Gespräch

„Sei schlau, klau beim Bau“ – Interview mit Blixa Bargeld

Die Einstürzenden Neubauten blicken zum Jahresausklang mit einem Album voller „Greatest Hits“ zurück auf ihr Schaffen, durch das sich Verweise auf Architektur ziehen. Wir wollten wissen: Wieviel Ahnung hat Blixa Bargeld wirklich von dem Thema?

Foto: Rabsch
Foto: Rabsch

Der 1959 in Berlin (West) geborene Blixa Bargeld ist Textdichter, Sänger, Gitarrist und Mastermind der Einstürzenden Neubauten, die seit ihrer Gründung 1980 als Pioniere des Industrial- und Avantgarde-Rock gelten. „Greatest Hits“ ist bereits bei Potomak/Indigo erschienen.

tip Herr Bargeld, lassen Sie uns über Architektur sprechen.
Blixa Bargeld Ich weiß nicht, ob ich viel dazu zu sagen habe.

tip Der Bandname „Einstürzende Neubauten“ ist ja in gewisser Weise bereits ein architektonischer Verweis.
Blixa Bargeld Das ist gewollt, es gibt auch diverse Anspielungen im Werk der Einstürzenden Neubauten, die mit Architektur zu tun haben. Es gibt den Satz „Architektur ist gefrorene Musik“ von Schopenhauer, bei den Neubauten passt aber „Sei schlau, klau beim Bau“ besser.

tip Zur Legende gehört, dass wenige Wochen nach der Gründung der Einstürzenden Neubauten, am 1. April 1980, das Dach der Berliner Kongresshalle (heute Haus der Kulturen der Welt) einstürzte.
Blixa Bargeld Ein Zufall, das haben wir nun wirklich nicht verursacht. Dabei ist damals ein SFB-Redakteur umgekommen.

tip Sie sind in West-Berlin geboren und aufgewachsen. Welchen Bezug haben Sie zu der Architektur der Stadt?
Blixa Bargeld Wenn man mit mir durch Berlin fährt, habe ich pausenlos etwas über irgendwelche Gebäude zu erzählen. Ich komme vom Grazer Damm, der Sozialhilfe-Ecke von Friedenau. Auf der schickeren Seite der S-Bahn-Gleise, wo ich zur Schule gegangen bin, wohnte Günter Grass, bei uns sah es aber anders aus.

tip Wie denn?
Blixa Bargeld Der Grazer Damm ist ein Baudenkmal der nationalsozialistischen Familienarchitektur. Auf einer Länge von etwa einem Kilometer stehen da links und rechts große Wohnblöcke, dann kommt der Grazer Platz mit einer Kirche, dann wieder große Wohnblöcke und alles endet mit dem Auguste-Viktoria-Krankenhaus und schließlich dem Insulaner, der ein Trümmerberg ist. Auf der anderen Seite ist die Stadtautobahn. In den Wohnblöcken lebten wir, aber auch Mieter, die dort 1938 eingezogen sind. Oftmals wurden diese Leute aus Neukölln umgesetzt, wo Albert Speer ganze Straßenzüge platt gemacht hat. Nach dem Krieg mussten viele aber ausziehen, weil das die ersten Kasernen der Amerikaner waren. Ich finde das als architektonische Metapher interessant, es ist ein Stück Berliner Geschichte.

tip Ein weiteres Kapitel der Berliner Architekturgeschichte haben die Neubauten mit dem Soundtrack zum Dokumentarfilm „Berlin Babylon“ von Hubertus Siegert vertont, in dem es um Bau des Potsdamer Platzes ging.
Blixa Bargeld In dem Film ging es um die großen Bautätigkeiten des neuen Berlins und darum geht es auch in dem Stück „Die Befindlichkeit des Landes“. Ganz konkret eben um den Potsdamer Platz und den Versuch, Geschichte zum Verschwinden zu bringen. Etwa die Überreste des Führerbunkers. Auf diesem Terrain haben die Neubauten in den Hansa-Studios drei Alben aufgenommen. Wobei es damals eigentlich kein Terrain war, sondern eher ein Unort. Erst 1987 begannen dort im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Neu- und Umbauten. Zwei Jahre später fiel die Mauer und die Situation hat sich komplett gewandelt. Dieser Platz ist heute immer noch ein Unort, ein Platz, der nicht gewachsen ist, sondern auf diese Brache draufgestülpt wurde.

tip Die Serie „Strategies Against Architecture“, noch so ein Architektur-Bezug, funktioniert im Prinzip wie Best-of-Alben. Jetzt erscheint ein „Greatest Hits“-Album. Wieso? Und: Ist der Titel ironisch gemeint?
Blixa Bargeld Der erste Teil von „Strategies Against Architecture“ war unser Einstand im Ausland. Damit fing international alles an und auf den mittlerweile vier Platten der Serie sind unsere verschiedenen Schaffensphasen dokumentiert, von Anfang an bis 2010. Das Album „­Greatest Hits“ muss man andersrum betrachten, das sind jetzt nicht die Stücke, die sich am meisten verkauft haben oder die am bekanntesten sind. In dem Fall war für mich die Vorgabe, die Stücke auf einem Album zu versammeln, die sich über die Zeit erhalten haben und die wir immer noch live spielen. Das war ausschlaggebend, der Titel selbst ist aber natürlich auch augenzwinkernd gemeint.

tip Denn im herkömmlichen Sinn hatten die Neubauten ja keine Hits, die im Radio rauf und runter gespielt wurden oder oben in den Charts landeten.
Blixa Bargeld Die Alben waren schon in den Charts. Der Hintergrund ist folgender, wir spielen im nächsten Jahr die „Greatest Hits“- Tour, ich bin dann 58 Jahre alt. Unser Publikum wird zwar nicht jünger, wir werden aber älter, das Publikum bleibt in etwa genauso alt. Da kommen also viele Leute, die uns vielleicht noch nie gesehen haben. Um diesen Leuten den Einstieg zu geben, haben wir diese Platte gemacht, mit dem Material, das wir spielen. Eine Einstiegsdroge für nachwachsende Generationen.

tip Live und damit auch auf dem Album dominiert Material der letzten 20 Jahre, dagegen fehlen frühe Stücke wie „Armenia“, „Das letzte Biest (am Himmel)“, „Steh auf Berlin“ oder „Seele Brennt“, warum?
Blixa Bargeld Das hat mehrere Gründe. Unser größter Fehler war, bei dem Label Some Bizzare zu unterschreiben, die haben uns bis heute nicht bezahlt und dennoch erheben sie bis heute Ansprüche auf die frühen Alben bis „Haus der Lüge“. Das sind urheberrechtliche Probleme, aber wir spielen ohnehin die alten Stücke mit der seit Mitte der 90er-Jahre bestehenden Besetzung nicht mehr. „Seele Brennt“ etwa ist verdammt schwer live zu spielen, die alten Neubauten haben es auch nie gespielt.

tip Im Januar werden Sie im Rahmen des Eröffnungsfestivals in der Hamburger Elbphilharmonie auftreten, einem der deutschlandweit wohl spektakulärsten Bauprojekte der vergangenen zehn Jahre. Wird das ein besonderes Konzert werden?
Blixa Bargeld Nein, warum denn? Das ist doch einfach nur eine Konzerthalle und in Konzerthallen zu spielen, ist für die Neubauten nicht ungewöhnlich. Ich weiß nichts über die Elbphilharmonie, außer dass der Bau ewig lang gedauert hat und unheimlich teuer war. Dort hat man vermutlich gedacht, das ist doch ein guter Witz bei der Eröffnung die Einstürzenden Neubauten spielen zu lassen. Für Hamburg ist die ganze Sache recht ungewöhnlich, der Bausumpf gehört ja eher nach Berlin.

tip Vielleicht werden die Neubauten ja irgendwann einmal bei der Eröffnung des neuen Berliner Flughafens BER auftreten?
Blixa Bargeld Nein, aber wie wäre es bei der Wiedereröffnung des Steglitzer Kreisels? Im Ernst, es ist eine Frage des Angebots. Sollte der Flughafen ­irgendwann eröffnet werden und irgendjemand überlegt sich dann, aus diesem Anlass die Neubauten spielen zu lassen, werden wir dann darüber wohlüberlegt entscheiden.

Weitere Informationen zum neuen Album sowie Konzerttermine finden Sie auf neubauten.org

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