thema, das in politisch turbulenten Zeiten besonders aktuell ist: die Schönheit im Anderen. Eine willkommene Ausweitung des kuratorischen Blicks beim inzwischen fast allgegenwärtigen Thema Migration. Der umtriebige Autor und Kurator Mark Gisbourne, der den Rohkunstbau jetzt schon zum 14. Mal kuratiert, hat passenderweise zehn künstlerische Positionen ausgewählt, die internationaler kaum sein könnten. Auch wenn viele der teilnehmenden Künstler in Berlin leben und arbeiten, ist die junge Amelie Grözinger die einzige mit deutschem Pass.

Das Schloss Lieberose selber ist so etwas wie der elfte Mann im künstlerischen Aufgebot – und ein architektonisches Durcheinander von beinahe epischen Ausmaßen, an dem seit dem 14. Jahrhundert an- und umgebaut wurde. Leider befindet sich das Schloss in einem ziemlich beklagenswerten Zustand, wäre aber auch für sich schon einen Ausflug wert. Lieberose ist im Gegensatz zu vielen anderen Brandenburger Schlössern und Herrenhäusern erstaunlich groß, auch wenn einer der Seitenflügel schon vor langer Zeit eingestürzt ist. Die Fläche und Anzahl der Räume erlaubt es so, jedem Künstler sein eigenes Zimmer zu geben. Kein Wunder also, dass sich viele der Künstler entschieden haben, direkt vor Ort raumspezifische Arbeiten und Environments zu schaffen. Dieses Arbeiten mit den Räumen ist eine der ganz großen Stärken dieser Ausstellung. Sie könnten kaum weiter von White Cubes entfernt sein.

Die schon angesprochene Amelie Grözinger transformiert das „Diana“-Zimmer im ersten Stock mit seiner mit Jagdszenen und Putten überladenen Stuckdecke zu einem Begegnungsraum mit Spiegelfolienfußboden. Das Spiegelmotiv ist nicht nur zentral für das Entdecken und Begreifen des Gegenübers (man denke nur an Narziss, für Empathie notwendige Spiegelneuronen – und Kleinkinder, die sich zum ersten Mal im Spiegel sehen) – durch den Effekt der Spiegelung der Decke zieht es einem auch den festen Boden unter den Füßen weg, was zu einer offeneren Begegnungssituation führen kann.

Der junge russische Künstler Ivan Gorshkov aus Woronesch baut im Erdgeschoss mit Blick auf den Schlossgarten inmitten abblätternder Tapeten, bröckeligen Putzes und teilweise aufgerissener Fußböden eine eigene Welt aus allen möglichen (und unmöglichen) Materialien: Teppichen, Katzenbildern, Collagen und kleinen Spielfiguren. In dieses Setting platziert er seine an fremdartige Wesen erinnernden, kolorierten Metallskulpturen. Im Gespräch vergleicht er diese Arbeitsweise mit dem Weltenbau, wie er zum Beispiel in Computerspielen vor sich geht und verrät, dass er all die im Raum platzierten oder gehängten Kuriositäten auf Berliner Flohmärkten gefunden hat.
Richtig politisch und wundervoll ironisch (ja manchmal direkt sarkastisch) geht es im Raum des schottischen Künstlers Andrew Gilbert zu, der sich in seiner künstlerischen Arbeit immer wieder intensiv mit Imperialismus und der britischen Kolonialgeschichte auseinandersetzt. In dem weiten, holzgetäfelten Raum im ersten Stock dreht sich alles um Südafrika und die Zulukriege. In einer Verkehrung der Verhältnisse tragen hier Afrikaner die imperialen Uniformen; die ursprünglichen historischen Machtverhältnisse werden kontrafaktisch auf den Kopf gestellt. Eine Jagdtrophäe und kleine Szenen aus der südafrikanischen Kolonialgeschichte runden die Installation ab, die wie eine wilde Mischung aus Fake-Militärgeschichte und Trophäenraum eines Großwildjägers anmutet. Eines unter den vielen humorvollen Details ist eine Schürze mit Werbung für „Camp“, einer Kaffee-Chicorée-Mischung. Dem sitzenden britische Offizier wird von einem Person-of-Colour-„Diener“ aufgewartet. Camp ist spätestens seit Susan Sonntags Essay „Notes on Camp“ auch ein Synonym für queere Lebens- und Stilwelten. Versteht sich leider von selbst, dass Homosexualität in der britischen Armee zur Zeit des Imperialismus nicht nur verboten war, sondern auch drakonisch bestraft wurde. Die Marke Camp wirbt übrigens immer noch mit dem Offizier und dem Einheimischen; heute sitzen sie allerdings gemeinsam beim Kaffee.

In der früheren Bibliothek des Schlosses, samt rosa gestrichenen Wänden und einer Galerie, die einen erst an einen zu klein geratenen Ballsaal denken lässt, glänzen und glitzern zwei überlebensgroße, ganz aus Aluminiumfolie zusammengebaute und mit romantisierenden Details versehene Ritter. Der japanische Künstler Toshihiko Mitsuya (der auch mit einigen an der japanischen Landschaftsmalerei ausgerichteten Ätzungen auf Metallplatten in der Ausstellung vertreten ist) hat mit diesen sich so natürlich in das Ambiente des Schlosses einfügenden Ritter­skulpturen bestimmt einen der Besucherfavoriten geschaffen. Eine wahrlich andere Landpartie.

Schloss Lieberose Schlosshof 3, 15868 Lieberose, Sa+So 12–18 Uhr, 1.7.–10.9.

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