Kultur & Freizeit in Berlin

Rundgänge in der UdK und Kunsthochschule Weißensee

Die Rundgänge der Universität der Künste und der Kunsthochschule Weißensee sind der beste Termin, um junge Künstlerinnen zu entdecken. Vier der spannendsten haben wir vorab getroffen.

Rundgänge in der UdK und Kunsthochschule Weißensee

Wenn sich Björn Streeck morgens den Malerkittel überstreift, verändert das seine Haltung: „In der Kunst lebe ich aus, was ich mir für mein Leben wünsche“,  sagt er. Verständnis über Berührung reizt ihn. Zum Papier hat er eine besondere Affinität. Seine aktuelle Arbeit „Amphore“ referiert auf antike Transportbehälter. „Das sind Entsprechungen von mir“, sagt er. Klingt egozen­trisch esoterisch. „Das bringt der Beruf so mit sich“, lacht er. Eine höchstpersönliche Sache ist das. „Ich finde es eine gruselige Vorstellung, einen Kunden zu haben, der mir vorschreibt, was ich zu tun habe.“
An der Kunsthochschule Weißensee darf sich Streeck sogar seine Professoren aussuchen. Jetzt vor dem Rundgang, der größten Schau des Jahres, unterbricht Streeck, 31, seine Arbeiten, um sie in den „Präsentationsmodus“ zu überführen, wie er sagt: „Die intime Beziehung ist dann unterbrochen.“ Er hat die Ruhe weg, wenn er am Atelier-Fenster steht und verträumt in die Kleingärten schaut. „Ich hoffe, dass die Menschen dort auch zum Rundgang kommen.“ Ob sie wissen, was der Typ mit dem Kittel jeden Tag hier anstellt? Beschwert haben sie sich immerhin noch nie, obwohl er gerne die Musik voll aufdreht.
Anja Spitzer, 32, ist dann meist schon da. Auch sie liebt die Musik, war klassische Ballerina. Um Effekte und Tiefen zu schaffen, modelliert sie Ton und Beton mit dem ganzen Körper. Krasse Erkenntnis: dass der Körper sehr durchlässig ist – „wie eine gespannte Membran“, findet sie. Drehungen vollführt sie, Sprünge. „Wie sich der Impuls gerade freibricht.“ Dabei braucht es viel Erfahrung, eine Bewegung in die Form zu setzen. Am Ende soll man Feinheiten der Haut im Abdruck sehen. Es geht ums Gefühl, dass der Körper nicht im Takt und nicht harmonisch ist. Das fühlt sich mehr nach zeitgenössischem Tanz an als nach „Schwanensee“ und „Schneekönigin“, die sie tanzte. „Meine kitschigen Gemälde von früher sind in der Tonne gelandet.“
Als kleines Mädchen hatte sie in ihrer Ecke Schrott gesammelt und neu zusammengesetzt. Ihr eigener Sohn ist anderthalb. Deshalb ist sie morgens die Erste in der Bildhauerei-Werkstatt. Die Kommilitonen trudeln (kein Klischee!) mittags ein nach durchtanzten Nächten. Spitzer muss sich stärker organisieren: 2016 kommt ihr Meisterschülerjahr zum Ende. Jetzt schaut sie stärker auf den Kunstbetrieb: Prestige, Preise und Papierkram. Demnächst ist sie bei Ausstellungen der Galerien Gerken und Neuro­titan mit von der Partie.
Zohar Fraiman, 27, hat sich schon lange während ihres UdK-Studiums immer wieder umgeschaut, wo sie sich etablieren kann. Dabei ist ihr die Malerei „besonders nah am Herz“, sagt sie. Dass sie von anderen Genres überholt werden könnte, will sie von niemandem hören: „It’s such a basic thing!“ Anderes habe sie zwar ausprobiert, aber dadurch nur noch besser verstanden, warum das unbedingt ihr Ding ist. Schleierbehängte Figuren malt sie, geisterhaft. Das geht zurück auf ein jüdisches Gebetsritual früh morgens, bei dem sich die Männer abdecken. Erhabene Bewegungen, verboten schön. Als Kind hat man Fraiman untersagt dabei zuzuschauen, wegen des heiligen Moments. Heute ist sie nicht mehr religiös, aber der Background bleibt. Sie wagt sich mittlerweise in die dritte Dimension, baut Objekte, etwa ihre aktuelle Serie aus Holzkästen, die sie außen und innen bemalt. Triptychon- und Altarbilder klingen braver, als sie bei ihr sind: Monster und Vulven.

Rundgänge in der UdK und Kunsthochschule Weißensee

Warum interessiert sie sich überhaupt fürs spätmittelalterliche Triptychon? Damit erweitert sie gerne ihre Geschichten. Im Zentrum: Biest und Geliebte im grünen Licht. Triptychon auf Trip. Auf den Seitenflügeln gesellen sich Schwebewesen hinzu. So ist es ihr schon öfter passiert, dass die Bilder schließlich auf drei Meter Länge wachsen. Besessenheit ist Fraimans großes Thema. In­spiration ist auch Alfred Hitchcocks „Vertigo“. Wovon sie selbst besessen ist? „Von der Malerei natürlich“, schwärmt sie mit einem Lachen im Gesicht.
Diese Woche wird Fraiman fertig an der UdK und wird die Leute richtig vermissen. Dabei fand ihre Familie in Israel das vor sieben Jahren richtig schwer, dass sie ausgerechnet nach Berlin ging – sicherlich noch mal aus anderen Gründen als bei Ayami Awazuhara, 30, aus Japan. „Zeitgenössische Künstler haben es in Japan schwer“, sagt Awazuhara. Der Fokus liege dort mehr auf Tradition und Handwerk. Für den UdK-Rundgang hat sie eine drei Meter hohe Wendeltreppe gesägt, geschliffen und lackiert. Die Treppe schwingt sich fast wie eine Pflanze und ist, eingefasst in Plexiglaswände, die Basis ihrer Installation „After the Spring“, die von Gewächshäusern inspiriert ist – und wohl auch von ihrem zehn Meter hohen, lichtdurchfluteten UdK-Atelier, das sie sich mit sieben Kommilitonen teilt.
Wie eine chaotische Kreativ-WG schaut das hier aus. Sogar mit Kochzeile. Warum sind Awazuharas Ponyhaare eigentlich geschwungen wie die Treppe? Klar, sie hat sie selbst geschnitten. „Um Geld fürs Material zu sparen.“ Arty und sexy. Awazuhara liebt botanische Gärten. Überhaupt beschäftigt sie die Frage: Sind Zwischenbereiche wie Terrassen und Balkons eigentlich drinnen oder draußen? In Deutschland und in Japan sieht man das sehr verschieden. Sie mag es, wenn Objekte Geschichten erzählen. Selbst erzählt sie gern die Geschichte von den menschgroßen Steinen vor dem Elternhaus. Die verschwanden eines Tages, sodass sie sich auf die Suche machte.
Vielleicht ist es auch das, was sie hier alle antreibt, die jungen Künstler an den Schulen: Eines Tages stimmt da etwas nicht im Garten vor dem Haus. Dann zieht man raus in die Welt, um die Steine und sich selbst wiederzufinden. So wie Björn Streeck. Sein Podest ist außen so groß wie er selbst: 1,70 Meter. Und innen? Um das zu ermessen, braucht es dann eben doch die Künste.

Text: Stefan Hochgesand

Fotos:
H. Overberg, Jo Neander

UdK Hardenbergstr. 33, Charlottenburg, Fr 17.+Sa 18.7., 11–22 Uhr, So 19.7.. 11–20 Uhr, www.udk-berlin.de

Kunsthochschule Weißensee Bühringstr. 20, Sa 18.+So 19.7., 12–20 Uhr, www.kh-berlin.de

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