House

Roosevelt spielt im Kesselhaus

Stimmungskollisionen: Kein anderer junger Musiker aus Deutschland wird von der internationalen Musikkritik so sehr gefeiert wie Marius Lauber alias Roosevelt – warum eigentlich?

Foto: Brian Vu

Diese Tracks sind ein Traum zum Tanzen. Und doch schwingt stets die Summertime Sadness mit. „Einseitige Musik hat mir nie gefallen“, sagt Marius Lauber. „Solche, die zu klar vorgibt, was Sache ist.“ Der 26-jährige Kölner liebt es, wenn Stimmungen kollidieren. Mit seinem Disco-House hat Marius Lauber alias Roosevelt nicht bloß Joe Goddard von den Electronica-Helden Hot Chip heißgechippt, der ihn prompt für sein Label unter Vertrag nahm. Chris Coady, der Haus-Produzent von Beach House, hat es dann abgemischt. Spätestens seit eben diesem Debüt-Album „Roosevelt“ jubelt die Musikkritik international.
Wie macht der das mit diesen attraktiven Ambivalenzen? An den Akkorden liegt’s nicht; die sind mollfarben, aber eher Standard-Pop. Seine Synthesizer hüpfen nicht wie im Bällebad, sondern liegen – wie einander überlagernde Schatten von Bäumen auf der Sommerwiese. Bewegt, aber geerdet, verwurzelt. Roosevelt kann ganze Nächte damit zubringen, aus 200 Snare-Sounds denjenigen auszuwählen, der ihm am besten passt. Und manchmal nimmt er sich Monate fürs Schreiben einer Linie Bass. Zeit für Details, die für Roosevelt freilich keine Details sind, sondern Kontraste wie Winterhagel und Sommernieseln. „Man lernt aber auch“, sagt er, „wann es sich lohnt, sich aufzuhalten – und wo man eine Abkürzung nehmen kann.“ Ähm. Wie bitte? „Ein Snare-Sound kann ein Track-Leben stark färben. Wie die Mülltonnen-Snares bei Metallica.“ Und wo mogelt Marius Lauber? „Ich brauche nicht unbedingt exakt diesen oder jenen Original-Synthesizer aus den 1970ern“, gesteht er,  „sondern kann Emulationen am Rechner verwenden.“ Also digitale Simulationen. Oha! „Man muss nicht immer auf den Vintage-Hype abgehen, sondern kann auch Computertricks verwenden.“ Das Schlitzohr.

Manchmal tippt sich Marius Lauber Notizen ins Handy wie: „Das soll ein Friendly-Fires-mäßiger Song werden.“ Oder: „Nile-Rodgers-Gitarren“ wie bei der Afro-New-Yorker Band Chic aus den späten 1970ern. „Ich will aber kein großes Revival-Gefühl.“ Er tune schon mal eine Gitarre auf einen funky Chorus à la Eighties. „Dann mische ich das aber mit Seventies-Schlagzeug.“ Zurzeit hört er die Band Whitney aus Chicago am liebsten. „Man kann nie sagen, aus welchem Jahr die leiernden Songs sind.“ Und auch das ­Ambivalente im Sound vereinen sie mit Roosevelt.

Lauber hat in einem Dutzend Amateur-Bands gespielt. War Gitarrist, Bassist, Drummer und Sänger. „In einer Kleinstadt wie Viersen fällt es leicht, herumzuexperimentieren. Wochenlang im Probenraum rumzulungern.“ Nach vier Wochen schlanken Schlagzeug-Skills nannte er sich einen Drummer. Auch beim Roosevelt-Projekt singt Lauber selbst, statt Sänger-Koryphäen zu buchen. Ein kluger Moove. Die Stimme dominiert die Tracks nicht, sondern fügt sich charmant ein – als ein „Instrument“ unter vielen.

Heute wohnt Roosevelt in Köln. Sein wichtiges Wendepunkt-Jahr 2013 verbrachte er aber in Berlin, dicht am Bahnhof Neukölln. Strokes-Produzent Gordon Raphael hatte ihm sein Studio vermietet. „Ein riesiges Sammel­surium an Equipment. Ich hab viel eingespielt auf seinen Instrumenten. Und auf dem Mischpult abgemischt, auf dem er das erste Strokes-Album gemacht hat.“

2013 war Roosevelt aber auch viel auf Tour (knapp 100 Konzerte) und ansonsten im Berliner Studio. Zum Tanzen kam er nicht groß, hat aber mal in der Panorama Bar über dem Berghain aufgelegt. Wie früher bei den Partys des klasse Kölner Techno-Labels Kompakt. „Für mich ist es angenehmer, Berlin, diese Stadt der übertrieben vielen Möglichkeiten, so zu sehen: dass ich nach ’ner Weile wieder zurück nach Köln kommen kann. Ganz ohne Berlin würde mir aber was fehlen.“
Jetzt geht’s erst mal nach Washington, New York, Barcelona und Montreux, zum Jazzfest. Roosevelt findet’s prima. Auf Reisen fühlt er sich nicht so „lost“, sagt er. Im Mai ist Produktion fürs zweite Album angesagt. Drei, vier Songs stemmen. Synthesizer hat er bei Ebay gekauft. Nun also doch Vintage-Vogue! „Gefährlich, es können Schrotthaufen kommen“, sagt er. „Ich stehe auf kleine Keyboards aus den 1980ern, auch Kinder-Keyboards von Casio oder Yamaha. Meistens kriegt man coole Sounds raus. Und sei es nur ein schöner Clap. Vielleicht exakt der, der dem Track gefehlt hat.“

Kesselhaus der Kulturbrauerei Knaackstr. 97, Prenzlauer Berg, Do 20.4., 20 Uhr, VVK 22 €

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