Das neue Grün

Sehen und Ernten: Der IP Garten in Warnau

Die Sehnsucht nach authentischen Erfahrungen zieht uns Großstädter aufs Land. Da kommt ein Projekt wie der IP Garten gelegen. Es funktioniert wie das Computerspiel Farmville – nur eben in echt

IP Garten GmbH

Großstädter zieht es seit Langem ins Grüne und aufs Feld, in Krisen – und Kriegszeiten um zu überleben, danach lange Zeit zur Entspannung, und heute auch wieder um anzubauen, wenn auch nicht unbedingt aus Not, sondern des gesunden Lebens wegen. Die Jüngeren trifft man stadtnah in den urbanen Gärten, Kleinfamilien oft in Schrebergärten oder gleich in Datschen des Umlands. Die Generation Biosupermarkt hängt dort aber nicht nur ab, sondern frönt in der Idylle auch durchaus archaischen Hobbys. Säen und Ernten, Mutterboden unter den Fingernägeln.

Mit den bloßen Händen wird in und außer­halb der Stadt in der eigenen Erde gewühlt, werden Radieschen oder Kartoffeln rausgerupft, geschrubbt, und gegessen – unmittelbarer geht bio nicht, frischer wohl auch nicht. Biodynamik bekommt hier nochmal einen ganzen anderen Dreh, und da die Zeiten der Subsistenzwirtschaft, in der jeder wusste, was er zu tun hatte, auch schon einige Zeit vorbei sind, gibt es immer mehr Anschauungskurse, Workshops oder Lectures, in denen die Kulturtechniken des Bewirtschaftens vermittelt werden. Demeter zum Beispiel, der Bioverband mit den strengsten Richtlinien, bietet nicht nur verstärkt Besuche auf zertifizierten Höfen an, sondern eben auch Workshops: „Das ist noch keine Massenbewegung“, sagt Renée Herrnkind vom Demeter-Verband, „aber es wird deutlich mehr nachgefragt.“

Der Großstädter kann aber auch gleich seine eigene Parzelle beim Start-up „IP Garten“ verwalten. Und bekommt seine eigenen 16 Quadratmeter großen Acker auf dem Tablett, Verzeihung, dem Tablet serviert. Was dann quasi funktioniert wie das vermutlich nicht ohne Grund erfolgreiche Computerspiel „Farmville“: Per App wird von der Couch aus das Feld bestellt und dann vor Ort (aktuell auf einem Hektar Land in Sachsen-Anhalt) ganz analog bepflanzt, gewässert, gedüngt und geerntet. Per Webcam wird der Erntefortschritt sogar ins Wohnzimmer übertragen. Zudem, so IP-Garten-Entwickler Torsten Hütter, habe jede Parzelle eine Vitalsensorik, über die etwa Live-Daten zu Temperatur oder dem Feuchtigkeitsgehalt des Bodens abgerufen werden können.
„Farmville“ mit echten Ergebnissen sozusagen, noch in der Betaversion zwar, aber doch schon ziemlich dicht dran an einer auch emotional erfahrbaren Schnittstelle zwischen den Versprechen von analoger Authentizität und neuer, digitaler Einfachheit.

Was zudem auf den ersten Blick nicht nach Ver­einfachung unseres übertechnisierten ­Lebens klingt, kann trotzdem ein guter Weg sein hin zu mehr Transparenz und besserem Verständnis für die Lebens­­mittelproduktion und deren Probleme, auch logistischer Natur. „Wir hatten zum Beispiel im ersten Jahr viel zu viel Zucchini, weil diese Pflanze schlichtweg unglaublich ertragreich war“, erzählt IP-Gärtner Hütter, „die Überschüsse haben wir gespendet, und dabei gemerkt, dass auch Hilfsorganisationen Probleme haben, wenn zuviel auf einmal von einer Sorte kommt.“
Als Konsequenz wurde nun direkt ein Beet für die Berliner Obdachlosenhilfe angelegt und zudem überlegt, wie Überangebote beispielsweise zusammen mit der Märkischen Kiste oder den nachbarschaftlichen Einkaufsgemeinschaften der Marktschwärmer künftig direkt vermarktet werden können.

Aber andererseits: Überträgt diese Webcam nicht vor allem die Sehnsüchte von uns Großstadtmenschen nach einer neuen, alten Unmittelbarkeit? Es ist noch nicht allzu lange her, seit wir alles immer und überall kaufen und essen können. Und jetzt, wo es soweit ist, kommt das immer mehr Menschen aus guten Gründen verdächtig vor. Und so wäre das ein Augenöffner im IP Garten: Erdbeeren pflanzen. Mitten im Dezember. Und dann per Webcam ins Großstadt-Loft übertragen, dass das auf einem Acker in Sachsen-Anhalt eben nichts werden kann.

Berlin Food
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