Stadtleben und Kids in Berlin

Saddams letzte Botschaft

In der ehemaligen irakischen Botschaft in Berlin-Pankow scheint die Zeit auf gespenstische Art und Weise stehen geblieben zu sein.

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Foto: Stefan Boness / IPON

Obwohl das Gebäude seit Anfang der 1990er-Jahre verlassen ist, finden sich dort bis heute jede Menge Relikte aus der Zeit Saddam Husseins und der DDR. Der Himmel ist grau verhangen, ausdauernd ergießt sich Bindfadenregen. Für das dreistöckige, mit breiten Balkonen und einem großzügigen Aufgang versehene, graue Gebäude offenbar keine ungewöhnliche Wetterlage: Von der Erde her steigt Feuchtigkeit in der Betonfassade auf. Das heruntergekommene Haus, ein Plattenbau aus den Siebzigerjahren, könnte als nachkoloniales Gebäude irgendwo auf der Welt stehen, etwa in einem tropischen Land, wo man angesichts regelmäßiger Regen­zeiten in Sachen Instandhaltung längst kapituliert hat.

Tatsächlich aber steht das Haus in Berlin-Pankow in der Tschaikowskistraße 51. Es ist die ehemalige irakische Botschaft in der damaligen DDR, die unter Touristen, aber auch Party-Leuten und Video-Filmern inzwischen als eine Art Geheimadresse gilt. Denn auch das Innere des Gebäudes wirkt unwirklich und fern. Obwohl in den vergangenen Jahren Vandalen Fenster einschlugen, die Farbe inzwischen von den Wänden blättert, Souvenir­jäger hier Beute machten und ein Feuer eine Rußspur hinterließ, finden sich immer noch jede Menge Relikte, die sowohl die Zeit der DDR als auch die des Iraks unter Saddam Hussein wieder aufleben lassen: Schreibmaschinen oder Faxgeräte aus sozialistischer Produktion, marode, einst teuer-repräsentative 70er-Jahre-Möbel, außerdem überall verstreut bedrucktes Papier, darunter zerfledderte ADN-Resümees für Diplomaten, arabische Lehrbücher, irakisches Propaganda­material inklusive Bildern von Saddam Hussein sowie dick gefüllte Aktenordner.

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Foto: Stefan Boness / IPON

„Es lagen hier auch jede Menge Visa-­Anträge und andere personenbezogene Dokumente herum“, sagt Hans-Michael Schulze, ein Historiker, Pankow-Chronist und Referent des DDR-Museums. „Eine datenschutzrechtliche Katastrophe, deshalb habe ich diese Dinge sichergestellt.“ Hans-Michael Schulze beschäftigt sich seit 2009 mit der einstigen Botschaft und erzählt, dass es sich um einen Plattenbau vom Typ IHB handelt. So, wie die drei weiteren, bauähnlichen, aber längst renovierten Gebäude auf der Tschaikowskistraße 47 bis 49, in denen inzwischen ein Projektträger für Technologiefördermaßnahmen der Bundesregierung residiert. „Zu DDR-Zeiten waren hier die Botschaften von Frankreich, Italien und Australien.“ Zum Irak jedoch pflegte die DDR eine besonders innige Beziehung. Schließlich war er nicht nur das erste nicht-sozialistische Land, das die DDR bereits 1969 anerkannte. Auch die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen blühten: Der Irak verfügte über Öl, die DDR über Waffen und Know-how in Sachen chemischer Kriegsführung.

Das Jahr 1990 dann wurde zum Schicksalsjahr der irakischen Botschaft: Durch die Besetzung Kuweits am 2. August isolierte sich der Irak international. Mit dem Ende der DDR wurde Pankow außerdem als Botschaftsstandort unattraktiver. Im Januar 1991 schließlich sollen die irakischen Diplomaten von der gesamtdeutschen Regierung zur Ausreise aufgefordert worden sein. Seit dieser Zeit steht das Gebäude leer – auch wenn Prüfsiegel an den Heizungen darauf verweisen, dass das Gebäude bis Ende der 1990er-Jahre offenbar noch rudimentär gewartet wurde. Was aus dem Haus werden soll, scheint zur Zeit niemand so recht zu wissen. Noch soll der Irak ein unentgeltliches und unbefristetes Nutzungsrecht an der der Bundesrepublik gehörenden Liegenschaft haben. Ob, wann und wie man dieses Nutzungsrecht wahrzunehmen gedenke, konnte der tip nicht ermitteln: Die neue irakische Botschaft in Zehlendorf wirkt – kommunikationstechnisch – ebenfalls verlassen: Tagelang hebt niemand dort das Telefon ab.

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