Religion

Shahid Rehmat – Ein katholischer Pakistani in Berlin

„Ich spüre die Angst“ – Als Angehöriger der katholischen Minderheit in Pakistan weiß er, was ­Diskriminierung und Verfolgung bedeuten. Im Rahmen eines Praktikums beim Berliner Forum der Religionen ist er jetzt für zwei Monate in Berlin. Was denkt Shahid Rehmat (30) über das Zusammenleben in der Stadt?

IFA/Kuhnle

tip Herr Rehmat, seit dem 5. Februar sind Sie in Berlin. Was meinen Sie, welche Bedeutung hat Religion in der Hauptstadt?
Shahid Rehmat Berlin ist eine besondere Stadt. Religion spielt keine große Rolle. Hier gibt es wunderschöne Kirchen, aber sie sind leer. Ich gehe jeden Sonntag in die Kirche. Auf der anderen Seite kann ich auch verstehen, warum sich Menschen von der Kirche abwenden. Viele Berliner haben gesagt, Religion sei der Grund, warum Menschen überhaupt anfangen, sich zu bekämpfen. Aber ich glaube, Religion hat die Kraft, Frieden zu schaffen. Glauben und Gewalt schließen sich meiner Meinung nach aus.

tip Wie passt das denn mit Extremismus zusammen?
Shahid Rehmat Für mich interpretieren diese Menschen Reli­gion falsch, sie haben die Schriften nicht richtig studiert. Religion hat konstruktives Potenzial für die Gesellschaft. Sie hat das Potenzial, Minderheiten zu schützen. Der Glaube bringt uns bei, die Menschen anzunehmen und zu lieben, wie sie sind. Aber dafür müssen wir sie erst einmal kennenlernen. Religion ruft uns auch dazu auf, großzügig zu sein und formt so unsere Persönlichkeit. In unserem Projekt machen wir auch gemeinnützige Arbeit, putzen Altenheime und reden mit den Alten.

tip Sie machen bis Ende März ein Praktikum beim Berliner Forum der Religionen (BFR). Was haben Sie dabei gelernt?
Shahid Rehmat Erst einmal lerne ich unglaublich viel, weil es eine neue Kultur ist. Ich bin es nicht gewohnt, alleine zu leben. Das Essen ist fremd und ich finde es komisch, selbst zu kochen und alleine zu essen. In Bezug auf die Arbeit, habe ich gemerkt, dass die Mitarbeiter hier engagierter und koordinierter arbeiten. Das BFR hat ein Buch, wo alle interreligiösen Projekte aufgelistet sind. Sowas haben wir nicht, aber ich will es zu Hause einführen. Und es gibt Hilfestellungen für Muslime, um sich in die Gesellschaft zu integrieren. Wir könnten ähnliche Angebote für Christen in Pakis­tan zusammenstellen. 

tip Wie genau unterscheidet sich das Zusammenleben der Religionen hier in Berlin von Lahore, ihrer Heimatstadt in Pakistan?
Shahid Rehmat In Lahore sind die Religionen auch räumlich voneinander getrennt. Zum Beispiel gibt es in den Vierteln einen Bereich, wo nur Christen leben. Sie bleiben unter sich, haben ihre eigenen Feste und keinen Kontakt zu den Muslimen oder anderen. Ich bin Christ, weil ich in eine christliche Familie geboren wurde. In vielen Familien bestimmen die Eltern auch noch über die Kinder, wenn sie erwachsen und verheiratet sind. Und wenn deine Familie sehr religiös ist, wirst du es auch und bleibst es auch. Es sei denn, du gehst zur Uni.

tip Warum?
Shahid Rehmat Weil man dann diese orthodoxen Formen von Religion hinterfragt. Durch Bildung werden die Menschen liberaler.

tip Haben Sie deshalb die Youth Development Foundation (YDF) in Pakistan gegründet?
Shahid Rehmat Wir haben die Organisation gegründet, weil Jugendliche unterschiedlichen Glaubens in Pakistan kaum die Möglichkeit haben, miteinander zu sprechen und sich kennen zu lernen. Meiner Meinung nach ist das der Grund für den wachsenden Extremismus und die Intoleranz der Leute in meinem Land. Sie wissen nichts übereinander, und das Halbwissen, das sie haben, ist von Vorurteilen geprägt. Aber als ich die Organisation im Jahr 2010 gegründet habe, war es nicht einfach, meine Freunde zu überzeugen, mitzumachen. Die Leute in Pakistan reden normalerweise nicht über Religion, meistens aus Angst.

tip Wovor haben sie Angst?
Shahid Rehmat Vor dem Blasphemie-Gesetz. Wegen des Gesetzes traut sich keiner über Religion zu reden, egal über welche. Die Strafen reichen von Bußgeldern bis hin zur Todesstrafe. Alles Mögliche kann als Blasphemie eingestuft werden. Wenn man irgendwas über Religion sagt, mit Absicht oder nicht, könnte das die religiösen Gefühle von anderen verletzen. Deswegen sagen die Leute, dass es besser ist, innerhalb der eigenen religiösen Gruppe zu bleiben.

tip Steigt die Tendenz zu Extremismus unter Gläubigen aller Religionen?
Shahid Rehmat Ja. Wir Pakistanis leben alle in derselben Kultur und diese Kultur ist überall von fehlendem Dialog geprägt. Wenn sie nicht viel übereinander wissen, ist es einfach, die Menschen gegeneinander aufzustacheln. Aber die Mehrheit der Pakistanis ist muslimisch, deswegen gibt es bei ihnen die meisten Vorfälle, in absoluten Zahlen.

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Wie äußert sich der Extremismus?
Shahid Rehmat Minderheiten wie Christen, Sikhs und Hindus werden häufig diskriminiert. Nicht jeden Tag, aber es passiert. Mir ist es schon passiert, dass Menschen nicht mit mir essen wollten, weil ich Christ bin. Es gibt auch Gewalt. Ich will eine Geschichte erzählen, die zeigt, wie wichtig es ist, sich kennenzulernen: In einem unserer Workshops war ein Junge, der mal Teil eines religiösen Mobs war. Die Menschen zündeten Häuser von Christen und die Kirche an. Nach einem Projekttag bei uns meldete er sich in der großen Runde zu Wort und sagte, dass er falsch gelegen habe. Er hatte Gerüchte über die Christen gehört, die ihn wütend gemacht hatten und einfach mitgemacht.

tip Wie kam es, dass Sie sich gerade Berlin für ein Praktikum ausgewählt haben?
Shahid Rehmat Wir haben viele Partnerschaften mit Organisationen in den USA. Aber nach Europa hatten wir bis vor kurzem gar keine Verbindungen. Ich habe gehört, dass auch in Europa die Tendenz zu Intoleranz steigt. Also wollte ich sehen, was hier los ist. Dann habe ich eine Anzeige auf der Website der deutschen Botschaft gesehen und mich entschieden, nach Berlin zu kommen.

tip Wie erlebt jemand wie Sie, der aus einem Land voller Religionskonflikte kommt, die Debatte um Flüchtlinge in Berlin?
Shahid Rehmat Die habe ich eher nicht mitbekommen. Mir ist aber aufgefallen, dass viele Deutsche Angst vor Menschen mit brauner Haut haben, unabhängig von ihrer Religion. Ich spüre die Angst zum Beispiel im Zug oder abends auf der Straße, wenn es dunkel ist und ich jemanden nach dem Weg frage. Die Menschen sind sehr reserviert, halten größtmöglichen Abstand. Ich merke, dass sie sich nicht wohlfühlen, wenn sie mit mir reden.

Berliner Forum der Religionen Das Berliner Forum der Religionen ist der Nachfolger des vom Berliner Senat 2011 gegründeten „Berliner Dialog der Religionen“. Ziel ist es, den interreligiösen Dialog und das Verständnis füreinander zu fördern. Außerdem wollen die Initiatoren das konstruktive Potenzial von Religion in die Gesellschaft einbringen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Beim Forum arbeiten Menschen aus mehr als 100 Religionsgemeinschaften zusammen. Zu den Projekten zählen unter anderem die „Lange Nacht der Religionen“, der Gesprächskreis Frauen im interreligiösen Dialog und der Dialog der Religionen für Kinder und Jugendliche.

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