Psychogramm einer Frau im Widerstand im Iran: „Roya“

Sie bekommt eine Fußfessel und drei Tage Zeit. Roya Ahmadi, Lehrerin, Frauenrechtlerin, politische Gefangene Nr. 2648, darf den berüchtigten Folterknast in Evin am Stadtrand von Teheran verlassen, um an einer Beerdigung teilzunehmen. Wobei „teilnehmen“ nicht das richtige Wort ist, denn Roya ist verstummt und wie versteinert, ihr Körper ist im instinktiven Modus jederzeit bereit, sich klein zu machen, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Tief in ihren Augen flackert die Angst, während der Blick ins Leere geht. Aber das ist eine Vortäuschung, die den widerständigen Willen in ihrem Inneren schützt. Nur nicht auffallen, nur nicht provozieren, stattdessen von Minute zu Minute überstehen. Eine Existenz, die aufgehört hat, Leben zu sein. Ein Leben, das gestohlen wurde. Ein Daseins-Kern, der sich weigert, dies hinzunehmen. Die sechs Monate, die sie bereits im Gefängnis verbracht hat, haben Roya gezeichnet.
„Roya“-Regisseurin und Aktivistin Mahnaz Mohammadi hat Verfolgung am eigenen Leib erfahren
Was dieser Begriff – „Gezeichnet-Sein“ – wesentlich bedeutet, dem geht Filmemacherin und Aktivistin Mahnaz Mohammadi in „Roya“ nach, in dem sie nicht nur ein eigenes Drehbuch verfilmt, sondern auch eigene Erfahrungen verarbeitet. Mohammadi drehte Dokumentationen unter anderem über die Lage der Frauen im Iran, bevor sie 2019 mit „Son-Mother“ ihr Spielfilmdebüt (nach einem Drehbuch von Mohammad Rasoulof) vorlegte. Verfolgung hat sie am eigenen Leib erfahren, sie kennt das Evin-Gefängnis von innen. Einschüchtern ließ und lässt sie sich nicht, wovon nun neuerlich „Roya“ zeugt, der, folgerichtig, ohne Genehmigung entstanden ist.
Schmuggelware ist dieser Film noch in anderer Hinsicht; die Verunsicherung einer Psyche bildet er auch formal ab: Die Sounds reichen vom subkutanen Drone-Wabern bis zum Tinnitus-Pfeifen, die Bilder sind von Spiegelungen und Schatten durchdrungen, nicht immer ergibt beides einen kongruenten Raum; die sprunghafte Montage tut das Übrige. So bildet sich eine vom Terror bedrohte Wirklichkeit ab, in der Traum und Fantasie Auswege darstellen. Mohammadi entwirft in „Roya“ also nicht nur die Innenperspektive einer einzelnen, gequälten Frau, sie zeigt eine Strategie des Überlebens im Terror.