Pandemie und Sexualität

Sexfilm in der Krise: Ein Produzent über Corona, die Bedeutung von Pornos und den Rat seiner Oma

Viel Zeit daheim, im Zweifel allein: Pornos sind in einigen krisenerschütterten Haushalten gerade sehr gefragt. Der in Berlin lebende Produzent und Regisseur Noel Alejandro spricht mit uns über die Sexfilm-Branche und Corona. Sein Film „Serodiscordantes“ handelt von einem Virus, der das Leben der Darsteller beeinflusst. Zwar in einem ganz anderen Kontext, aber doch erstaunlich passend.

Sexfilm in der Krise - dank Corona? Noel Alejandro produziert in Berlin. Viele in der Branche leiden massiv.
Sexfilm in der Krise – dank Corona? Noel Alejandro produziert in Berlin. Viele in der Branche leiden massiv. Foto: Santiago Perez

In unserem Interview geht es um Darsteller, die wieder zu ihren Eltern ziehen, die verschwenderische Generation Instagram, die Bedeutung des Orgamus‘ in Zeiten der Krise – und warum man immer auf seine Oma hören sollte.

tip Wie wirkt sich Corona auf Ihr Unternehmen aus?

Noel Alejandro Bisher habe ich die Auswirkungen noch nicht sehr stark gespürt, da ich meine Filme online vertreibe und nicht etwa auf die Produktion und den Versand von physischen Datenträgern angewiesen bin, wie es noch vor einigen Jahren der Fall war. Ich produzierte zudem nur kurze Filme, alle paar Wochen bis Monate. Deshalb ist es noch zu früh, konkrete Auswirkungen zu bemerken – hält die Situation an, wird sich das aber stark ändern.

tip Schauen jetzt mehr Leute Ihre Filme?

Alejandro Normalerweise halte ich mich nicht viel mit der Analyse meiner Zahlen auf. Allerdings habe ich in der näheren Vergangenheit doch Schwankungen bemerkt, die es sonst so nicht gab. Erfahrungsgemäß schauen Amerikaner die meisten Sexfilme, in meinem Fall gefolgt von Leuten in Deutschland. Nun stelle ich aber fest, dass vor wenigen Monaten die Zugriffe aus China sehr stark zunahmen. Nun verschiebt sich das wieder – zuletzt sind es mehr aus Frankreich.

Planung der nächsten Szene: Involviert sind Licht, Ton, Kamera, natürlich die Darsteller – vielen brach das Einkommen weg. Foto: Alejandro
Planung der nächsten Szene: Involviert sind Licht, Ton, Kamera, natürlich die Darsteller – vielen brach das Einkommen weg. Foto: Santiago Perez

„Einige Darsteller haben ihre Koffer gepackt und sind zu ihren Eltern zurückgekehrt“

tip Tauschen Sie sich mit Schauspielern oder anderen Regisseuren über die Herausforderungen und deren Auswirkungen auf die Branche, den Sexfilm in der Krise, aus und wenn ja, wie ist der Konsens?

Alejandro Ich stehe in direktem Kontakt mit Schauspielern, Produzenten und anderen Freiberuflern, wie z.B. Kameramännern, Regieassistenten und technischen Mitarbeitern. Was Produzenten wie mich betrifft – wir können auch gut von zu Haus aus arbeiten. Theoretisch, denn ich schaffe angesichts der vielen Ablenkungen nur schwer, daheim produktiv zu sein. Deshalb wollte ich schon wieder in mein Büro umziehen.

Wenn es andererseits um die Darsteller geht, leben sie in einer sehr schwierigen Situation, da alle Dreharbeiten, Veranstaltungen und Partys abgesagt wurden. Einige von ihnen haben ihre Koffer gepackt und sind zu ihren Eltern zurückgekehrt, um in der Krise Geld zu sparen.

Es gibt auch eine von der Berliner Kollektivaktion organisierte Initiative zur finanziellen Nothilfe für gefährdete Nachtlebenarbeiter in Berlin – also diejenigen, deren Lebensunterhalt durch COVID-19 stark beeinträchtigt wurde, und insbesondere diejenigen, die keinen Zugang zu anderen Unterstützungssystemen haben. Das ist wichtig.

tip Wie gehen Sie damit um, dass Sie gerade keine Filme drehen können?

Alejandro Zum Glück ist mein Geschäftsmodell nicht die Massenproduktion. Ich konzentriere mich mehr auf die Ästhetik, den narrativen Inhalt der Geschichten und die Produktion im Allgemeinen. Viele konsumieren meine Filme gar nicht als pornografisches Produkt. Aber das ist nicht die allgemeine Regel in dieser Industrie, die diese ständige Massenproduktion neuer Filme braucht, um zu überleben.

Der Handelsverband der Pornografie- und Erwachsenenunterhaltungsindustrie in den USA, die FSC (Free Speech Coalition), hat vor einigen Tagen ein freiwilliges Moratorium für alle pornografischen Filmproduktionen bis auf Weiteres erklärt, um eine Ansteckung zu vermeiden, da es positive COVID-19-Tests gab. Da wird es schnell existenzbedrohlich.

Sexfilm in der Krise? Ja, viele sind hart getroffen. Aber Noel Alejandro ist überzeugt, dass die Krise eine gute Gelegenheit ist, Erwachsenenfilme zu sehen. Foto: Alejandro
Sexfilm in der Krise? Ja, viele sind hart getroffen. Aber Noel Alejandro ist überzeugt, dass die Krise eine gute Gelegenheit ist, Erwachsenenfilme zu sehen. Foto: Andrea Galad

„Mietzuschüsse ergeben in Berlin nur Sinn, wenn man vorher Glück mit dem Mietvertrag hatte“

tip Was lernen Sie, was lernen wir alle aus der Krise?

Alejandro Zuerst geht es um das Jetzt. Ich bin mir bewusst, dass einige meiner Freunde von dieser Situation völlig überwältigt und überrascht waren und nun keine Möglichkeit haben, ihre Miete zu bezahlen. Mietzuschüsse ergeben in Berlin nur Sinn, wenn man vorher Glück mit dem Mietvertrag hatte. Und nicht in prekären Verhältnissen leben muss. Viele Kreative, aber auch andere und bei weitem nicht nur aus meiner Branche, sind gezwungen worden, illegale Mietverträge zu akzeptieren. Weil es keine Alternative gibt. Jetzt erleben wir das Fehlen jeglicher rechtlicher Absicherung.

Gleichzeitig zeigt uns diese Zeit auf, wie wichtig es ist, ein wenig Geld zu sparen – mir ist bewusst, dass das nicht jeder kann, aber es zeigt die Notwendigkeit. Meine Großmutter, die in der Nachkriegszeit lebte, hat immer darauf hingewiesen.

Die Generation der Instagrammer bei denen alles daran gemessen wird, wie sie aussehen, wie toll ihr Urlaub war und wie viel Geld sie beim Brunch ausgegeben haben, bekommt nun die Rechnung. Viele Menschen um mich herum haben noch nie eine solche Krise erlebt und haben sich natürlich auch noch nie die Mühe gemacht, Geld zu sparen. Der Blick wird sich ändern.

Miguel (Alejandría Cinque) und Evaristo (Cachorro Lozano) im Film Serodiscordantes. Foto: Santiago Perez

tip Was meinen Sie, können Pornos und Sexfilme einen wesentlichen Einfluss darauf haben, wie die Menschen mit der Krise umgehen?

Alejandro Einen guten Erwachsenenfilm und die eigene Sexualität zu genießen, ist ein Zeichen von Gesundheit. Es gibt nichts Gesünderes, als mit seinen Emotionen und seinem Körper im Einklang zu sein.
Das Glück, das ein Orgasmus bringt, und die Art und Weise, wie wir uns danach fühlen, schien mir immer ein interessanter Gradmesser dafür zu sein, wie gut wir mit uns selbst umgehen. Also genießen Sie es!


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Wegen der Krise wurde viel ins Digitale verlegt – das sind die besten Streaming-Angebote von Clubs, Theatern und anderen.