Theater und Bühne in Berlin

Saburo Shimada im Gespräch

Saburo Shimada, der Regisseur des deutsch-japanischen Lasenkan Theaters, über die Katastrophe in Japan.

Saburo-Shimadatip: Herr Shimada, wie nehmen Sie und die anderen Mitglieder des Lasenkan Theaters als in Berlin lebende Japaner die Katastrophe in Japan wahr??

Saburo Shimada: Ein Erdbeben, ein Tsunami, Brände in den überfluteten Gebieten, der Reaktorunfall in Fukushima – das ist sehr viel auf einmal. Wir wussten nicht, dass es 55 Atomkraftwerke in Japan gibt. Wir haben uns keine Gedanken darüber gemacht, was bei einem Reaktorunfall nach einem Erdbeben passieren kann. Wir denken, dass beim Bau und Betrieb jedes AKWs nicht nur die verantwortlichen Menschen beim AKW-Betreiber und in der Politik, sondern auch die Allgemeinheit in Japan entscheiden sollte.

tip: Haben Sie selbst, als Sie noch in Japan gelebt haben, Erdbeben-Katastrophen erlebt??

Shimada: 1995, als sich das große Erdbeben in Kobe ereignete, waren wir in Japan. Wir lebten in Nishinomiya und in Amagasaki, zwei Städte zwischen Osaka und Kobe. Nishinomiya wurde sehr stark zerstört. Wir haben das Erdbeben direkt erlebt. Es war die schrecklichste Erfahrung in unserem Leben. Auch die Nachbeben machten uns große Angst. Es dauerte lange, bis wir diese Angst losgeworden sind. Aber die Nachbarn haben sich sofort einander geholfen. Und dann kamen viele Menschen aus anderen Orten, um uns zu helfen. Die Bewohner in Kobe haben gelernt, mehr miteinander zu kooperieren. Das Beben jetzt war sehr viel stärker als das Erdbeben in Kobe.

tip: Sie haben eine Woche nach der Erdbeben-Katastrophe in Japan auf dem Alexanderplatz ein Konzert gegeben und Spenden für die Erdbeben- und Tsunami-Opfer gesammelt. Wie waren die Reaktionen der Berliner??

Shimada: Die Berliner haben uns ermuntert. Sie waren sehr gut informiert und wollten helfen. Wir haben insgesamt 667,39 Euro während unseres einstündigen Konzertes gesammelt. Das Geld haben wir über das Deutsche Rote Kreuz an das Japanische Rote Kreuz überwiesen. Helfer des Japanischen Roten Kreuzes sind in den zerstörten Städten im Einsatz.

tip: Sie spielen seit 2002 in Berlin japanisches Theater und haben Ihre Aufführungen in 17 Ländern gezeigt. Weshalb arbeiten Sie so international??

Shimada: Ich habe in Japan Bertolt Brecht und japanisches klassisches Theater studiert, um ein modernes Theater zu entwickeln. Seit 1989 habe ich meine Inszenierungen in 38 Städten in Europa, Asien, Ozeanien, Süd- und Nordamerika gezeigt. Aus den Reaktionen der Zuschauer habe ich viel gelernt und meine Theaterarbeit weiterentwickelt. In Japan werden klassische Theaterstücke und zeitgenössisches Theater getrennt behandelt. Das sind zwei Welten. In vielen anderen Ländern versteht man die Beziehungen zwischen klassisch und modern anders als in Japan.

Lasenkantip: Lässt sich das formal sehr strenge traditionelle japanische Theater mit anderen Theaterformen verbinden??

Shimada: In den aktuellen Theaterstücken, die wir spielen, übernehmen wir zum Beispiel klassische Elemente des Bunraku–Figurentheaters. Das klassische Theater kommt dann als ein Element in dem modernen Theaterstück von Yoko Tawada nach Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ vor. Es ist kein Fremdkörper, sondern Bestandteil der Handlung. So entstehen moderne Theateraufführungen. Es ist vielleicht weniger eine Verbindung als vielmehr ein collageartiges Zusammensetzen. Das Lasenkan Theater möchte in der Zusammenarbeit mit Schauspielern aus Deutschland, Japan, Korea, Spanien, England und anderen Ländern ein eigenes Theater aus der japanischen Kultur  und anderen Kulturen entwickeln.

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Lasenkan

Lasenkan Theater spielt Sancho Pansa Brotfabrik, Sa 16.4., 19.20 Uhr und 20.20 Uhr,

3. Lange Nacht der Opern und Theater

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