Literarisches Leben

Schriftsteller in Berlin: Schreiben ist Leben

Anke Stelling fühlt sich trotz Preis nicht in Sicherheit. Ulla Lenze liest Briefe ihrer Vorfahren. Paulina Czienskowski soll für eine Generation schreiben. Und Thomas Brussig ist mit der DDR fertig. Was Berliner Schriftsteller*innen umtreibt. Und wie sie damit umgehen. Kurz bevor das neuartige Corona-Virus die Stadt lahmlegte, hat tip-Literaturredakteur Erik Heier vier Schriftsteller*innen in Berlin getroffen.

„Ehrlich, Ulf. Der Preis bedeutet nicht so viel. Also schon, klar, lieber ein Preis als kein Preis. Aber das ist doch der fuckin’ Kulturbetrieb! Wer so etwas Bedeutung beimisst, der gerät in Teufels Küche.“

Schriftstellerin Resi in: Anke Stelling, „Schäfchen im Trockenen“

Schriftstellerin Anke Stelling. Ihr Buch „Schäfchen im Trockenen“ ist beim Verbrecher Verlag erschienen. Foto: Nane Diehl

Und dann wird tatsächlich ihr Name aufgerufen. Belletristik-Preis der Leipziger Buchmesse 2019: Anke Stelling. Ein Preis, wie er im Buche steht. In ihrem eigenen Buch.

Schäfchen im Trockenen“ ist die Suada einer existenzbedrohten Schriftstellerin in Prenzlauer Berg, die kühlblütig wie skalpellscharf das mit Lebenslügen ausgepolsterte Mittelschichtsmilieu um sie herum zerlegt – und am Ende dafür einen Preis bekommt.

— Wie fühlt er sich jetzt für Anke Stelling an, dieser fuckin’ Kulturbetrieb?

„Richtig genießen kann ich den Preis immer noch nicht“, sagt Stelling. „Aber ich will mir auch nicht mit zu viel Skepsis meine Freude verderben lassen.“

Schriftsteller in Berlin: Schreiben. Schwere. Not

Bei wenigen Berliner Schriftsteller*innen ließ sich zuletzt so explizit, so unverstellt lesen wie bei Anke Stelling, wie es um die Literaturproduktion bestellt ist. Was für ein Kampf das sein kann. Wie es an einem zehrt. Und um die Ecke harrt das Scheitern mit der Keule in der Hand. Schreiben. Schwere. Not.

Manchmal ist es aber auch nur das Ringen mit dem Text, mit den Figuren, mit dem Plot. Mit dem literarischen Leben. Denn ja, es ist Liebe. Trotz alledem. Schreiben ist Leben.

„Ich war auch dann Schriftstellerin, als es sonst keiner glaubte“, sagt Anke Stelling.

„Wenn ich schreiben muss, schließe ich mein Internetkabel und mein Handy im Briefkasten ein“ sagt Ulla Lenze, deren neuer Roman „Der Empfänger“ von einem entfernten Verwandten handelt. „Aber manchmal überliste ich mich beim Müllrunterbringen.“

„Es lohnt sich meist, beim Schreiben nicht an das vermeintliche Außen zu denken“, sagt Paulina Czienskowski, deren Debütroman „Taubenleben“ heißt. „Dieser Gedanke: Fuck, wen interessiert denn das? Mal gucken.“

„Die Entscheidung für einen Stoff ist ein Geheimnis, hinter das ich noch nicht gekommen bin“, sagt Thomas Brussig, in dessen neuem Roman zwei Teenager zu Waschbären werden.

So haben alle Berliner Schriftsteller*innen in dieser Titelstory ihre ganz eigenen Geschichten.

Anke Stelling weiß, wie fragil das Oben ist, wie bleiern das Unten

Anke Stelling ist mit dem Fahrrad zum Gespräch in ein Café in Prenzlauer Berg gekommen. Bis zu ihrer Wohnung in einem Genossenschaftshaus sind es nur ein paar hundert Meter. Kurzer Dienstweg.

„Schäfchen im Trockenen“ war einer dieser Romane, der keinem egal war. Man hasste ihn oder liebte ihn. In Hamburg, erzählt Stelling heiter, habe sich eine Frau einmal nur deshalb eineinhalb Stunden in ihre Lesung gesetzt, um ihr hinterher persönlich sagen zu können, „wie scheiße sie mein Buch fand“.

Kurz nach Leipzig erschienen auf der Internetseite der „Zeit“ binnen einer Woche eine lobende Besprechung und ein Frontalverriss. Schöne Grüße vom fuckin’ Kulturbetrieb.

Stelling kennt ihn nur zu gut, den Betrieb. Wie fragil das Oben sein kann, wie bleiern das Unten. Wenn man plötzlich ohne Verlag dasteht. Bei ihr ist das noch gar nicht lange her. Sie war Anfang 40 und hatte zwei neue Bücher in der Pipeline, die kein Verlag drucken wollte.

Der eine: „Fürsorge“, ein Inzest-Roman mit derben Mutter-Teenagersohn-Fickszenen, bei denen an der Bestseller-Liste konditionierten Lesern das Frühstücksbrötchen aus dem Gesicht fallen musste. Und der andere: „Bodentiefe Fenster“, ein vielleicht sogar noch böserer Wohlstandskiez-Rant als später „Schäfchen im Trockenen“, deren Erzählerin, hier heißt sie Sandra, sich ja auch nicht aus Daffke „Kassandra vom Prenzlauer Berg“ nennt.

Erst der Verbrecher Verlag hatte 2015 die Eier, „Bodentiefe Fenster“ (dann auch „Fürsorge“) rauszubringen. Der „Fenster“-Roman wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Der Unterschied, für einen Literaturpreis nominiert zu werden. Oder ihn zu gewinnen

Als ihre Resi in „Schäfchen im Trockenen“ ihren Preis bekommt, gratuliert ihr nur ein einziger ihrer alten Freunde halbherzig dazu. Bei Stelling war das nach Leipzig ähnlich. Im Genossenschaftshaus grüßt sie längst keiner mehr. Wegen „Bodentiefe Fenster“. Da glaubten sich einige im Haus wiedererkannt zu haben.

Anke Stelling hat festgestellt, dass es ein großer Unterschied ist, ob man für einen Preis nominiert ist oder ihn tatsächlich kriegt. Alles wird mehr. Die Verkaufszahlen, das Presseinteresse, die Lesungen. Der ganze Rummel.

„Ich habe aber auch jetzt meine Schäfchen längst nicht im Trockenen“, sagt sie. „Ich habe nur gerade weniger Geldsorgen.“

Ulla Lenzes Roman „Der Empfänger“ ist bei Klett-Cotta erschienen. Foto: F. Anthea Schaap

Ulla Lenzes neuer Roman „Der Empfänger“ ist anders als ihre bisherigen Bücher

„Careful, or You’ll End Up in My Novel“. Das T-Shirt mit dem Spruch bekam Ulla Lenze irgendwann von ihrem Freund geschenkt. Literaten-Humor. Anke Stellings Nachbar fänden das vielleicht nicht ganz so lustig.

Es ist ein Donnerstagmorgen in Lenzes Wohnung im Afrikanischen Viertel. Auf dem großen, übers Eck greifenden Schreibtisch: nur eine Vase mit Tulpen. „Gestern war der MDR da“, sagt Ulla Lenze fast entschuldigend.

Lenze, 1973 in Mönchengladbach geboren, seit 2011 in Berlin, war früher viel im Ausland. Damaskus, Istanbul, Mumbai. Mit Stipendien vom Goethe-Institut, von der Kunststiftung NRW. Mehrfach wurde sie mit Preisen ausgezeichnet. Sie ist gut drin im Literaturbetrieb.

Es ist lange her, dass sie mal ein halbes Jahr zum Jobcenter musste. Aber mit der Gewissheit eines baldigen Buchvertrags. „Ich wusste, wenn ich auf dieses Hartz IV angewiesen wäre, würde ich nicht durchkommen.“

Ihr vorheriger Roman, „Die endlose Stadt“, oszillierte zwischen Berlin, Istanbul und Mumbai. Ein anderer, „Der kleine Rest des Todes“, verarbeitete den Tod ihres Vaters bei einem Flugzeugabsturz.

„Der Empfänger“ ist ihr erster Roman, der nicht auf ihrer Biografie fußt. Sondern der ihres Großonkels Josef Klein, der 1925 in die USA auswanderte. Der über Ellis Island nach New York kam, sich nun Joe nannte, im verrufenen East Harlem lebte. Und kaum Bücher besaß. Außer über Amateurfunk. Man kann ihn ergoogeln.

Ulla Lenze schreibt ihm im Roman eine Ähnlichkeit mit Heinz Rühmann zu.

– Sah er wirklich Rühmann ähnlich?

„Nee“, sagt Ulla Lenze. Schallendes Lachen.

Nazis in Amerika

Es ist ein fesselnder, klug konstruierter Unterhaltungsroman, der zwischen New York in den 30ern und dem zerbombten Nachkriegs-Neuss hin- und herwechselt und aus dem man ein paar historisch bislang wenig bekannte Dinge aus den USA der 30er-Jahre lernt. Über den Amerikadeutschen Bund etwa, der Nazideutschland verehrte und im Februar 1939 im New Yorker Madison Square Garden eine 22.000-Leute-Versammlung abhielt. Oder über einen Spionage-Ring, dem Joe ein mobiles Funkgerät bauen würde, um Militärgeheimnisse nach Deutschland zu schicken.

1941 wird Joe/Joseph Klein zu fünf Jahren Haft verurteilt, nach Kriegsende abgeschoben, kehrt verarmt nach Neuss zurück. Zur Familie seines Bruders Carl, Ulla Lenzes Opa, Vater ihrer Mutter.

Dann zieht Josef weiter, nach Buenos Aires, nach Costa Rica, dort heißt er nun José. Die Brüder schreiben sich. Zehn Jahre lang.

2014 übergibt Ulla Lenzes Mutter ihr 178 Briefe. Mal handschriftlich, mal mit Schreibmaschine. Oft seitenlang. Lenze liest sich fest. Und hat ihren neuen Stoff.

Ein paar Tage vor dem Gespräch jubelt sie auf Facebook, dass die Auslandsrechte bereits in mehrere Länder verkauft worden seien: „Bin überwältigt!“ Es hat sich gelohnt. Die Recherchereise. Der Verlagswechsel. Und dass sie erstmals eine Agentur hat.

Im Afrikanischen Viertel fühlt sich Ulla Lenze weit genug weg von der lauten See-, der kakophonischen Müllerstraße. Und vom Literaturbetrieb. Anders als Kolleg*innen aus Kreuzberg oder Neukölln, die ihr erzählt haben, dass ihnen im Supermarkt dauernd Literaturkritiker über den Weg liefen.

– Und wie verhält man sich dann? „Weiß ich nicht“, lacht Ulla Lenze. „Ich glaube, da muss man schon grüßen, oder?“

Paulina Czienskowskis Roman „Taubenleben“ ist bei Blumenbar erschienen. Foto: William Minke

Paulia Czienskowski: „Gedanken einer Wahnsinnigen“

Paulina Czienskowski möchte sich nicht Schriftstellerin nennen. „Niemals!“, sagt sie.

Dabei ist ihr Debütroman „Taubenleben“ beim Blumenbar Verlag einer der Spitzentitel des Frühjahrs. „Bevor ich mit dem Buch anfing, hatte ich doch gerade erst begonnen zu sagen: Ich bin Journalistin!“ Was schon reichte, um ihren früheren Deutschlehrer zu verdattern, den sie einmal traf und von ihrem Beruf erzählte. „Der hat gelacht!“, sagt sie belustigt. „Ich hoffe, dass er jetzt dieses Buch liest.“

2018 hatte der Korbinian Verlag ihr erstes Werk herausgebracht, das „Manifest gegen die emotionale Verkümmerung“. Damit war sie auf dem tip-Cover. Buchmessezeit. Es ging auch damals – um Schriftsteller*innen in Berlin.

An einem Abend Ende Januar stellt der Aufbau-Verlag, zu dem Blumenbar gehört, sein Frühjahrsprogramm im obersten Stock des Verlagshauses am Moritzplatz vor. Constanze Neumann, die Verlagsleiterin, liest einen „Vogue“-Satz vom Buchrücken vor, es geht um das Lebensgefühl der Generation Y, das sie, Czienskowski, „wie kaum jemand anders“ einfange, „zwischen Anxiety, Sinnsuche, vermeintlicher Liebe und der ständigen
Beschäftigung mit sich selbst“. Neumann fragt: „Findest du dich darin wieder?“

Czienskowski atmet tief durch. „Ich weiß nicht, das ist mir zu anmaßend. Zumindest beim ersten Werk kann ich erst mal nur von mir ausgehen. Ich finde es sowieso schwierig, von solchen Kategorien auszugehen, um zu simplifizieren.“ Und dann sagt sie: „Aber irgendwas wird da schon dran sein.“

„Taubenleben“ ist tatsächlich voller Traurigkeit, Melancholie, Unrast. Eine junge Frau, Lois, verliert den Boden unter den Füßen, driftet durch ihr Leben, stellt alles in Frage. Auslöser: ein One-Night-Stand ohne Kondom. Sie geht zum Aids-Test. Warten. Bangen. Das Notizbuch, in dem sie düstere Träume festhält, nennt sie „Gedanken einer Wahnsinnigen.“

Das Grundmenschlich ist wichtiger als irgendein Generations-Label

Ein paar Tage später. Paulina Czienskowski, 31, geboren in Charlottenburg, hat das Café Savigny als Treffpunkt vorgeschlagen. Als Kind hat sie, nur ein paar Straßen weiter, auf dem Spielplatz in der Knesebeckstraße gespielt.„Das eint uns doch alle“, sagt Paulina Czienskowski. „Jeder kommt irgendwoher, jeder geht irgendwohin, jeder wünscht sich irgendwas, jedem fehlt irgendwas. Und das ist das Grundmenschliche, das mir wichtiger ist als dieses Generation Y, Generation X.“

Schon im allerersten Satz des Romans steckt der Tod. Lois ist neun, sieht eine Blutspur auf dem Asphalt, wie ein Jackson-Pollock-Bild, sagt die Mutter. Wenn Tauben sterben wollen, hatte der Vater ihr erzählt, werfen sie sich vor ein Auto. Jener Vater, der ums Leben kommt, als sie elf ist. Ein Unglück, wie es hieß.

Mit der Mutter lebte sie in einem Wohnturm aus hellhörigen Wänden aneinander vorbei. Oben, auf dem Dach, lockte die Tiefe.

„Taubenleben“ ist zwar von der Mutter-Biografie inspirtiert. Aber sowas von jetzt

Vor drei Jahren schieb Czienskowski im „Zeit-Magazin“ einen langen Text über diewilde West-Berliner 80er-Vergangenheit ihrer Mutter: Bondage-Model, „Dschungel“-Barkeeperin, Bühnen-Sidekick der Band Hong Kong Syndikat. Nach dem „Zeit-Magazin“-Text meldeten sich Literaturagenturen. „Taubenleben“ ist von der Biografie ihrer Mutter inspiriert, es trägt diese aber nicht offen vor sich her, im Gegenteil. Es steht für sich, ist sowas von jetzt.

Lois’ Kindheitsfigur hatte Czienskowski schon vor fünf Jahren skizziert, in einem Schub. Sie war gerade verlassen worden, steckte in einem Loch. „Da bin ich mir meist ganz nah, alles andere scheint mir unwichtig.“ Manchmal tut es gut, sich Dinge volley von der Seele zu schreiben.

Für „Taubenleben“ hat sie das Cover dazu gemeinsam mit dem Video-Regisseur und Musiker Valentin Hansen entworfen, der dazu einen fiebrig rumpelnden Soundtrack produzierte, unter anderem mit Miss Platnum, es gibt auch einen Trailer. Bei der Premiere des Buches kommt am 22. März Henning May, der AnnenMayKantereit-Sänger, hinzu.

Und Paulina Czienskowski spreizt Zeige- und Mittelfinger zum Victory-Zeichen. „Ey, ich habe ein Buch zu Ende geschrieben. Peace!“

Thomas BrussigsRoman „Die Verwandelten“ ist bei Wallstein erschienen. Foto: Wallstein Verlag

Thomas Brussig und die DDR

Thomas Brussig hat jetzt mit der DDR abgeschlossen. Vor 25 Jahren ließ der gebürtige Ost-Berliner, Jahrgang 1964, in seinem Durchbruchsroman „Helden wie wir“ einen gewissen Klaus Uhltzscht mit plötzlichem Riesenschwanz die Mauer öffnen. Sein Roman „Wie es leuchtet“ – das Brussig-Lieblingsbuch des Autors dieses Textes – folgte einem bizarren Personal- Großaufgebot vom Sommer 1989 bis in den Sommer 1990. Als es ihm zu langweilig wurde, die DDR einfach nur zu beschreiben, erfand er sie gemeinsam mit Leander Haußmann „Am kürzeren Ende der Sonnenallee“ als Film und Buch kurzerhand neu.

Und weil ihm diese DDR dann gefiel, ließ er die Wiedervereinigung in „Das gibt’s in keinem Russenfilm“ einfach ausfallen, mit Gregor Gysi als Staatschef und sich als selbstverliebtem Dissidenten-Literaten.

Seinen neuen Roman „Die Verwandelten“, der beim Wallstein-Verlag erscheint, siedelt er nun in naher bundesdeutscher Zukunft im fiktiven mecklenburgischen Kaff Bräsenfelde an. Er hat im Norden ein Sommerhaus, in dem er schreibt, nur dort, immer eine Woche im Monat. Die steht fest im Kalender.

Brussigs Kunst: Eine Gaga-Idee ernst nehmen

An einem Freitagmorgen sitzt er an seinem Schreibtisch in seiner Wohnung, er trägt ein Motto-T-Shirt: „Je suis Retortenbaby.“ Gleich nebenan liegt das Poststadion. Nach Moabit ist er mit Frau und zwei Kindern (19, 10) hingezogen, nachdem es ihnen in Schöneberg zu laut, zu wuselig wurde. „Aber finden Sie hier mal eine ordentliche Kneipe“, stöhnt Brussig.

Seine Kunst besteht darin, eine Gaga-Grundidee ernst zu nehmen und dann logisch eskalieren zu lassen. Sein neuer Roman beginnt jedoch, als hätte er jetzt endgültig nicht mehr alle Latten im Zaun: mit zwei Teenagern, Fibi und Aram, die sich nach einer Anleitung aus dem Internet in Waschbären verwandeln. Und eine Ereigniskette auslösen, in der es unter anderem um Tourismus-Träume des Bürgermeisters, Kindergeld-Formalien für Waschbären, ein Arzt-Handy mit Furzgeräuschen, einen Komiker mit „ Verstehen Sie Spaß“-Träumen, einePrivatfernseh-Powerfrau und Ed Sheeran geht.

– Herr Brussig, kennen Sie jemanden, der sich in einen Waschbären verwandelt hat?

Brussig, bedächtig: „Wenn ich jetzt die Wahrheit sage, dann würden Sie es mir nicht glauben. Aber das ist tatsächlich erfunden.“

Wenn man sich zwei Stunden mit ihm unterhält, ahnt man, woher diese unfassbaren Dialoge in seinen Büchern kommen. Er redet wie gedruckt.Und wie redigiert.

Über Romane: „Der Roman ist nicht deshalb so schwer, weil er lang ist, sondern weil er an jedem Punkt scheitern kann.“

Über das Lesen: „Dieses Gefühl am Ende, dass du den Blick hebst und anders in die Welt schaust – das können nur Bücher.“

Oder über das Kreativleben: „Es gibt so viele Selbstverwirklichungsberufe, aber versuchen Sie mal, einen Klempner zu finden.“

Rezensionen über sich liest Brussig seit Ende der 80er nicht mehr

Mit dem Literaturbetrieb ist Brussig nie richtig warm geworden. Oder umgekehrt. Schon für „Helden wie wir“ bewarb er sich vergeblich um Stipendien. Wie auch beim Bachmann-Preis in Klagenfurt: „Da wollte mich keener“, sagt er. Rezensionen seiner Bücher liest er seit Ende der 90er nicht mehr. Verrisse würden ihn mehr beschäftigen als ihm gut täte, sagt er. Hymnen aber auch.

Als die Kandidatenliste für den Leipziger Buchpreis rauskam, rief ihn ein Kollege an: „Du bist wieder nicht drauf.“ Und Brussig hebt die Arme, in nur halb komischer Verzweiflung. Wie ein Stürmer vor dem leeren Tor, der den logischen Querpass nicht serviert kriegt.

In seiner Jugend war er ein Mittel- und Langstreckenläufer. Ein Sieg gelang Thomas Brussig dabei selten. Aufgegeben hat er nie.

Anke Stelling treiben die Ausschlusserfahrungen um

Anke Stelling, die letztjährige Buchpreis-Trägerin, wollte wieder nach Leipzig fahren, dann kam die Corona-Krise dazwischen. Sie hat ein neues Kinderbuch geschrieben, ihr zweites: „Freddie und die Bändigung des Bösen“.

Dabei sein. Mittendrin. Nicht nur daneben. Es ist das Thema, das Anke Stelling vielleicht am Allermeisten umtreibt: Ausschluss-Erfahrungen. Egal ob in Baugruppen, Familien, Freundeskreisen. Oder eben bei Buchmessen.

Letztes Jahr bestritt sie einige Veranstaltungen mit den anderen Nominierten für den Leipziger Buchpreis. Kenah Cusanit, Jaroslav Rudiš, Feridun Zaimoglu. „Natürlich, jeder will den Preis kriegen, aber in dem Moment, wo du ihn kriegst, gehörst du auch nicht mehr zu denen, die ihn nicht kriegen.“

Sie grübelt kurz. „Ich weiß schon, das klingt jetzt wieder nach Jammern auf hohem Niveau. Aber auf Jammern auf hohem Niveau bin ich abonniert, weil ich“ – und jetzt paraphrasiert sie ihren eigenen Roman – „davon überzeugt bin, dass es keine Eindeutigkeit gibt“.

Nicht in der Literatur, nicht im Leben.


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Bücher, mit denen ihr die Reisen machen könnt, die euch der Urlaub derzeit nicht verschaffen kann, findet ihr hier. Zum Mitreden: diese Titel solltet ihr 2020 bereits gelesen haben. Und einer Berlin-Romane dieses Sommers stammt von Thorsten Nagelschmidt und führt durch eine einzige Berliner Nacht.

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