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Shopping lokal? Wie Geschäfte in Berlin die Kunden vertreiben

Weihnachten rückt näher, Zeit für Shopping. Das Gute: Aufgrund der derzeitigen Pandemie haben wir viel Zeit, uns über Geschenke für unsere Lieben Gedanken zu machen – zumal die Geschäfte vorerst weiter öffnen. Das Problem: Nicht überall freut man sich über die Kund*innen. Dabei ist jetzt der ideale Moment, die Relevanz des stationären Handels zu beweisen. Warum tun sich einige damit so schwer?

Immer wieder müssen Geschäfte und Filialen aufgeben. Nicht immer sind daran nur die Kunden Schuld. Foto: Imago Images/Photothek

Shopping in der Service-Wüste: Bitte nicht stören

Vergangenes Wochenende, ein Kaufhaus im Westen. Lange hatte ich auf viele Kontakte verzichtet, war übervorsichtig. Denn: Ich wollte meinen Vater besuchen. Ende 60, Raucher, damit schon auch Risikogruppe. Seit Monaten meidet er Kontakte, geht nur in einem kleinen Supermarkt zu Nebenzeiten einkaufen. Im August hatte er sich einmal ins Museum getraut. Nun mit mir an einem Donnerstagmorgen in ein Kaufhaus.

Tatsächlich war, wie vermutet, nicht wirklich etwas los. Umso einfacher gelang es meinem Vater, eine Frau in der Parfümabteilung anzusprechen. Ob sie denn wüsste, wo er Haushaltsbedarf fände. Er bräuchte einen Deckel für einen Topf und eine Raspel. Die Dame verdreht auf Ansprache zuerst die Augen, musterte uns dann beide, ehe sie in einem hochgradigen Arschloch-Ton „Was weiß ich, wo es das gibt“ verkündete, und abzog.

Mein Vater, der aus einer Zeit stammt, in der der Kunde König war, war sprachlos. Ich ebenso. Aber: Nicht überrascht. Seit Jahren erlebe ich in Kaufhäusern und Geschäften Personal, das minimal genervt, maximal unverschämt ist.

Die Frage, ob zum Beispiel Kleidung noch in anderer Größe verfügbar sei, wird gern so beantwortet, als hätte man freundlich gefragt, ob man die Eltern der angesprochenen Person kidnappen und Schlangen zum Fraß vorwerfen darf.

Die Neukölln-Arcaden: Service wird nicht in allen Geschäften zur Priorität erklärt. Es geht aber auch bei kleinen Geschäften in den Kiezen mal daneben. Foto: Imago Images/Joko

„Bestellen Sie doch online“ – so funktioniert also lokales Shopping 2020?

Neulich fragte ich in einer mittelgroßen Buchhandlung – zum Glück keine der von uns empfohlenen Buchhandlungen – nach einem vergriffenen Titel. Mir wurde von einem Mitarbeiter sehr zackig gesagt, ich könne den online bestellen, auf der Seite des Geschäfts. In einem ansonsten leeren Laden gesagt zu bekommen, ich solle vergriffene Ware doch bitte selbst online bestellen, fand ich schon zynisch, irgendwie. Man muss seinen eigenen Job schon hassen, um ihn mutwillig überflüssig zu machen.

In einem dieser stylishen Interior-Geschäfte in Mitte kaufte ich vergangenen Monat für einen Geburtstag eine maßlos überteuerte Vase als Gruppengeschenk. Die Verkäuferin ließ mich mit ihrem Blick wissen, wie sehr es sie nervt, ihr Telefongespräch, offensichtlich privater Natur, unterbrechen zu müssen für mich. Sorry, dass du für dein Geld arbeiten musst, und sorry, dass dir dein Leben in so einem Reiche-Leute-Nanu-Nana auch langweilig ist. Ist aber nicht meine Schuld.

Nerviger fand ich nur den Mitarbeiter eines Plattenladens. Ich fragte dort zum Record Store Day nach einer limitierten Britney-Spears-Vinyl. Ungefragt ließ er mich wissen, dass sie die „zum Glück“ nicht reinbekommen. In dem Moment hätte ich ihm gern gesagt, dass ein derart musik-snobistisches Verhalten nicht nur charakterlich trist ist. Sondern dass ich ihm auch wünsche, dass sein Plattenpuff den Bach runtergeht. Bessere Plattenläden in Berlin findet ihr übrigens hier.

Über Geschmack lässt sich nicht streiten: Kunden im Plattenladen für ihre Vorlieben anpöbeln? Geht gar nicht. Foto: TipBerlin

Zum Glück gibt es in Berlin viele, viele ganz wunderbare Läden

Natürlich, das muss unbedingt betont werden, gibt es in Berlin viele, viele ganz, ganz wunderbare Läden. Oft inhaber*innengeführt, oft mit spezifischer Auswahl und eigentlich immer mit besonderem Service. Meist sind es eben die kleinen Geschäfte, maximal noch eine mitarbeitende Person, die das Angebot des Ladens lebt.

Läden, in denen es Spaß macht, mal ein paar Euro mehr auszugeben. Weil von Service bis Verpackung alles ein wenig Extra-Herz offenbart. Aber es gibt doch auch erstaunlich viele negative Erlebnisse.

Toll wäre es natürlich, wenn die Menschen nun wirklich – alle Hygiene-Regeln beachtend – in ihrer Nachbarschaft statt bei Amazon shoppen gehen. Denn damit bleibt der Kiez bunter, Amazon ein ganz kleines bisschen weniger mächtig, sogar das Gewissen etwas reiner. Dafür wäre es dann aber auch ganz liebenswert, wenn ein paar wenige, die ihre Kund*innen, ihrem Job oder ihr Leben hassen, sich etwas anderes suchen. Denn sie bringen den Ruf der wirklich tollen, kleinen Läden gleich mit in Verruf.


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