Kultur & Freizeit in Berlin

Kommunale Kinder- und Jugendzentren von Privatisierung bedroht

In Friedrichshain-Kreuzberg sollen kommunale Kinder- und Jugendeinrichtungen von freien Trägern übernommen werden. Die Betroffenen fürchten, dass dann die Sparlawine erst richtig ins Rollen kommt

DrobWenn Robert Andjelkovic, 18, ein wuchtiger junger Mann mit hellbraunem Teint und schwarzem Stoppelhaar, auf dem Bürgersteig Passanten entgegenstapft, dann möchte so mancher von ihnen am liebsten die Straßenseite wechseln. Denn der gebürtige Kreuzberger mit serbischen Eltern, der so finster blicken kann, scheint rein äußerlich dem Klischee vom gewaltbereiten jugendlichen Problem-Migranten zu entsprechen. Dabei ist Robert in Wirklichkeit ein richtig Netter: Wer ihn kennenlernt, erlebt einen freundlichen, reflektierten, kulturell und sozial interessierten und in der Schule motivierten Jungen. Als langjähriger Capoeira-Tänzer ist er zudem viel agiler, als sein stämmiger Körperbau es suggerieren mag.
Obwohl der Teenager keine ganz leichte Kindheit hatte, bei der Großmutter aufwuchs, weil seine Eltern sich früh scheiden ließen, könnte er jederzeit als Vorbild für eine gelungene Jugend dienen. Derzeit steht er an seiner Schule, dem Oberstufenzentrum Kommunikations-, Informations- und Medientechnik, kurz vor dem Abschluss als Medienassistent. Danach will er noch ein Jahr dranhängen und das Abi machen. Au­ßerdem hat er als Rapper erst unter dem Künstlernamen Dr. Rob, dann als „DrroB“ bereits eine gewisse Berühmtheit erlangt. Die nachdenklichen Texte schreibt „DrroB“ seit vielen Jahren selbst.
In dem Kreuzberger Kinder- und Jugendfreizeitzentrum Naunynritze gehört Robert Andjelkovic zum Stammpublikum. „Das ers­te Mal bin ich mit ungefähr acht Jahren hin“, erzählt er. „Ein Kumpel hat mich zum Capoeira-Training mitgenommen.“ Später nahm er in der Naunynritze zusätzlich noch an Theater-Work­shops teil, begann in dem hauseigenen Musikstudio seine Rap-Texte zu vertonen und beteiligte sich an dem umfassenden Bildungsprogramm der StreetUniver­City, einer Initiative, die aus der Naunynritze hervorgegangen ist. Zeit, auf dumme Gedanken zu kommen, hatte Robert angesichts seiner vielen Freizeitaktivitäten in dem Kreuzberger Jugendzentrum eigentlich nie.

Trotz ihrer guten Arbeit fürchten in Kreuzberg und Friedrichshain Einrichtungen wie die Naunynritze jetzt um ihren Fortbestand. „Im Juli nächsten Jahres sollen in den kommunalen Kinder- und Jugendeinrichtungen 55 Stellen wegfallen“, berichtet eine Mitarbeiterin in einem Gespräch am Rande des Naunynritzen-Hoffestes am ersten Septemberwochenende. Ist das Fest hier sonst einer der Höhepunkte des Jahres, blickt man dieses Mal öfter in besorgte Gesichter. Denn statt der bislang beim Bezirk beschäftigten Mitarbeiter sollen demnächst finanziell günstigere freie Träger die Arbeit in den Kinder- und Jugend­einrichtungen übernehmen. Die angestammten Beschäftigten wür­den dann in den Stellenpool des Senats wandern – und wären somit aus dem Etat von Friedrichshain-Kreuzberg radiert.Naunynritze
„Finanziell gesehen stehen wir mehr als mit dem Rücken an der Wand, wir stehen bereits dahinter“, fasst Monika Herrmann, grüne Bezirksstadträtin für Jugend, Familie und Schule in Friedrichshain-Kreuzberg, die Situation des Großbezirks in dramatische Worte. Weil der Senat den Bezirken harte Sparauflagen verordnet hat, seien dringend neue Ideen gefragt. „Wir müssten entweder, wie in Mitte, ganze Einrichtungen schließen. Oder sie an die freien Träger übergeben“, sagt Monika Hermann. „Ich bevorzuge die letztere Variante.“ Außerdem stünde es den kommunalen Mitarbeitern der Kinder- und Jugendeinrichtungen offen, sich bei den freien Trägern als Mitarbeiter zu bewerben. Und so die von ihnen derzeit viel be­schwo­rene Kontinuität ihrer Arbeit mit der minderjährigen Klientel zu sichern.
In der Naunynritze sieht man letzteren Vorschlag jedoch skeptisch. Vergleichbare Arbeitsbedingungen könnten bei den freien Trägern nur befristet garantiert werden. Außerdem müsse man davon ausgehen, dass die Verträge des Bezirkes mit den freien Trägern zeitlich limitiert würden. Nach Auslaufen dieser Verträge und bei zu erwartenden fortlaufenden Sparzwängen würden Schließungen von Kinder- und Jugendeinrichtungen in Friedrichshain-Kreuzberg allenfalls zeitlich verschoben.
Auch Monika Herrmann sieht diese Gefahr. Und beklagt sich vor allem über Klaus Wowereit, der in Berlin an den falschen Enden Geld streichen würde: „Gerade in Bezirken wie Friedrichshain-Kreuzberg leisten die Kinder- und Jugendeinrichtungen eine unverzichtbare Arbeit. Wenn die wegfällt, würde uns das künftig sehr viel mehr kosten, als wir jetzt einsparen.“ Nicht verstehen kann die Bezirksstadträtin auch, warum Wowereit für rund 300 Millionen Euro auf dem Flughafengelände in Tempelhof eine Bibliothek bauen will. Monika Herrmann: „Wenn man bei den Kinder- und Jugendlichen künftig weiter so streicht, wird es immer weniger geben, die dann überhaupt noch lesen können.“

Text: Eva Apraku
Foto Naunynritze: Bernd Sauer-Diete

www.widerstand-berlin.de
www.naunynritze.de

 

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