Lesungen und Bücher in Berlin

Sabine Scho: Tiere in Architektur

Aus der Froschperspektive: Die Autorin erkundet in ihrem neuen Buch mittels Prosa und Fotos, warum wir skurrile Tier-Orte schaffen.

Sabine Schoo

Wer mit Sabine Scho in den Zoo gehen will, muss sich was einfallen lassen. In den letzten zehn Jahren hat sie so ziemlich jeden wichtigen Tierpark der Welt gesehen. Nach Antwerpen, Paris und Wien ist sie überhaupt nur deswegen gefahren. Als sie in Sydney beim Lyrikfestival eingeladen war, ging sie auch dort zuerst mal in den Zoo.
Die Prosa-Miniaturen in ihrem dritten Buch „Tiere in Architektur“ handeln von dem alten Zoo in Los Angeles, vom Biber in Tegel, dem Schreipapagei in Tempelhof, Großkatzen in Las Vegas und natürlich dem Zoo in Sгo Paulo, ihrer Wahlheimat der letzten acht Jahre. In jedem Text jagt Sabine Scho sozusagen ein Tier. Mal stellt sie Fallen, mal kreist sie es ein. „Für einen ist das dann eine Geschichte über Tauben in Thessaloniki“, sagt sie, „die anderen hören die Suche nach Wörtern mit.“ In einer Miniatur geht es um Sanddollars, die Seeigel der flachen Küsten – zugleich aber um die Auflösung einer Beziehung.
Die Arbeit am Buch begann zunächst mit eigenen Fotos. Dann folgte ein Jahrzehnt ?mit Reisen zu Zoos. „Mittlerweile ist es mal genug“, sagt sie. Ins Aquarium des Berliner Zoos begleitet sie uns trotzdem, zeigt uns geduldig Quallen und Pfeilgiftfrösche. Oft hat sie Anekdoten parat und Impulse, die man in Ruhe weiterdenken will. Freiluftgehege mag sie zurzeit nicht. Erst letzte Woche ist sie von Brasilien zurück nach Moabit gezogen. Nach acht Jahren Südamerika. Prompt hat sie sich erkältet. „Ich habe oft auf Sгo Paulo geschimpft“, sagt sie. „Aber jetzt macht mir die Kälte in Berlin zu schaffen. Und die Schlechtdraufität.“
Sabine Schoo2004 hatte sie mit ihrem Mann beschlossen, weit weg zu gehen, nach Stationen in Münster, Hamburg und Berlin. Zwölf Stunden Crashkurs Portugiesisch belegten sie zusammen, packten sieben Kisten. Damals agierten in Brasilien die Drogenbosse noch aus den Gefängnissen heraus. „Es brannten Busse, es gab Übergriffe – spooky!“
Im Februar 2012 startete sie einen Blog, als „Selbstzwang, das Buch fertigzustellen“. In all den Jahren gab es auch Zweifel: Welcher Sprache bedient man sich? Was soll damit anklingen? Über die Jahre hinweg hat sich ihr Blick auf Zoos verändert: „Das Buch ist moralischer geworden, als ich wollte“, sagt sie. „Aber ich bin kein Greenpeace-Aktivist.“
Bei den Recherchen schoben sich philosophische und poetologische Fragen dazwischen. Diese treiben Sabine Scho an, nicht der Anblick niedlicher Tiere. Der Zoo versuche, sagt sie fast nebenbei, den verlorenen Blick auf das große Ganze zu rekonstruieren. „Zoos werden immer wieder anders aussehen, je nachdem, wie der Mensch auf seine Umwelt blickt. Heute gibt es den Versuch, auf Augenhöhe ein Mit-Tier zu sein.“ Den Panoramablick auf das Flickwerk Zoo hält sie aber für vermessen: „Ich habe für mein Buch die Froschperspektive gewählt – obwohl es gerade wieder angesagt ist, auktorial zu erzählen.“ Das Buch läuft bei dem in der Szene etablierten Berliner Verlag Kookbooks unter dem Label Prosa. Eigentlich ist es aber ein Hybrid: soziologische Reflexionen, Prosa-Miniaturen, Lyrik-Übersetzungen, Fotos mit grünem Farbfilter.
„Jedes Geschöpf demonstriert auch die Wunden seiner Isolation“, heißt es im Buch. Treiben diese Wunden sie auch zum Schreiben an? „Nicht nur zum Schreiben, auch zum Weggang damals nach Sгo Paulo. Aber man kann sich umtopfen, wohin man will – man nimmt sich selbst immer mit.“ Es sei gut, sich eine Zeit lang fremd zu fühlen, das stimme unsicher. Aber auch die deutsche Sprache bietet Vorteile. Sie kennt, so erfahren wir im Buch, für die Begattung fast jedes Tieres das jeweilige Fachwort: falzen, rammeln – wenn da nicht die Sprache selbst zeigt, wie sehr uns Tiere beschäftigen und wie wir versuchen, uns von ihnen abzugrenzen. Mit Gittern, Gläsern und Begriffen.

Text: Stefan Hochgesand

Sabine Scho: „Tiere in Architektur“, ?Kookbooks, 128 Seiten, 19,90 Euro

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