Groteske

„Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ im Kino

Mit Kopf und Herz: In „Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes“ erzählt Julian Radlmaier selbstironisch von einem verunsicherten Filmemacher

Foto: Grandfilm

Die Laufbahn von Filmemacher ­Julian ist ins Stocken geraten. Er merkt es an ­seinem prekären Kontostand, vor ­allem aber an den süffisanten Kommentaren ­seiner Mitstudierenden: Früher seien ­seine ­Filme viel radikaler gewesen. Seine Zeit in der ­Berliner Gemäldegalerie nutzt Julian, um ­attraktive Kunststudentinnen anzuhimmeln, vor allem die ätherische Kanadierin Camille (Deragh Campbell). Vom Typ her ist Julian, den Regisseur Julian Radlmaier nahe­liegenderweise selbst spielt, ein Nahverwandter von Tom Schillings Drifter aus „Oh Boy“ oder dem selbstzweiflerischen ­Slacker in Marko Doringers Selbstporträt „Mein ­halbes Leben“.

Dass Radlmaiers dffb-Abschlussfilm aber seinen ganz eigenen überraschenden Weg einschlägt, wird schnell klar: Die Rahmenhandlung erzählt der Protagonist als Voice-Over in Gestalt eines Windhundes. Wie es zu der Verwandlung kam, wird sodann retrospektiv aufgerollt. Von Gemäldegalerie und demütigender Soiree beim Filmprofessor führt Julians Weg ins Brandenburger Umland auf eine Apfelplantage: Den aufgezwungenen Job vom Arbeitsamt kann der eloquente ­Regisseur seinen Kommilitonen und ­Camille als neo­marxistisches „Recherche-Projekt“ in der Welt der Landarbeiter verkaufen. Nun ist auch Camille mit im Boot, die Julians Revoluzzer-Ambitio­nen spannend findet und die ­Hauptrolle als Brigadeführerin übernehmen will.

Das Herzstück des Films erzählt vom kommunistischen Selbsterfahrungstrip auf der Plantage. Allein die schräge Idylle unter ­Apfelbäumen bietet wunderbare Bilder. Hier tritt ein bunter Haufen an Utopisten und enttäuschten Angehörigen ehemaliger kommunistischer Länder gegeneinander an – den fleißigsten Pflückern winkt eine Prämie. Man bootet sich heimlich aus und diskutiert die Möglichkeiten einer Revolte. Bald stößt ein stummer Bettelmönch hinzu und irritiert durch selbstloses Verhalten.
Radlmaier entwickelt seinen Filmplot ähnlich märchenhaft verträumt wie die ­Wolkenformationen am blauen Himmel (der Kopf eines Hundes?), die die Kamera als wiederkehrendes Motiv zeigt. ­Groteske ­Wendungen, die sich am Wegesrand ergeben, erinnern an poetische Anarchisten wie ­Monthy Python oder Wenzel Storch.

Im letzten Drittel zersprengt der Film fröhlich alle Zeitebenen und führt ins ­Festivalkino in Venedig. Der „Film im Film“ folgt einem Teil der Apfelpflücker auf Pilgerfahrt nach Italien; dort soll die Utopie eines „Kommunismus ohne Kommunisten“ bereits Realität sein.
Mächtig verkopft ist Radlmaiers „Selbstkritik“, ohne auch nur einen Hauch schwerfällig zu sein. Die Dialoge sind durchsetzt mit Anspielungen aus der Welt der Filmhochschulen und neomarxistischer Philosophie. Gleichwohl wirkt nichts daran aufgesetzt, vielmehr verleihen die Gedankenspiele den Figuren starke Konturen: ob Julians Kumpels Hong und Sancho als eine Hartz-4-Variante von Rosenkrantz und Güldenstern oder Franz von Assisis Wiedergänger, dem man gern in seinen eigenen Stummfilm ­folgen würde. Angesichts des diktatorischen Ex-Bolschewisten Zurab flüstert Camille ­entzückt: „What a Fassbinder character!“ Noch so eine beiläufige Referenz, und sie trifft den Nagel auf den Kopf.

Selbstkritik eines bürgerlichen Hundes D 2017, 99 Min., R: Julian Radlmaier, D: Julian Radlmaier, Deragh Campbell, Kyung-Taek Lie, Ilia Korkashvili, Start: 8.6.