Kultur & Freizeit in Berlin

Setzlinge vom ­Moritzplatz

Der Kreuzberger Prinzessinnengarten ist ein Pionierprojekt des urbanen Gemüseanbaus. Zeit für eine Zwischenbilanz.

Setzlinge vom ­Moritzplatz

„Paradies“ wurde der Prinzessinnengarten schon genannt und „Versuchslabor für die nachhaltige Stadt von morgen“. Robert Shaw, einer der beiden Gründer, wehrt ab: Das sei bloß ein Garten, der viel Presse gehabt habe, mehr nicht. Dennoch scheint eine Portion Stolz durch, wenn er davon erzählt, dass hier in der Saison inzwischen 25 Leute arbeiten. „Alle sozialversicherungspflichtig beschäftigt und zu 90 Prozent nicht förderfinanziert.“ Wohlgemerkt.
Zahlen wie diese erklären, warum der Prinzessinnengarten am Moritzplatz seit seinem Start im Sommer 2009 Pilotfunktion für Berlin hat, wie Stadtentwicklungssenator Michael Müller einmal lobte. Basis hierfür ist neben den mehr als 1?000 freiwilligen Helfern pro Jahr eine Diversifikationsstrategie: Nomadisch Grün, die gemeinnützige Träger-GmbH des Gartens, bietet neben Gemüseernte und Gastronomie auch Workshops an, baut Auftragsgärten für Schulen und verkauft Setzlinge. „Das alles entsteht jedoch nach wie vor partizipativ“, sagt Shaw. Bis auf die Buchhaltung gebe es jedenfalls keine Stellenausschreibungen.
Dennoch sieht sich Nomadisch Grün zuweilen dem Vorwurf des Kommerz’ ausgesetzt. Shaw hält dem entgegen, dass die Gewinne laut Satzung wieder zurück in den Garten, die Bildungsarbeit sowie in neue Projekte flössen. Der real-ökonomische Bezug bedeute zudem finanzielle Unabhängigkeit und Stabilität: „Die Lösungen, die hier rauskommen, bewähren sich tatsächlich.“ Und sie haben positive Auswirkungen auf Unternehmen mit ähnlicher Philosophie. Auf das solidarische Speisegut in Gatow beispielsweise, von dem die Gastronomie des Prinzessinnengartens Gemüse bezieht. Klar sei so eine Beziehung auch geschäftlich, sagt Shaw. Im Vordergrund stände aber die inhaltliche Arbeit. Fünf Jahre nach dem Start definiert er den Prinzessinnengarten daher als „mittelständisches Sozialprojekt“. Allerdings seien die Rahmenbedingungen für diese Art der „wirtschaftlichen Gemeinnützigkeit“ nicht ideal, trotz aller offiziellen Lobeshymnen. Er wünscht sich mehr ernst gemeinte Wertschätzung für die urbanen Gärten seitens der Politik. Woran sich das entscheide? „Dass man durch das Zulassen solcher Freiräume auch kurzfristige finanzielle Einbußen in Kauf nimmt.“

Text:
Roy Fabian

Foto: David von Becker

Prinzessinnengarten am Moritzplatz, Prinzenstraße 35–38/ Prinzessinnen­straße 15, Kreuzberg, www.prinzessinnengarten.net Gartenarbeit für alle Do 15–18 Uhr+Sa 11–14 Uhr

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