Theater und Bühne in Berlin

Sasha Waltz über das Neue Museum und „Dialoge 09“

Es ist das Kulturereignis des Jahres: Nach dem zwölfjährigen Umbau durch den Architekten David Chipperfield wird das Neue Museum wieder eröffnet. Sasha Waltz weiht den Bau mit einem spektakulären Tanzstück ein: "Dialoge 09". 70 Tänzer, Musiker und Sänger verwandeln dabei David Chipperfields Museumsbau für zehn Vorstellungen in eine große Bühne. Im tip-Interview erzählt Sasha Waltz, was sie am Neuen Museum fasziniert

tip Frau Waltz, Sie haben vor der Eröffnung mehrere Wochen im Neuen Museum gearbeitet. Wie geht es Ihnen mit diesem von David Chipperfield umgebauten his­torischen Gebäude?
Sasha Waltz Als ich im Oktober letzten Jahres das erste Mal dort war, war ich wirklich aufgewühlt. Es ist einfach unglaublich schön. Das Neue Museum war ja eine Ruine. Wie Chipperfield das bearbeitet hat, wie der historische Bau jetzt mit seinen Wunden und Brüchen und gleichzeitig mit seiner Schönheit erscheint, das ist enorm. Es verbirgt nichts. Die Geschichte ist existent, die Zerstörung bleibt sichtbar, man vergisst das nicht. Aber obwohl alle Kontraste ausformuliert sind, bildet alles zusammen eine harmonische Einheit. Die Proportionen, die Unterteilungen der Räume, das alles ist so geblieben. Aber durch die neuen Materialien und die neuen Formen entsteht ein starkes Spannungsfeld zwischen der modernen Strenge und Konsequenz und dem Historischen, das so sinnlich und überbordend ist.

tip Es gibt allerdings auch Kritik. Mitglieder der Gesellschaft Historisches Berlin werfen dem Architekt Chipperfield vor, „Wundmalpflege statt Denkmalpflege“ betrieben zu haben.
Waltz Wenn man zu viel wiederholt, dann wird das künstlich und leblos, es bekommt dann für mich etwas von Disneyland. Wir leben in einer anderen Zeit, warum sollten wir das verleugnen? Im Neuen Museum wurde jedes Detail, jede Säule, jeder Bogen immer wieder neu dis­­ku­tiert, es wurde gefragt: Wie löst man das? Auf diesem Weg sind unglaublich individuelle Räume entstanden. Dieses ganze Gebäude hat sehr viele Zeitschichten. Die Illusion, dass man sich in einer anderen Kultur befindet, sollte damals ja nicht nur durch die Exponate, sondern auch durch die Räume, in denen sie gezeigt werden, erzeugt werden. Es gibt wunderbare Fres­ken, einen mythologischen Saal etwa voller ägyptischer Grabmalereien. Dadurch, dass man die Brüche belassen hat, wirkt es jetzt fast noch älter. Ich habe in meinem Stück versucht, mit diesen Brüchen und Rissen zu arbeiten. Die ägyptischen Räume, der ganze Todeskult, hat mich dabei beson­ders beeinflusst.

tip Standen Sie während Ihrer Arbeit auch mit Chipperfield selbst in Kontakt?
Waltz Wir waren die ganze Zeit parallel im Gebäude. Es war sehr beson­ders, diese letzten Wochen vor der Eröffnung mitzuerleben. Manches kam mir sehr vertraut vor. Architektur ist wie der Tanz eine extreme Teamarbeit. Ich glaube, beim Neuen Museum war die Frage, wie man mit diesem Gebäude überhaupt umgeht, der schwierigste Prozess. Chipperfield ist ein enorm integrativer Mensch. Er hat es geschafft, aus diesen ganzen un­terschiedli­chen Meinungen eine gemeinsame Arbeitsrichtung zu entwickeln. Ich glaube, nur so konnte etwas entstehen, womit sich alle identifizieren können. Man hat das auch bei der Schlüsselübergabe gemerkt, wie glücklich alle mit dem Ergebnis sind.

Neues Museumtip Haben Sie Ihr Stück auf einer Baustelle geprobt?
Waltz Ja, die Restauratoren und Bauarbeiter waren die ganze Zeit da. Es gab Staub, Lärm, ununterbrochene Bewegung, Gerüste und Chaos. Es war anstrengend, aber es war auch lebendig und großartig. Vor allem die Arbeit der Restauratoren zu beobachten war faszinierend. Wenn man ihnen bei der Arbeit zusieht, wird es ganz selbstverständlich, davon zu sprechen, dass ein Gebäude Wunden hat. Sie arbeiten wie Ärzte bei einer Operation, sehr fein, konzentriert und unglaublich geduldig. Sie sitzen tagelang an kleinsten, nur Zentimeter großen Fragmenten. Anders als bei den anderen Stü­cken, die ich bislang für spezielle Räume gemacht habe, im Jüdischen Museum, im Radialsys­tem oder wie bei „inside­out“, wechseln die Tänzer dieses Mal nicht ständig die Räume. Die
jeweiligen Gruppen haben sich intensiv mit ihren zwei Räumen auseinandergesetzt, und es hat sich dabei ein toller Kontakt zwischen den Tänzern und den Restauratoren ent­wi­ckelt. Sie haben den Tänzern die Räume erklärt, und sie haben natürlich auch neugierig Anteil an dem genommen, was wir dort machen.

tip In einem solchen Gebäude zu spielen ist eine gewaltige logistische Herausforderung. Die gesamte Infrastruktur eines Theaters fehlt, die Bühne, das Licht. Warum tun Sie sich das an?
Waltz Weil es mich euphorisiert. Ich hatte ja eigentlich vor, endlich wieder ein kleines Stück zu machen, und jetzt ist daraus etwas noch Größeres geworden als das meiste zuvor. Ich stehe teilweise mit dem Megafon auf der Treppe. Ich habe manchmal gesagt, ich brauche einen Kilometerzähler bei dem, was ich da am Tag laufe, treppauf und treppab (lacht). Die Räume sind so stark, dagegen muss sich der Körper überhaupt erst mal behaupten. Im griechischen Hof gibt es eine Ausgrabung, die mich fasziniert. Und dann dieses gewaltige Treppenhaus, das ja zerstört war. Chipperfield hat an die Stelle einen wuchtigen Aufstieg aus edlem Beton gesetzt. Welche Bewegung da auf einmal gar nicht mehr möglich ist und welche doch, das ist für mich ein wenig wie bei „Körper“, meinem ersten Stück an der Schaubühne.

tip Wie ist die Idee zu diesem Projekt überhaupt entstanden?
Waltz Im Sommer war Anja Schmal­fuß, unsere Geschäftsfüh­rerin, mit amerikanischen Graduierten im Neu­en Museum. Als sie wiederkam, war sie richtig bewegt. Sie hat gesagt: „Sasha, das musst du dir an­gucken“, und dann waren wir im Oktober tatsächlich dort. Martin Reichert von Chipperfields Berliner Büro war dabei und Matthias Henkel, der Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Staatlichen Museen Berlin. Es war verrückt, wir haben sofort angefangen, über Termine zu sprechen. Mein Probenplan für das nächste Stück stand schon, die Tänzer waren schon gebucht, und es war genau die Periode, die dort zur Verfügung stand. Sonst hät­te es vielleicht gar nicht geklappt, aber es war perfekt.

tip Sie waren im vergangenen Jahr überarbeitet und hatten für eine Weile alle Termine abgesagt. Hat sich an Ihrer Arbeitsweise etwas geändert?
Waltz Ich versuche, strengere Arbeitsrhythmen einzuhalten, mir Pau­sen zu nehmen, nicht über die Zeit zu arbeiten. Momente zu haben, in denen ich mich entspanne, wenn ich aufgewühlt bin. Das hat einen guten Einfluss auf die Arbeit. Ich versuche, mehr Klarheit zu bewahren, und ich glaube, das ist auch erkennbar.

tip Ein Stressfaktor ist ja nicht zuletzt die magere Finanzierung Ihrer Compagnie. Was ist der Stand der Dinge?

… Lesen Sie weiter in tip 07/09 ab Seite 16

Interview: Michaela Schlagenwerth

zur Fotogalerie: Harry Schnitger


Dialoge 09

Neues Museum, Museumsinsel, Bodestraße 1-3, Mitte,
18.-21., 23., 27.-28., 30.3., 19 Uhr,
22., 29.3., 15 Uhr,
www.smb.museum/neuesmuseum

zum PORTRÄT VON SASHA WALTZ & FRIENDS

 

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