Essen & Trinken in Berlin

Schankvorgärten: Ein Streit eskaliert

Die Größe der Außenbereiche regelt das Ordnungsamt. In Prenzlauer Berg ist jetzt ein Streit eskaliert

JN_Si_An-8Dieses Jahr ist das mit dem Wetter wieder mal so eine Sache. Frühling? Den gab es kaum. Sommer? Der hat gerade angefangen, und wer weiß, wie lange er dauert. Die Berliner Gastronomie stöhnt. Denn das Jahr ist nicht gut gestartet. Und ein Außenbereich ist ein wichtiger Faktor, um das Jahr gut über die Runden zu bringen. „Die Verunsicherung durch die Euro-Krise hat viele dazu verleitet, eher Geld für Sachwerte auszugeben und nicht für Genuss“, so das Fazit verschiedener Gastronomie-Profis wie zum Beispiel Markus Herbicht, Caterer und Küchenchef vom Ш. Mit dem Außenbereich hat diese Adresse in Kreuzberg keine Probleme, das Ш hat einen eigenen Biergarten.

Das ist in Prenzlauer Berg ganz anders, und in der Rykestraße sehr, sehr speziell. Und das schon seit Jahren. Dort hat Si An Truong ein kleines Restaurant mit gerade mal 40 Plätzen. Si An Truong hat das Talent, Räume neu zu gestalten, so dass ein zeitgenössisches Abbild vietnamesischer Designkultur entsteht. Vielleicht hat er etwas von seinem Vater mitbekommen, der Professor für Kunstgeschichte in Vietnam war, bevor die Familie nach Deutschland auswanderte. Truongs Kreativität ist auch in seinen weiteren Restaurants, dem Teehaus Chen Che und District Mot kaum zu übersehen. Gerade im District Mot, einem einer vietnamesischen Straßenkneipe nachempfundenen Restaurant, hat Si An Truong gute Erfahrung gemacht mit dem Ordnungsamt. In Mitte, in der Rosenthaler Straße, durfte er sogar einen Teil der Straße absperren, um während der Fashion Week das vietnamesische Lebensgefühl und die dazugehörige Esskultur zu zelebrieren. „Warum funktioniert das denn hier in Mitte und nicht in Prenzlauer Berg?“

JN_Si_An-13Truong ist mittlerweile mehr als ratlos. Das Bezirksamt Mitte hat einen klaren Standpunkt. „Wir nutzen den gegebenen Spielraum, wir als Verwaltung fummeln nicht dazwischen.“ Es geht um den wirtschaft­lichen Aspekt, der von der Politik so gewünscht wird. Und für Harald Büttner (Leiter des Tiefbau- und Landschaftsplanungsamtes) ist eins ganz klar: „Das ist eine Einnahmequelle, es werden Steuern bezahlt und davon letztendlich die Verwaltung entlohnt.“ Ganz anders die Auseinandersetzungen in der Rykestraße. Diese führten zu abstrusen Situationen. Nach einem Bußbescheid, gegen den Widerspruch eingelegt wurde, folgte der Haftbefehl. „Ich war gerade in Vietnam und traute mich nicht zurückzufliegen, weil ich Angst hatte, dass ich bei der Ankunft in Tegel gleich verhaftet werde.“

Truong beweist Galgenhumor und meint, dass das Ganze nur noch lächerlich sei. Wir sitzen auf den „illegalen“ Bänken in der Rykestraße. Der Gehweg ist dieses Frühjahr neu gepflastert, die Baumscheiben vergrößert worden. Truong hat sie mit Moos bepflanzt und Blumenkübel dazugestellt. „Wir hatten mit den Straßenarbeitern und den Architekten ein gutes Verhältnis, das ging alles problemlos.“ Deshalb wunderte es Truong, dass er vor kurzem ein Schreiben bekam, in dem stand, dass er nun dafür sorgen soll, dass das Moos wegkommt. „… fordern wir Sie auf, die Baumscheiben bis zum 25.06.2013 von privater Gestaltung und Ausstattung zu beräumen“, hieß es da.

Doch das ist nur ein Nebenschauplatz in einer Reihe von Missverständnissen, Schikanen, Verboten sowie Strafandrohungen, die jetzt dazu geführt haben, dass das Si An gar keinen Außenbereich genehmigt bekommen hat. „Früher hatte ich eine Sondergenehmigung für den oberen und unteren Gehweg-Streifen.“ Truong zeigt auf die Rahmen für die Fahrräder die mitten vor seiner Tür angebracht sind. Das Yogastudio nebenan hatte darum gebeten, dass die ihnen zugeteilten Rahmen versetzt werden. Das passierte auch. Truongs Bitte hingegen blieb ungehört. „Wenn ich persönlich beim Bezirksamt vorbeigehe, werde ich ignoriert.“ Truong fühlt sich schlecht behandelt. Er muss immer einen Freund mitnehmen, den man eindeutig als Mitteleuropäer erkennen kann. Dann erst kommt es zu Gesprächen.

JN_Si_An-23Gibt es im Bezirksamt und bei den Ordnungshütern von Prenzlauer Berg Vorurteile? Torsten Kühne (Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Verbraucherschutz, Kultur, Umwelt und Bürgerservice) kann das nicht glauben. „Unsere Mitarbeiter sind entsprechend geschult.“ Ihm ist bewusst, dass gerade jetzt das Thema „Schankvorgärten ein beliebtes Thema ist“. Dass es dabei um ein existentielles Problem geht, muss man ihm nicht weiter erörtern. Doch wenn es, wie im Fall des Restaurants Si An, Bürgerbeschwerden gibt, muss er handeln. Dann patrouilliert das Ordnungsamt regelmäßig. Um zu überprüfen, ob an der Beschwerde etwas dran ist, ob der Gastronom einsichtig ist und das Ärgernis beseitigt. Merkwürdig nur, dass dieses Procedere schon im April 2013 angefangen hat. Da fanden die Bauarbeiten am Gehweg statt, und um draußen zu sitzen, war es definitiv zu kalt.

Jedenfalls hat das Bezirksamt ein Exempel statuiert. Si An Truong darf keinen einzigen Tisch vor die Tür stellen. Wenn er es doch tut, ist das illegal und es folgt ein ordentliches Strafgeld. Aber noch gibt es Hoffnung. Bezirksstadtrat Torsten Kühne muss zugeben, dass er die aktuelle Situation vor Ort nicht genau kennt. Denn der Gehweg, der untere gepflasterte Streifen, direkt an der Straße, ist immer noch nicht fertig. Dort könnten Fußgänger, Fahrrad- sowie KinderwagenfahrerInnen entspannt vorbeikommen. Und vielleicht hören damit endlich die Bürgerbeschwerden auf. Denn wer weiß schon, wie dieser Sommer werden wird, da sollte doch jeder von den wenigen Tagen unter blauem Himmel profitieren.

Text: Eva-Maria Hilker

Fotos: Julia Nimke / HiPi

Teehaus Chen Che Rosenthaler Straße 13, Mitte, Tel. 28 88 42 82, www.chenche-berlin.de, tgl. 12-24 Uhr

District Mot Rosenthaler Straße 62, Mitte, Tel. 20 08 92 84, So-Do 12 -24 Uhr, Fr+Sa 12-1 Uhr

Si An Rykestraße 36, Prenzlauer Berg, Tel. 40 50 57 75, www.sian-berlin.de, tgl. 12-24 Uhr

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