Kultur & Freizeit in Berlin

Sex ohne Kondom: Lust ist manchmal stärker als Angst

Die große Angst vor ansteckenden Krankheiten verschwindet immer mehr aus dem Bewusstsein junger Menschen. Auch wenn es kaum einer zugeben möchte: Safer Sex ist keine Selbstverständlichkeit.

„Wir waren schon gut betrunken und sind dann zu mir nach Hause. Eigentlich wollte er auch nur bei mir schlafen. Aber als wir so nah nebeneinander im Bett lagen, sind wir immer näher aneinandergerutscht und haben uns wie zufällig berührt. Dann haben wir doch angefangen rumzuknutschen.“ Anja setzt ein verlegenes Lächeln auf und spricht schneller. „Das war alles ziemlich heftig und schnell. Ich glaube, wir haben uns nicht mal mehr komplett ausgezogen. Und dann haben wir auch schon miteinander geschlafen. Aber auch nur kurz. Er ist auch gar nicht gekommen. Vielleicht sind wir sogar dabei eingeschlafen, das weiß ich nicht mehr so genau.“ Und? Verhütet? „Die Kondome lagen im Bad – benutzt haben wir sie nicht. Darüber geredet haben wir auch nicht.“ Anja ist 28. Ein schlechtes Gewissen habe sie am nächsten Tag nicht gehabt, sagt sie. „Na ja, ganz kurz, weil man mal wieder die Kontrolle über sich verloren hat. Und das wird ja von einem verlangt: ständige Kontrolle.“ Einen Aids-Test hat sie nach dieser Nacht nicht gemacht. „Vielleicht, weil die Angst vor Aids erst mit dem Test beginnt.“

Anja hat darauf bestanden, dass ihr Name für diese Geschichte verändert wird. Sie möchte nicht erkannt werden. In einer Zeit, in der es nicht außergewöhnlich ist, selbst die intimsten Details über sich preiszugeben, gehört der ungeschützte One-Night-Stand zu den letzten Tabus, der Seitensprung ohne Kondom erst recht, und das unabhängig von sozialer Herkunft oder Bildungsgrad. Niemand gibt gerne zu, dass er sich und seine Mitmenschen gefährdet. Gib Aids keine Chance, hat man den Kindern der 80er eingehämmert, und das bedeutet: Sex nur mit Kondom oder nach einem Test. „Na klar verhüte ich immer“, behaupten zwar alle, die man fragt, doch wenn man unter dem Siegel der Verschwiegenheit nachbohrt, hört man Geständnisse und sieht reuige Gesichter.

Ein Ausrutscher wie der von Anja ist vielleicht die Ausnahme von der Regel, aber alles andere als eine Seltenheit: Safer Sex ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Das Phänomen zieht sich durch alle gesellschaftlichen Milieus: Die junge Frau, die bis vor kurzen in einer festen Partnerschaft gesteckt hat und deshalb die Pille nimmt, ist davon ebenso betroffen wie der nicht ausreichend aufgeklärte Migrant oder der sture Kondomverweigerer. Zwar ist die Stadt derzeit mal wieder mit Plakaten zugepflastert, die auf die Gefahren einer Hepatitis-Infektion aufmerksam machen und zum konsequenten Kondomgebrauch aufrufen, doch wenn man am Ende der Nacht alkoholisiert in einem fremden Betten landet, ist die Lust manchmal größer als die Angst vor ansteckenden Krankheiten.

Anja weiß nicht, mit wem die neue Bekanntschaft aus jener Nacht sonst geschlafen hat. Eigentlich möchte sie es auch gar nicht wissen. Auf der Party hatten sie viel miteinander gelacht. „Eine gemeinsame Freundin hat uns vorgestellt, wir haben uns sofort verstanden. Später sind wir zusammen zur Tankstelle gelaufen und haben mehr Bier geholt. Auf der Tanzfläche hat er die ganze Zeit hinter mir getanzt und kam immer näher an mich ran. Dabei tanze ich eigentlich lieber alleine.“ Ein paar Wochen später hatte Anja Sex mit einem anderen. Erst mit, und als dann seine Kondome alle waren, auch ohne. Jetzt sind sie so etwas wie ein Paar. „Man vertraut in dem Moment halt einfach darauf, dass der andere gesund ist. Man leckt sich gegenseitig an den intimsten Stellen. Wenn man davon ausgehen müsste, der andere hätte Tripper oder so, dann kann man das doch gleich vergessen. Sex ist doch auch Vertrauen.“

Offiziell gibt es keinen Grund zur Besorgnis. Nach einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sind in Deutschland letztes Jahr so viele Kondome verkauft worden wie nie zuvor: 215 Millionen Stück. Und 85 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Dinger bei wechselnden Sexualpartnern auch benutzen. „Eine erfreuliche Zahl“, sagt Dr. Wolfgang Müller, Leiter des Aids-Referats bei der Bundeszentrale. „Unsere Kampagnen zeigen hier eine deutliche Wirkung.“ Trotzdem sieht Müller keinen Anlass,  sich zurückzulehnen: „Immer wieder wird mir auch berichtet, dass der Kondomgebrauch in bestimmten Gruppen zurückgeht.“ Er fügt hinzu: „Einige empfinden Kondome als lästig, andere als zu teuer. Und Aids wird nicht mehr immer als zwangsläufig tödlich wahrgenommen.“

Hinzu kommt, dass die Teilnehmer von Umfragen dazu neigen, das zu sagen, was man von ihnen erwartet. Doch es gibt einen Unterschied zwischen sozial erwünschtem Verhalten, und dem, was tatsächlich unter der Bettdecke praktiziert wird. Im Schutz der Anonymität eines Internetforums kommt man der Wahrheit schon näher.

Ein Mann schreibt hier: „Ich habe viel zu oft Sex ohne Gummi. Fast zu 95 Prozent. Früher aus Unwissenheit, später im Suff ständig die Dinger vergessen, und heute komme ich nicht wirklich darauf klar. Gerade wegen diesem Lebenswandel mache ich aber alle drei Monate einen HIV-Test.“ Ein anderer erklärt: „Ich hatte schon einige One-Night-Stands ohne Gummi. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, nix mehr ohne Gummi zu machen. Hinterher: ein schales Gefühl und mich selbst gefragt, warum ich nicht vernünftig sein kann.“ In den einschlägigen Foren kann man sich auch ein Bild vom Halbwissen und von der Ignoranz machen, die besonders unter Männern stark verbreitet sind: „Das Risiko, sich als Mann beim heterosexuellen Verkehr mit HIV zu infizieren, ist vernachlässigbar gering“, behauptet einer. Eine Frau hält dagegen: „Ich kenne jemanden, der positiv ist und oft nicht verhütet – das macht mir Angst. Deshalb schütze ich mich und eventuell auch andere.“ Ein anderer antwortet: „Das macht mir Angst – vor allem vor mir selbst. Es ist wie ein Spiegel, in den ich nicht schauen will.“

Dass Safer Sex auch bei den ganz Jungen nicht selbstverständlich ist, zeigt eine Studie, die die Jugendzeitschrift „Bravo“ Anfang des Jahres herausgab. Sie ließ Mädchen und Jungen zwischen 11 und 17 Jahren zu ihren Sex-Erfahrungen befragen. Heraus kam, dass jeder vierte Jugendliche schon mal ungeschützten Sex hatte. 2006 waren es nur 14 Prozent. Die „Bravo“-Studie hat auch den Porno-Konsum von Jugendlichen untersucht. 79 Prozent der 14- bis 17-Jährigen haben sich bereits Pornofilme angesehen. Dass sie dabei nicht in die Videothek gehen, sondern eher im Internet nach Filmen suchen und dabei vor allem in privaten Betten gedrehte Amateurvideos finden, in denen in den allerwenigsten Fällen verhütet wird, ist ein weiterer beunruhigender Faktor.

Die Vermutung liegt nahe, dass die Angst vor Aids bei den Jugendlichen nachgelassen hat. Keiner von Ihnen hat das große Sterben der 80er Jahre miterlebt. Damals saß der Schock über das tödliche Virus tief. Dass die Seuchenszenarien, die seinerzeit entworfen wurden, dank umfangreicher Aufklärung und Prävention nicht eingetreten ist, führt nun dazu, dass die tatsächlichen Gefahren unterschätzt werden. „Ich kann mich noch an die Schre­ckens­meldungen und Horror-Storys erinnern, die Anfang der 90er Jahre omnipräsent waren“, sagt Marie, die heute 27 Jahre alt ist und in diesem Artikel auch nicht mit ihrem richtigen Namen vorkommen wollte. „Damals dachte ich, Sex sei wie Russisches Roulette.“ Inzwischen kann es schon mal vorkommen, dass sie auf ein Kondom verzichtet, allerdings nur, wie sie sich rechtfertigt, „wenn alle schon aufgebraucht sind. Dann mache ich die Nummer halt nur kurz, und er muss draußen kommen.“

Die Gefahren, die mit ungeschütztem Geschlechtsverkehr einhergehen, sind jedoch nach wie vor real. Das zeigen auch die neuesten Erhebungen des Robert-Koch-Institutes. Zwar stagniert die Zahl der Neuinfektionen mit dem HI-Virus deutschlandweit. In Berlin allerdings gab es aber auch im letzten Jahr wieder einen Anstieg. Bei insgesamt 452 Berlinern wurde 2008 eine Ansteckung diagnos­tiziert. Das bedeutet, dass sich in Berlin im Durchschnitt jeden Tag mindestens eine Person mit dem Virus infiziert. Damit liegt die Hauptstadt im Landesvergleich hinter Nordrhein-Westfalen an zweiter Stelle. Am meisten betroffen sind immer noch Homosexuelle. Vielleicht auch ein Grund, warum die Angst vor einer Infektion bei Heterosexuellen nicht mehr so präsent ist. Aber es gibt ja auch andere sexuell übertragbaren Krankheiten, wie Hepatitis B, bei der die Ansteckung weitaus schneller geht, und Feigwarzen sind auch nicht wirklich angenehm. Das Robert-Koch-Institut weist besonders auf den Anstieg der Syphilis-Erkrankungen in Berlin hin. Während 2007 noch 454 Personen erkrankten, waren es im letzten Jahr schon 655.

Die Krankheit kann, wenn sie nicht früh genug erkannt wird, zur Zerstörung des zentralen Nervensystems führen. Eine andere bedenkliche Zahl ermittelte das Virchow-Klinikum: 2007 wurden in Berlin 266 minderjährige Mädchen in einer Reihenuntersuchung auf Chlamydien getestet – eine Erkrankung, die sich durch ungeschützten Sex überträgt, meist unbemerkt abläuft, bei jungen Frauen aber zu Unfruchtbarkeit führen kann. Das Ergebnis: zehn Prozent der Mädchen waren betroffen. Mit steigender Zahl der Sexualpartner waren es sogar bis zu zwanzig Prozent. Trotz dieser bedenklichen Tendenzen gibt es noch keine gesicherten Erkenntnisse über die Ursachen für die Nachlässigkeit beim Schutz vor Geschlechtskrankheiten. „Es gibt zu wenig Studien, die erklären können, welche Gruppen warum nicht verhüten“, sagt Marlene Wiechert, die als Assistenzärztin in einer Praxis mit dem Schwerpunkt Infektionsmedizin gearbeitet hat. Zudem sieht sie einen erhöhten Aufklärungsbedarf. „Zwar gibt es vor allem bei Schwulen ein hohes Bewusstsein für die Notwendigkeit von Safer Sex“, sagt sie. „Dennoch habe ich im Arbeitsalltag immer wieder mitbekommen, wie gering das Wissen über Ansteckungswege tatsächlich ist.“

Vielleicht liegt es aber auch gar nicht an der mangelnden Aufklärung. Vielleicht ist es wie beim Rauchen. Jeder weiß, wie gefährlich es ist, aber der Tumor in der Lunge scheint in weiter Ferne. Mich trifft es schon nicht, redet man sich ein. Und dass die erhöhte Thematisierung von Gefahren und Risiken in unserer Gesellschaft paradoxerweise zu mehr Gleichgültigkeit führt, hat der Soziologe Ulrich Beck bereits 1986 in seinem Buch „Risikogesellschaft“ festgestellt. „Wo sich alles in Gefährdung verwandelt, ist irgendwie auch nichts mehr gefährlich“, heißt es da. Ein weiterer Faktor, der dem Leichtsinn und der Risikobereitschaft Vorschub leisten mag, ist die fortschreitende Sexualisierung unseres Lebens: Porno ist Lifestyle, und wer Sex haben will, steht dabei mehr und mehr unter Leistungsdruck. Ein offenes Gespräch über Verhütung stört die Hingabe und hemmt die Lust. Eher wird mit der Anzahl der Partner geprahlt als mit verantwortungsvollem Safer Sex. Zudem spielt die Vernunft oft keine Rolle mehr, wenn es zum Äußersten kommt: „In den ersten Wellen der Verliebtheit würde man doch alles füreinander tun“, sagt Marie. „Man würde auch zusammen sterben.“ Auch Anja weiß ganz genau, wie unvernünftig sie ist. „Vielleicht bin ich einfach willensschwach oder lasse mich gerne dominieren. Vielleicht ist es auch der Reiz des Verbotenen. Ich habe ja nichts gegen Kondome. Aber irgendwie erwarte ich einfach, dass der Impuls in dem Moment vom Mann ausgeht.“ Immerhin hat sie sich vorgenommen, endlich Kondome in ihre Handtasche zu stecken. Vielleicht hilft es ja.

Die Geschichte haben wir mit Bildern von Luci & Coma illustriert. Ihre Serie küssender Menschen ist im Berliner Nachtleben entstanden


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