Musik & Party in Berlin

Sind Berlins Clubs noch zu retten?

Berlins Nachtleben ist ebenso legendär wie bedroht. Ende April muss das Bassy in der Schönhauser Allee schließen, nach fast 20 Jahren. Privatclub und Loftus Hall sind in Gefahr, manche Clubs und Konzert-Venues schon weg, andere bangen um ihre Zukunft. Das Nachtleben macht sich prima als Standortvorteil, zieht Party­touristen ebenso an wie junge, international gefragte Fachleute. Es ist einerseits für das kulturelle Leben von extremer Bedeutung, de facto aber immer öfter von Gentrifizierung bedroht . Wir haben uns bei Berliner Club- und Konzertsaalbetreibern nach ihren Sorgen, Erwartungen und Hoffnungen für die Zukunft umgehört.  Eine beunruhigende Bestandsaufnahme


„Wir feiern das Ende kräftig“

BASSY CLUB

Golby Surround vom Bassy Club ist sehr traurig, dass am 1. Mai nach rund 20 Jahren Schluss sein muss: „Bassy entstand aus einer Idee und aus der Liebe zur Musik heraus, nicht als Geschäftsmodell. Als eine Förderung wegfiel, wurde die Miete zu hoch, und obwohl wir mit vielen Fremdveranstaltungen versucht haben, Geld ins Haus zu holen, hat es am Ende nicht geklappt. Wir feiern das Ende kräftig und gehen da nicht mit gesenktem Haupt hinaus. Bassy hat wegen der Gegend funktioniert und ist entstanden aus dem Stadtteil, aus Menschen, die Lust auf die Musik und den Laden hatten.

Bassy Club
Bald gehen im Bassy die Lichter aus – ein trauriges Ende
Foto: Foto Martin Kersten

Ich selbst musste hier vor zehn Jahren schon wegziehen, weil die Miete plötzlich viel zu teuer wurde. Und während ein, zwei Jahren habe ich täglich zuschauen können, wie sich hier im Prenzlauer Berg alles geändert hat. Immer mehr Fast Food und To-Go, statt irgendetwas Kulturelles, das, was nicht nur diese Gegend in Berlin spannend gemacht hat. Und das Geld der Leute für den Konsum sitzt locker. Ich frage mich, was unsere Kinder später mal erzählen werden: dass sie ihre wilde Jugend über bei Starbucks gesessen haben? Am Smartphone?

Es ist eher ein Kultursterben, das ich erkenne und bemängele. Kultur wird nicht mehr gewürdigt, es wird eher konsumiert, und die Frage ist: Wie gehen wir mit der Sache um? Gentrifizierung verändert nicht nur auch die Stammgäste, sie verändert die gesamte Situation. Man konnte es ja direkt kommen sehen. So wollen wir das nicht mehr, vor allem, weil wir nie wollten, dass das Finanzielle im Vordergrund steht. Klar hätten wir irgendwie den Senat oder die Clubcommission um Hilfe bitten können. Aber allein der Gedanke an das Wort ‚Soli-Konzerte‘ gefällt uns nicht. Wir gehen auch nicht im Sinne von ,Wir haben alles verloren‘, sondern mit der Haltung ‚Geil, dass wir es gemacht haben‘ aus der Geschichte raus.“

Bassy Cowboy Club

Termine
Di, 24.4., 20 Uhr – BASSY FAREWELL part 1 „The White Dukes celebrate: The last Dukesday“
Sa, 28.4., 21.30 Uhr – BASSY FAREWELL part 5 „Last Saturday night call“
Mo, 30.4., 22 Uhr – BASSY FAREWELL part 7 „last Bohème Sauvage …dressed to kill“

Schönhauser Allee 176 A, Mitte


„Die Stadt verabschiedet sich von dem, was sie ausmacht“

ROSIS

Auch beim Rosis ist klar, dass Ende des Jahres Schluss sein muss: Der Mietvertrag läuft aus, und die Bebauung des Geländes ist schon lange geplante Sache. Sven Averdiek: „Wir wollen das Jahr 2018 hauptsächlich genießen – denn es ist ja unser Letztes. In Sachen Mietpreis ist für dieses Jahr wenigstens alles noch fix und fein. Unterstützung von Rot-Rot-Grün erwarten wir nicht, wäre aber schön.

im Rosis
Fürs Rosis ist die Clubwelt nur noch bis Jahresende in Ordnung
Foto Benjamin Pritzkuleit

Die Stadt macht einen großen Fehler. Sie verabschiedet sich nach und nach von dem, was sie ausmacht. Das betrifft aber nicht nur Clubräume. Wir haben uns seit 14 Jahren für einen entspannten Kulturbetrieb und Sommergarten eingesetzt, mit günstigen Preisen und engem Kiezbezug. Wir haben uns eingesetzt für einen Ort, den jeder erleben kann. Trotzdem: Vom Senat erwarten wir nichts.“

Rosis

Termine
Fr 20.4., 20 Uhr – Start of Summer Festival (Indie-Party)
Fr 27.4.18, 23 Uhr – 10 Jahre A Design For Life: INDIE / ELEKTRO / POP / RETRO

Revalerstr. 29, Friedrichshain


„Sollen wir das Bier für acht Euro verkaufen?“

Privatclub

Norbert Jackschenties betreibt seit fünf Jahren den Privatclub in der ehemaligen Paketstation an der Skalitzer Straße, die vor zwei Jahren von einer Verwaltungs-GmbH gekauft wurde. Geschäftsführer der GmbH ist der älteste der Samwer-Brüder, Marc. Der Mietvertrag des Privatclubs, in dem viele junge Bands ihre ersten Bühnenerfahrungen machen und der somit für die musikalische Nachwuchsförderung von hohem Wert ist, läuft 2022 aus. Der neue Besitzer des Gebäudes versucht laut Jackschenties schon seit anderthalb Jahren, die Miete durch diverse Anwaltsschreiben auf das Doppelte zu erhöhen – was der Betreiber aber bislang abwehren konnte. „Das ist die Taktik des Mürbemachens“ erklärt Jackschenties, die bei ihm aber bislang noch nicht gefruchtet habe. Vielmehr wandte er sich an den Bezirk und an die Stadt und hofft nun auf die anstehenden Gesprächstermine.

„Zum Glück wird die kulturelle Wichtigkeit des Privatclubs von vielen erkannt. Mit der Stadt und dem Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain sind schon Gespräche avisiert. Wir machen zwar wochenends auch mal eine Disco, ansonsten aber geben wir jungen Bands Auftrittsmöglichkeiten, die sie sonst so kaum irgendwo vorfinden. Natürlich haben wir schon nach Alternativstandorten geschaut, aber die gibt es einfach nicht. Hier, wo wir jetzt sind, ist es ideal, vor allem, da es keine Anwohner gibt, die sich über den Sound beschweren könnten. In unserem Gebäude sind mittlerweile 90 Prozent der Mieter Start­ups, die von Investoren getragen werden. Da kommt Million zu Million, da kann locker die doppelte Miete verlangt werden.

Natürlich ist Berlin als Standort für die Branche wichtig, es gilt immer noch als hip. So können Arbeitskräfte in die Stadt gelockt werden. Dass die Kultur, die Berlins Charakter ausmacht, immer weiter verdrängt wird, scheint keinem klar zu sein. Aber: So funktioniert Gentrifizierung, schon jetzt können nur noch Reiche in unserem Gebäude die Mieten zahlen. Bis 2022 sind wir sicher, und um unsere Miete jetzt schon zu erhöhen – was probiert wurde – müssten die neuen Vermieter vor Gericht ziehen, wobei fraglich ist, ob sie ihre Forderung durchsetzen könnten. Wir haben ja immerhin einen Vertrag, in dem – noch vom vorherigen Vermieter – alles klipp und klar drinsteht. Wir haben den neuen Vermietern recht schnell 40 Prozent, ab sofort, mehr angeboten, verbunden mit der Bitte, länger bleiben zu dürfen. Die anderen in unserem Haus zahlen schon 25 Euro pro Quadratmeter, das ist für einen kleinen Club nicht bezahlbar. Sollen wir das Bier für acht Euro verkaufen? Die Berliner Entwicklung ist dämlich und es wurde viel verpennt! Dem Senat sind die Hände gebunden, da es um Gesetzesänderung auf Bundesebene gehen würde. Man kann niemandem verbieten, ein Haus zu kaufen, aber kulturelle Betriebe sollten sie schützen, damit die bezahlbar bleiben. Das wäre die Aufgabe der Bundesregierung.

Wenn Kreuzberg nicht mehr bezahlbar ist, wo zieht denn die Szene hin? Nach Hellersdorf? Wenn das so weitergeht, wird der Ruf Berlins nicht mehr lange existieren. Es geht nicht nur um den Arsch der Clubs, bei uns ist es Konzertbetrieb für junge Bands. Wo sollen die denn auftreten?“

Privatclub

Termine
Fr 20.4., 23 Uhr – You! Me! Dancing! (Indie New Wave Guilty Pleasures)
Sa 21.4. 2018, 17.30 Uhr – SPH Bandcontest, Stadtfinale

Skalitzer Str. 85–86, Kreuzberg


„Wir wissen nicht, wie es weitergeht“

Loftus Hall

Auch die Loftus Hall steht auf wackeligen Füßen, da die städtische Wohnungsbaugesellschaft Stadt und Land ein Bauprojekt auf dem Grundstück plant. Betreiber Yusuf berichtet:  „Eigentlich hat die Loftus Hall einen Zehnjahresmietvertrag mit der Option auf eine Fünfjahres-Verlängerung. Von 2011 bis 2021 ist unser Mietvertrag auf dem Papier gesichert. Nun will aber Stadt und Land Wohnungen und Luxuslofts aus dem alten Fa­brikhaus machen, und wir sollen mit komischen juristischen Tricks rausgeschmissen werden. Erst wollte die Wohnungsbaugesellschaft mit uns Verhandlungen führen und hatte auch viel Geld angeboten, für den Fall, dass wir vorzeitig ausziehen. Dann aber kam sie uns mit ‚Formfehlern‘ im Nachtrag zu unserem Vertrag, die ihn angeblich unwirksam machen würden.

Wir waren schon vor solchen Tricks gewarnt worden und haben dann sofort widersprochen, als wir im August 2017 zum Ende 2017 hin gekündigt werden sollten. Unser Anwalt meinte, diese Formfehler seien eine normale Methode, um Menschen raus zu klagen, aber unser Richter sagte, das sei kein Grund für ihn. Klar müssen Wohnungen gebaut werden, dem wollen wir nicht um jeden Preis im Wege stehen. Aber wir haben hier so viel Arbeit, Mühe und Geld investiert, wir wollen auch nicht mit großen Verlusten aus der Sache gehen. Bei uns hängen acht bis zehn Arbeitsplätze in der Schwebe, und unsere unsichere Planungssituation lässt uns jetzt auch keinen großen kreativen Spielraum für Veranstaltungen – wenn man gerade mal ein bis zwei Monate im Voraus planen kann! Wir wissen nicht, wie es weitergeht, die Räumungsklage steht weiterhin im Raum, und wir sind die einzigen Mieter, die einen so langlaufenden Vertrag haben. Aber selbst, wenn wir uns einigen würden, könnten wir nach dem Umbau wegen der Lärmschutzregelungen bestimmt nicht mehr weitermachen. Abgesehen davon, dass dort, wo wir bislang sitzen, eine Tiefgarage hinkommen soll und solange es uns noch hier gibt, überhaupt nicht gebaut werden kann.“

Die Stadt und Land teilte auf tip-Nachfrage mit: „…bei dem von Ihnen angefragten Mietverhältnis befinden wir uns derzeit in einer rechtlichen Auseinandersetzung, aufgrund des schwebenden Verfahrens möchten wir uns dazu nicht öffentlich äußern. Dennoch möchten wir richtigstellen, dass wir am Maybachufer keinesfalls ein ,neues Luxus-Bauprojekt‘ erstellen. Die Stadt und Land ist eine der sechs städtischen Wohnungsbaugesellschaften, deren Hauptaufgabe es ist, breiten Schichten der Bevölkerung günstige Mietwohnungen zur Verfügung zu stellen. Dies ist auch der Grund, weshalb an diesem Standort neue Mietwohnungen geschaffen werden. Grundsätzlich wird die Hälfte aller neu von uns gebauten 200 Wohnungen für 6,50 € pro Quadratmeter und Monat an Menschen mit einem Wohnberechtigungsschein vermietet, die andere Hälfte der Wohnungen für durchschnittlich unter 10 € pro Quadratmeter und Monat.“

Loftus Hall

Termine

Fr 20.4., 23 Uhr – BRENN. – SERIOUS HOUSE BEATS & SOME 90’s EXTRAVAGANZA
Sa 21.4, 23.55 Uhr – The Magic Room X Depaart, DJs Fran Zaragoza, Easy Kid, Weidenfeld, J. Funky

Maybachufer 48, Neukölln


„Berliner und Touristen sind gleichermaßen willkommen“

Badehaus

Das Badehaus ist nicht akut von Mieterhöhungs- oder Schließungsplänen bedroht, macht sich aber trotzdem seine Gedanken zur Entwicklung der Clublandschaft und der Stadt – und setzt etwas Hoffnung in den neuen Senat, sagt Erik Kühn vom Badehaus: „Wir haben das Gefühl, dass durch R2G der Fokus auf Clubs als Kulturträger gestiegen ist. Der angekündigte Lärmschutzfonds geht in die richtige Richtung für eine langfristige Akzeptanz für Clubs in einem Kiez. Wir befinden uns in einer Nachbarschaft, die den Ruf als Partykiez hat. Die positive Grundstimmung überwiegt, trotzdem gibt es viel zu tun.

Wir wünschen uns als Club ein ausgewogenes Publikum. Berliner und Touristen sind gleichermaßen willkommen. Es besteht die Gefahr, dass Berlin sein tolerantes, offenes Image verliert, wenn Kulturschaffende sich keinen Raum mehr in der Innenstadt leisten können. Aus unserer Sicht kommen viele Berlin-Gäste, weil sie auf der Suche nach Freiräumen sind und diese werden immer weniger.

Mit der Umwidmung des Bebauungsplans der Bezirksverordnetenversammlung für das RAW-Gelände sieht man aber eine positive Veränderung in der Kommunalpolitik, die scheinbar erkannt hat, dass eine Vergabe rein nach kommerziellen Gesichtspunkten für einen Bezirk nicht immer die optimalste Lösung ist.“

Badehaus

Termine

Fr 20.4., 23 Uhr – DJ Haitian Star feat Toni L ls. Black Afghan Sound
Di 24.4., 21 Uhr – THE SWAG JAM, Berlin’s finest HipHop Jam

Revaler Str. 99, Friedrichshain


„Wir müssen gemeinsam Druck aufbauen“

SO36

Im SO36 blickt man der Zukunft – und den Jubiläumsfeierlichkeiten – optimistisch entgegen. Nanette Fleig und Pasqual: „Uns gibt es im August seit 40 Jahren, da sehen wir einen großen Grund zum Feiern. Unser Mietvertrag ist noch bis 2020 sicher. Danach haben wir eine Option auf weitere fünf Jahre. Wir haben ein gutes Gefühl und denken, unsere Hausverwaltung will auch weiter mit uns alt werden. Aber es gibt ja noch andere Kosten wie Strom, Getränke etcetera.

SO36
Mietvertrag bis 2020 sicher – und dann eine Fünfjahresoption: das SO36
Foto Montecruz Foto / Flickr.com / CC BY-SA 2.0

Wir mussten nun auch unsere Preise anziehen. Viel lieber würden wir das Geld für schönere Dinge ausgeben. Uns zum Beispiel mal ein Booking leisten, ohne dabei zu überlegen, ob das auch wieder eingespielt wird. Die meisten Gäste reagieren auf Preiserhöhungen mit Verständnis. Uns geht es nicht um Gewinnmaximierung.
Aber das ist natürlich nur ein Blick nach innen. Ob mit R2G alles besser wird? Wir glauben, dass wir uns auch in Zukunft selbst für unsere Interessen stark machen müssen, vernetzen mit Menschen, die für dieselben Sachen stehen und gemeinsam Druck aufbauen, wenn es irgendwo brennt. Und das tut es ja zurzeit an echt vielen Stellen. Wir denken aber, dass Lederer als Kultursenator die Szene gut kennt und ein offenes Ohr für unsere Sorgen hat. Aus seiner Richtung wird Verständnis und hoffentlich auch Unterstützung kommen, die es vorher nicht gab. Wir merken sehr deutlich, wie sich der Kiez rund herum und die Stadt sich verändern. Nicht nur zum Schlechten. Wir bangen aber um uns ans Herz gewachsene private wie gewerbliche Nachbarn. Die Probleme, die am Laufen sind, sind keine anderen als vor Jahren schon zum Beispiel im Prenzlauer Berg.

Dennoch ist es immer wieder wichtig, deutlich zu machen, was hier abgeht. Nur komisch, dass die Politik auf die wiederkehrenden Muster von Verdrängung nicht reagiert. Nachher tun alle total erschrocken – aber neu ist das ja alles nicht. Auch nicht im Jahr 2018. Sicher wird uns auch R2G nicht vor bösen Spekulanten retten. Nicht nur die Klubs verschwinden nach und nach. Es sind ja auch unsere Kolleginnen und Kollegen, unsere Freunde, wir selbst, die um ihren innerstädtischen Lebensraum bangen müssen. Wenn unsere Hood erst mal komplett verdrängt ist, wollen wir hier auch nicht weiter rocken. Wenn wir dann alle erst mal über eine Stunde Anfahrtsweg haben, um in unseren Laden zur Arbeit zu kommen. Das ganze System ist falsch! Wenn die Innenstädte irgendwann nur noch für die Reichsten und Schicki-Gewerbe bezahlbar sind, sind sie halt einfach tot. Ob das die Image-Agenturen des Land Berlins wollen? Wir jedenfalls nicht.

Unser politisches Engagement spiegelt sich zum Beispiel darin wieder, dass wir unsere Räumlichkeiten zu spektakulären Solipreisen an politische Gruppen, Bündnissen und Organisationen vergeben. Im März gab es hier die fünfte Kiezversammlung gegen Verdrängung. Es ist schon sehr beeindruckend und erschütternd zugleich, wie viele Menschen da kommen und aktiv versuchen, ihren Wohnraum zu verteidigen. Einerseits ist es schön zu merken, dass die Leute sich organisieren und Solidarität nicht nur ein Fremdwort ist. Auf der anderen Seite aber auch ein Indikator dafür, wie prekär die Situation ist.“

SO36

Termine

Fr 20.4., 23 Uhr  – Rakete Kreuzberg dance ’til you drop
Mo 23.4.,19 Uhr – Lesedüne: Systemrelevanter Humor (Lesebühne und Leserkollektiv)

Oranienstr. 190, Kreuzberg


„Von Politikern erwarten wir erstmal nichts“

Nuke Club

Der Nuke Club in Friedrichshain hat mit Nils Detka einen neuen Betreiber, der zufrieden über seinen Vertrag ist und freudig in die Zukunft blickt: „Auch wenn um uns herum viele Clubs wegsterben, sind wir guter Dinge und glauben, dass 2018 ein erfolgreiches Jahr wird. Von den Politikern erwarten wir erstmal nichts. Das Thema Clubsterben ist ja nicht erst seit gestern aktuell in Berlin und die Gentrifizierung findet seit Jahren statt. Wir hoffen, dass die Politik endlich die Bremse zieht, aber erwarten nichts. Gerade hier in Friedrichshain ist ein Wandel des Bezirks deutlich spürbar.

„Wir glauben, 2018 wird ein erfolgreiches Jahr“: Nuke Club
Foto Gosia Budig

Gut, dass es der Senat für die nächste Zeit untersagt hat, weitere Gebäude in unserer Straße in Luxuseigentumswohnraum umzuwandeln. Daher wird sich in unserer direkten Nachbarschaft nicht viel ändern. Wir haben Glück, dass die Eigentümer an einer langfristigen Zusammenarbeit mit uns interessiert sind und uns daher einen fairen Mietpreis für die nächsten Jahre zugesichert haben. Generell ist es aber traurig, dass immer mehr Clubs verdrängt werden. Viele Touristen kommen extra nach Berlin, um hier zu feiern. Wenn die wegbleiben, weil es kaum noch Clubs gibt, dann hat das auch erhebliche Auswirkungen auf die Kasse der Stadt Berlin, nicht nur auf die der Clubbetreiber. Daher ist es auch an der Zeit, dass die Politik sich endlich aktiv für eine vielfältige und große Clublandschaft in der Stadt stark macht und dem Clubsterben ein Ende setzt.“

Nuke Club

Termine

Sa 21.4., 23 Uhr – Electro Rebel
Fr 27.4., 22 Uhr – Freitag im Nuke – Post Punk, 80s, Gothic, Dark

Pettenkoferstr. 17 A, Friedrichshain


„Die Vorschriften werden immer schlimmer“

Insomnia

Betreiberin Dominique: „Ich habe vor eineinhalb Jahren einen neuen langen Mietvertrag abgeschlossen und hatte eine Mieterhöhung um 200 Prozent – eine preiswerte vorherige Miete und Gewerbemietverträge machen’s möglich. Die Regierung hat mich noch nie unterstützt und ich denke auch nicht, dass sie damit in diesem Jahr anfängt. Ganz im Gegenteil – die Bestimmungen und Vorschriften werden immer schlimmer und enger und der Büroaufwand immer größer. Lärmemissionsgesetz, Arbeitsschutzgesetz, Allergen-Verordnung, Künstlersozialkasse, Stundenzettel, Anforderungen an die Buchhaltung etc.. Ich wollte nur coole Partys machen – und jetzt muss ich mich mit Sachen rumschlagen, die so gar nicht zu einem coolen Partyveranstalter passen.

Vor lauter Verwaltungsaufwand komme ich nur unter erhöhtem Arbeitseinsatz zu den Dingen, die ich eigentlich machen sollte: mir neue Konzepte und schicke Dekos ausdenken, außergewöhnliche Künstler engagieren etcetera. Und je mehr Menschen in teuren Eigentumswohnungen wohnen, umso steriler wird eine Umgebung, alles wird leiser, sauberer, glatter, das Verrückte weicht dem Durchorganisierten. Es rücken einem die Lärmvorschriften auf die Pelle: zu laute An- und Abfahrt, nicht genug Parkplätze, Problemchen hier und da.

Ich wünsche mir, dass nicht ein oder zwei Leute, die sich gestört fühlen (ob nun durch einen Club oder, wie bei mir, am Rüdesheimer Platz durch das Weinfest) Hunderten von Menschen das Feiern vermiesen. Dass da nicht das Recht des Einzelnen über das Bedürfnis von so vielen geht und dass Investoren nicht direkt neben einem alt eingesessenen Club Eigentumswohnungen hinstellen dürfen – weil es ja so ein cooler Kiez ist und sich hinterher über den Lärm beschweren. Das ist ungerecht, unfair und schadet der Berliner Clublandschaft.
Das Clubsterben finde ich katastrophal, denn Berlin lebt von seinem Ruf, das aufregendste Nachtleben zu haben. Die Kulturförderung geht in Opernhäuser, die mit Millionenbeiträgen gesponsert werden, in ,anständige‘ Kunst und trotzdem kämpfen sie gegen die Pleite. Den Nachtclubs schenkt niemand etwas – und die florieren.

Insomnia

Termine

Sa 21.4., 22 Uhr – Circus Bizarre – Deep House, Techhouse & Electro by Annie O. & Basti Wach
Mi 25.4. , 20 Uhr – Tango Vicioso, Tango Argentino ausschweifend und lasterhaft

Alt Tempelhof 17–19, Tempelhof


„Die Durchökonomisierung der Stadt kann niemanden freuen“

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Der im kollektiv betriebene Club hat einiges zu bemängeln – allerdings eher gesamtgesellschaftlich und politisch betrachtet:

„Mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg als Vermieter haben wir das Glück, dass die kapitalistische Verwertung nicht so durchgreift wie bei privatwirtschaftlichen Vermietern. Das ist also reines Glück – auch angesichts der zur Schau gestellten Machtlosigkeit der Politik vor dem Privateigentum und der Verwertungslogik. Wenn ein kluger Linker wie Klaus Lederer sagt: ,Das Problem heißt Kapitalismus‘ und dann signalisiert, dass die Landesregierung dagegen im Grunde nichts tun kann, dann macht das deutlich, dass sich ohne radikale Infragestellung gesellschaftlicher Reichtums- und Besitzverhältnisse nichts wirklich ändern lässt. Gentrifizierung ist ein sehr rationaler Vorgang, der sich in Berlin bilderbuchartig beobachten lässt.

Eine lebenswerte Stadt für alle kann nur bestehen, wenn sie ihre Freiräume behauptet, wenn Platz ist für das Unfertige und das Unperfekte, das sich der Verwertungslogik so gut es geht entzieht. Problematisch ist, dass sich Berlin bald nur noch die Rich Kids leisten können. Das ist ein Armutszeugnis für eine Stadt, in der einst ganze Straßenzüge jenseits der Marktlogik existieren konnten und der antistaatliche Organisationsanspruch im Begriffspaar aus Autonomie und Kollektivität unübersehbar behauptet wurde.

Die Durchökonomisierung der Stadt kann niemanden freuen, der in ihr glücklich und entspannt leben will. Die Clubszene als touristischer Anziehungspunkt ist ein Faktor bei der fortlaufenden Verwertung und der damit einhergehenden Verdrängungsdynamik – und wird auch von ihr verdrängt. Aber die Clubs waren mitnichten die ersten Opfer dieser Entwicklung und sind auch nicht die letzten. Ganze Kieze erleben einen kompletten Bevölkerungsaustausch, der in der ersten Welle befruchtend für das Nachtleben ist, für viele Menschen aber den Verlust ihrer Wohnung bedeutet hat – exemplarisch in Neukölln zu sehen. Schön wäre es natürlich, wenn der Senat eine fortgesetzte Verwertung verunmöglichen würde. Wäre es nicht ein großer Gewinn an Lebensqualität, wenn Berlin seinen alten Ruf als ,schwer verwertbar‘ zurückgewinnen würde?“

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Termine
Sa 21.4., 23.59 Uhr – 6 Years TOYS Soli-Party for Sea-Watch & Toys003 Release
Fr., Sa., So 27. – 29.4. jeweils 0 – 23.59 Uhr – Acht-Jahres Party About Blank (durchgehend) mit Anja Zaube, Akmê, Barbara Hofmann uvm.

Markgrafendamm 24c, Friedrichshain


„Berlin muss dreckig bleiben“

Golden Gate

Betreiber Reimund Spitzer: „Mit der Frage, ob der neue Senat die Clubs unterstützen wird, haben wir uns noch nicht groß beschäftigt. Unsere bisherige Erfahrung war: Politiker sind zwar oft wohlmeinend und haben die Bedeutung und Wichtigkeit der Clublandschaft für die Attraktivität der Stadt endlich erkannt, lehnen sich aber andererseits auch nicht für jeden kleinen Laden aus dem Fenster – zumal, wenn eine Bezirksverwaltung Stress macht, wie wir es in der Vergangenheit erlebt haben. Die CC (Clubcommission, Anm. d. Red.) war dabei bisher leider auch keine echte Hilfe. Internationalisierung ist gut und nicht das eigentliche Problem, die Frage ist aber: Was für eine Internationalisierung ist gut für Stadt und ihre Bewohner? Die kann ja ganz verschieden ausfallen.

Golden Gate: Aus der Kaputtheit ist Attraktivität entstanden
Foto: Reimund Spitzer

Ich hatte vor Urzeiten schon mal vor, eine Initiative mit dem Titel ‚Berlin muss dreckig bleiben‘ zu gründen, vielleicht gehe ich das demnächst noch mal an. Je rauer und schmutziger die Stadt wirkt, würde ich nämlich sagen, umso mehr werden – wahrscheinlich und hoffentlich – bestimmte Leute abgeschreckt und davon abgehalten, auch noch herzukommen und den Grundkonsens und die Verhältnisse noch weiter zu verändern, in Richtung der glattgebügelten Unorte im Westen. Die Berliner Verwaltungen haben das meiner Meinung nach überhaupt noch nicht erkannt, die scheinen mir eher traumatisiert von Zuständen in der jüngeren Vergangenheit, wo eine tiefgreifende Kaputtheit das Hauptmerkmal der Stadt war. Aber aus dieser Kaputtheit ist alles entstanden, was heute die Attraktivität der Stadt ausmacht.

Wir haben Glück mit unserem Mietvertrag, die Deutsche Bahn ist zum Glück ein überaus korrekter Vermieter. Ob es normal ist, dass Clubs in Innenstädten irgendwann keinen Platz mehr haben? Berlin ist ja groß. Im Zweifel werden die Clubs halt eine halbe Stunde weiter entfernt sein als heute. Ich sehe darin nicht wirklich ein Problem. Hauptsache eine große Vielfalt und ein breites Angebot bleiben erhalten und es gibt genügend Läden in den Händen von Hippies.

Golden Gate

Termine

Sa 21.4., 0 Uhr – Tonkind Nacht: Guy From, JEPE, Le Petite Bruns
Fr 27.4., 0 Uhr – Clubkultür Avec Hausbach & Oetkers

Schicklerstr. 4, Mitte


„Bedeutung der Nachtökonomie“

Tresor

Betreiber Dimitri Hegemann macht sich zwar keine Sorgen um dem Tresor, aber um die gesamte Clubkultur und fordert zum Beispiel die Einsicht der Stadt, dass Clubs schützenswertes Kulturgut darstellen. Dazu gehöre auch die Akzeptanz der „Bedeutung der Nachtökonomie“ – nicht nur für den Ruf Berlins, sondern konkret auch für den Tourismus der Stadt.

Die weitere Verdrängung von Clubs werde sich irgendwann auch in sinkenden Tourismuszahlen niederschlagen, ist er sich sicher. Hegemann wünscht sich aber auch ein Weiterdenken für die Zukunft im Sinne der tausenden von Menschen, die ihr Auskommen in der Nachtökonomie finden: Was passiert mit denen, die jahrzehntelang an den Bars, aber auch in den eher versteckten Bereichen Sound, Licht und Organisation der Clubs gearbeitet haben, aber sich dann vielleicht schon mit 50, 55 als zu alt empfinden, um sich mit dem immer nachwachsenden Clubpublikum die Nächte um die Ohren zu schlagen? „Darüber müssen wir uns auch Gedanken machen, denn immer mehr Menschen sind davon betroffen.“

Tresor

Termine

Sa 21.4., 23.59 Uhr  – Funk E, Sammy Dee, Zadig, Unbalance – Live
Mo 23.4.  – House of Waxx: Stereociti, Arcarsenal, Laura BCR

Köpenicker Str. 70, Mitte


„Rot-Rot-Grün will den Clubs und Veranstaltern helfen“

Clubcommission

Sprecher Lutz Leichsenring: „Die Clubcommission e.V. Berlin ist mit 220 Mitgliedern das weltweit größte Netzwerk für Clubkultur. Seit dem Jahr 2000 leistet der Verein Hilfestellung bei akuten Problemen, bietet ein spezialisiertes und erfahrenes Netzwerk über die Grenzen Berlins hinaus, führt branchenspezifische Weiterbildungen sowie Beratungen durch, verhandelt Rahmenverträge und vertritt ihre Positionen in parlamentarischen und außerparlamentarischen Ausschüssen sowie bei Anhörungen.

Rot-Rot-Grün hat in dieser Legislaturperiode einige Themen der Clubcommission in den Koalitionsvertrag aufgenommen, die Clubs und Veranstalter helfen sollen. So plant der Senat, nicht-kommerzielle Free Open Airs in der Stadt zu ermöglichen, und beauftragte die Clubcommission mit der Durchführung des Projekts „Model Spaces”, bei dem derzeit an Lösungen zur legalen Durchführung von Spontanveranstaltungen auf städtischen Grünflächen gearbeitet wird. Zudem wurde eine lange Forderung der Clubcommission erfüllt, bei der Ende 2017 ein Lärmschutzfonds (1 Million Euro) vom Senat beschlossen wurde, der finanzielle Mitte für Immissionsschutz bereitstellt. Auch wird mit dem Projekt „Urban Ground Support“ unter der Leitung der Clubcommission ein Dialog mit der Immobilienwirtschaft geführt, um Zwischen- und Langfristnutzungen einzufädeln und zu begleiten.

Aktuell führt die Clubcommission eine großangelegte Studie mit dem Titel „ClubKultur Berlin“ durch, finanziert durch die Senatsverwaltung für Wirtschaft, bei der es um die umfassende Würdigung der Clubkultur als eigenständiger Teil der Kultur- und Kreativwirtschaft beziehungsweise Kulturlandschaft Berlins geht. Neben der dringend nötigen qualitativen Auseinandersetzung mit dem Phänomen Clubkultur geht es insbesondere darum, die wirtschaftliche, kulturelle, soziale und stadtplanerische Bedeutung der Club- und Veranstalterszene in Berlin zahlenmäßig zu erfassen, detailliert zu analysieren und aufzubereiten.

www.clubcommission.de

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