Kommentar

„Scham“ von Erik Heier

Die Hölle für Bücherredakteure stelle ich mir als literarische Variante der chinesischen Wasserfolter vor

Erik Heier

Ich sitze gefesselt auf einem Stuhl, und der Teufel, dessen Gesicht aus irgendwelchen Gründen einer diabolisch nur geringfügig optimierten Version von Dennis Scheck ähnelt, lässt gut gelaunt ein Buch nach dem anderen auf meinen Schädel fallen, klonk, klonk, klonk. Es sind all jene Bücher, die im vergangenen Jahr aus teilweise völlig ungerechten Gründen – andere Autoren-Vorschläge, zu wenig Platz, plötzlich noch eine Anzeige auf der Seite, gelegentlich auch schlichte Kurzzeitblödheit des Redakteurs – nicht im tip-Literaturteil besprochen wurden. Ich nenne sie gern: meine Liste der Scham. Darauf stehen in gar keiner besonderen Reihenfolge zum Beispiel: Jutta Voigts DDR-Boheme-Erinnerungen „Stierblutjahre“, Klaus Ungerers Berliner Kriminalgerichtsgeschichten „Der weinende Mörder“, Teresa Präauers zeitgemäße Taugegarnichts-Variante „Oh Schimmi“, Jo McMillans irre Story einer mit ihrer kommunistischen Mutter in die 70er-Jahre-DDR ausgewanderten Britin „Paradise Ost“, Jan Brandts unglaublich wahre Los-Angeles-Impressionen „Stadt ohne Engel“, David Wagners Reisenotizen „Ein Zimmer im Hotel“, Matthias Hirths Roman über 1999, das Jahr des Fischotters, lateinisch: „Lutra Lutra“, David Graebners Tiefenstudie „Bürokratie“, Joanna Bators Gesellschaftszerfall-Roman „Dunkel, fast Nacht“. Und so weiter. Ja, es tut mir leid. Es gibt viel zu lesen, liebe Freunde, letztes Jahr, nächstes Jahr, immer.

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