Gedenken

Schwerer Abschied – Nachruf auf Hagen Liebing von Wolfgang Doebeling

tip-Musikredakteur Hagen Liebing ist tot. Sein Freund und Mentor Wolfgang Doebeling erinnert sich an die letzten Stunden und die alten Zeiten

Hagen Liebing
Hagen Liebing

Noch im Angesicht des Todes rang sich Hagen Liebing ein schiefes Lächeln ab, als unser letztes, zunächst ziellos mäanderndes Gespräch auf seine Online-Auftritte kam. „Lucky Liebing“ hatte er seine Homepage überschrieben und so firmierte er auch bei Facebook. „Ist doch ’ne schöne Ironie“, kicherte er leise. Im Übrigen habe er sich ja die meiste Lebenszeit über so gefühlt. Wie ein Schoßkind des Glücks? Ja, so ähnlich. Bis ihn aus heiterem Himmel diese Diagnose traf wie ein Fallbeil. Hirntumor.

Ein paar Monate nur waren seitdem vergangen, eine furchtbare Zeit für ihn, seine Familie, seine Freunde. Hagen hatte eine Radikaltherapie mittels Strahlenbeschuss schnell wieder abgebrochen. Danach sei man „kein Mensch mehr, bloß Gemüse“, beschrieb er das Durchlittene, man sei körperlich kaputt und geistig heruntergedämpft bis zur Gefühllosigkeit. Hagen wählte den anderen, nicht leichter zu ertragenden Weg: den Wachzustand in Würde und mit absehbarem Ende. Und er ging diesen mit Bedacht eingeschlagenen Weg, ohne mit dem Schicksal zu hadern, ohne einen Anflug von Larmoyanz, beinahe stoisch. Es war nie Hagens Art gewesen, Aufhebens von sich zu machen. Mitleid heischen kam nicht Betracht.

Seine letzten Tage verbrachte Hagen im Hospiz. Das sei seine Entscheidung gewesen, sagt er mit Nachdruck, als ich ihm dort gegenübersitze. „Man kommt sich hier vor wie im 5-Sterne-Hotel“, flachst er. Das Lachen bleibt uns beiden im Halse stecken. „Echt jetzt, im Ernst“, unterbricht er das betretene Schweigen. Nun ertönt zwar Lachen, doch ist meins ein freudloses, seins ein grimmiges, galgenhumoriges. Nein wirklich, beteuert Hagen, er sei hier gut aufgehoben, die Painkiller seien wirksam, jedenfalls fast immer, er bekomme höchst angenehme Massagen, habe einen schönen Blick ins Grüne und man erfülle ihm auf Knopfdruck jeden Wunsch. Wie zum Beweis bemüht er den Room-Service, klingelt nach einer Flasche Bier, die prompt von einer Schwester serviert wird. „Alkoholfrei“, erklärt Hagen zwischen zwei Schlückchen.

Weißtenoch? So beginnen viele Fragen. Gedächtnisforschung, bei der Hagen bisweilen mehr Details auf die Reihe kriegt als ich. Weißtenoch, hebt er an, wann und wo wir uns zum ersten Mal begegneten? Bei einem Konzert, mutmaße ich, wahrscheinlich im Kant-Kino oder im SO36, irgendwann Ende der 70er. Kann sein, meint Hagen. Deutlich aber erinnere er sich an „eine Singles-Tauschaktion mit Thomas Spindler in Schöne­berg“. Stapelweise Singles hätten da den Besitzer gewechselt, das habe ihn schwer beeindruckt. Spindler sei ja wie er selbst ein spilleriger Punk gewesen, ebenso überdreht, ebenso hungrig. „Du dagegen“, Hagen richtet sich auf, „du warst für uns eine Respekts­person, der große Sachverständige, die Instanz in musikalischen Dingen. Und für mich bist du das immer geblieben“. Ich staune. Er habe das noch nie so offen gesagt, „aber hey, wenn nicht jetzt, wann dann?“. Diesmal hat sein ­Lachen etwas Befreiendes, obwohl er es aus dem rechten Mundwinkel pressen muss, weil seine linke Körperhälfte ihre Funktionstüchtigkeit partiell verloren hat. Das Herz freilich pocht noch tapfer. Hagens großes Herz.

Nirvana Devils mit Hagen Liebing
Nirvana Devils mit Hagen Liebing

Über die Nirvana Devils sprechen wir nicht an diesem Freitagnachmittag. Ein kurzer Exkurs ist also angebracht, denn mit den Devils begann unsere freundschaftliche Verbindung, die bis zuletzt hielt, obwohl sich unsere Pfade nur noch periodisch kreuzten. Die Berliner Musikszene in den frühen 80ern war dröge. Pseudopunk, NDW-Schrott, Avant-Albernheiten, haariger Banausenrock und anämischer Synthpop bestimmten das Bild. Meine Kicks kamen aus London und New York City. Doch tat sich etwas in lokalen Garagen, wo man ­E-Gitarren als Freudenspender zu nutzen und quecksilbrige Rock’n’Roll-Songs zu schätzen wusste, durchaus parallel zur Entwicklung des Paisley Underground an der Westcoast. Zwei Bands vor allem kamen meinen ästhetischen Vorstellungen stürmisch entgegen: The ­Legendary Golden Vampires und The Nirvana Devils. Hagen Liebing, dessen musikalische Vorgeschichte mit der Popgruppe Freundschaft mir damals nicht geläufig war, bediente den Bass der Devils, passend zu seinem Naturell. Hagen war ein ruhiger Geselle, besonnen, umgänglich, verlässlich, humorvoll. Wie Bill Wyman. Ein Vergleich, den sich der Devils-Bassist grinsend gefallen ließ.

Im November 1984 gingen wir ins Musiclab-Studio, nahmen zwei Tracks auf, ­unter meiner Ägide als Produzent zwar, aber in ­tätiger Gemeinschaftsarbeit. Besonders Spaß gemacht hätten die Mixdowns, erinnerte sich Hagen später, als wir die zahlreichen Regler des Mischpults solange in verschiedene Stellungen brachten, vielhändig, in etlichen Durchläufen, bis der Mix kollektive Zustimmung fand, gewöhnlich zu vorgerückter Stunde, wenn es draußen schon dämmerte. Als die Aufnahmen im Kasten waren, offerierte ich sie hiesigen Plattenfirmen, Majors wie Indies. Ohne Fortüne. Tenor der Ablehnungsbescheide war: tolle Musik, aber ­Gitarren ­haben derzeit keine Konjunktur. In München forderte mich der A&R-Manager von Ariola im Januar 1985 auf, ihm nur eine Gitarrenband zu nennen, die aktuell Erfolg habe. U2, sagte ich. Na gut, erwiderte der Mann vom Fach spöttisch: Komm’ nächstes Jahr wieder, wenn sich dann noch jemand an U2 erinnern sollte.

Solange wollten wir nicht warten. Ich hatte das DIY-Ethos des Punk soweit verinnerlicht, dass sich der nächste Schritt förmlich aufdrängte. Schon ein paar Wochen später erschienen zwei Singles auf meinem Label, Exile Records. „Creeping Poison“ von den Vamps und „Some Foreign Shore“ von den Devils. Gemastert und gefertigt im UK, war die Nachfrage in London größer als in Berlin, befeuert von euphorischen Reviews in der britischen Musikpresse. „Quite simply the best record ever made by Germans“, urteilte „Smash Hits“ auflagenstark über „Shore“, Rough Trade bestellte dreimal nach. Eine weitere Single, „Secret Agent Girl“, folgte noch im selben Jahr, dann eine 10inch-EP titels „Twisted Tales“, dann lösten sich die Nirvana Devils auf.

Sehr zum Unbehagen von Hagen, den ich aber nun regelmäßiger sah als zuvor. Der Student brauchte Geld, nicht zuletzt für Platten. Ich brauchte jemand, der wöchentlich etliche Kisten mit Musikzeitschriften, zu Vertriebszwecken importiert, in die Megastores transportierte. Eine strapaziöse Schlepperei und schnöde Fahrerei, die Hagen klaglos übernahm, stets pünktlich, freundlich, aufmerksam. Wir redeten viel, kamen uns näher. Bis zu diesem Tag, als Hagens Laufbahn einen jähen Aufschwung nahm. Die Ärzte hätten ihm einen Job als Bassist angeboten, teilte er telefonisch mit, und er habe angenommen. Aber keine Bange, die Magazin-Fuhre könne er weiterhin übernehmen, wenn er gebraucht würde.

Hagen war nun Popstar, mit auskömmlichem Salär. Eine Band-Mitgliedschaft hatte er ausgeschlagen, sich für ein sicheres Einkommen entschieden. So kannte ich Hagen. Abwägend, vernünftig, keine Flausen. Fortan sahen wir uns nur noch selten, verloren uns fast aus den Augen. Hagen lud mich zu Auftritten seiner neuen Band ein, doch lehnte ich dankend ab. Ich war zu alt für spaßigen Lärm. Eigentlich war ich das schon immer. Aber meine Kinder wurden Fans, ohne mein Zutun. Robert, mein Ältester, war noch keine zehn Jahre alt, als Hagen ihn zum Auftritt im Tempodrom mit auf die Bühne nahm. Dort thronte er auf einem Stuhl direkt hinter Hagen, verfolgte das Konzert frontal aus der Bandperspektive, die kreischenden Mädchen unmittelbar vor sich, aufgeregt, stolz, happy.
Jahre später konnte ich Hagen behilflich sein, als er sich um die Stelle des Musik­redakteurs beim tip bewarb. Ich konnte mir ohnehin keinen besseren Kandidaten vorstellen. Hagen brachte alles mit, was nötig war. Nicht weil er Medienwissenschaft studiert hatte, sondern weil er sprachkompetent war, musikbegeistert und ein ausgleichendes Wesen besaß.

Letzteres ist besonders nützlich, wenn man von allen Möchtegernszenegrößen und Wichtigtuern der Stadt in Anspruch genommen wird. Hagens sprichwörtliche Geduld wurde nicht selten auf harte Proben gestellt, doch gelang es ihm, auch gegen Widerstände wechselnder Herausgeber, einen beachtlich vielseitigen Musikteil zu verantworten, der Service bot, jedoch nicht auf Kosten kritischer Betrachtung. Keine Quadratur des Kreises, nicht für Hagen.
Wir blieben in den letzten Jahren ständig in Kontakt, tauschten uns mindestens alle 14 Tage aus, wenn der Plattenspiegel anstand. Wir hatten unsere Differenzen, Hagens ­musikalische Vorlieben waren mir manchmal unheimlich. Knorkator. Rammstein. Max Raabe. Ich ließ es nicht an Missbilligung ­fehlen, Hagen blieb nicht immer gelassen, aber meist mündeten unsere Dispute in anregende Fachsimpelei über obskure Powerpop-Singles oder andere gemeinsame Faibles.

Im Hospiz ist es inzwischen dunkel geworden, Hagen ist erschöpft, will jetzt schlafen. Die letzte Viertelstunde hat ihn völlig ausgelaugt, aber er bestand darauf, dass ich bleibe. Es ging ums Existentielle, um seine Entscheidung, die Chemo abzubrechen. Um seine Vasektomie, die zum Glück reparabel war. Um seine beiden Kinder, auf die er so stolz ist. Um seine Frau, Anja Caspary, „das Beste, das mir je passiert ist“. Mit Blick auf das Foto seiner strahlenden Familie ringt er sich mühsam ein Lächeln ab. „Lucky Liebing“, murmelt er.
Zeit zu gehen. Der Abschied ist un­zere­moniell, ein flüchtiger Händedruck nur. ­Hagen bedankt sich fürs Kommen, ich wehre ab. Ob es ihm recht sei, wenn ich wiederkomme. „Wenn du willst“, sagt er. Dienstag? „Mal sehen“. Soll ich ihm etwas mitbringen? „Nein. Doch, wäre nett, wenn du wieder Croissants mitbringen könntest“. Na klar, sage ich. Und: schlaf gut. Am Sonntag morgen kommt Anjas Nachricht. In der Frühe ist Hagen entschlafen. ­Geweint.

Hagen Liebing – Nachruf von Lutz Göllner

Kommentiere diesen Beitrag