Intervention

Singende Vampir-Tintenfische im Museum für Naturkunde

Im Museum für Naturkunde lassen vier zeitgenössische Künstler Fische Lieder anstimmen und Wale auferstehen – und sie erforschen den Forscherdrang

Carola Radke/ Museum-für Naturkunde Berlin

Im Nassraum des Naturkundemuseums, einem Saal voller geheimnisvoll schimmernder Glaszylinder mit konservierten Fischen, erklingt jetzt zu bestimmten Zeiten Musik der Komponistin Ulrike Haage, die den dort aufbewahrten Meeresbewohnern einen klaren, minimalistischen Sound verpasst hat.

„Mikrooper Wundernetz“ nennt sich dieses Klangerlebnis, das im Rahmen des Modellprojekts Natur/Kunst Teil von vier zeitgenössischen Interventionen ist. Sie interpretieren auf unterschiedlichen Wegen Geschichte, Räume und Artefakte des Museums neu. Und sie lenken den Blick auf ungewöhnliche Prota­gonisten: Hauptdarsteller dieses poetischen Oper-Klangwerks im Nassraum ist zum Beispiel der kleine Vampirtintenfisch, dem der Philosoph Vilém Flusser einen Essay gewidmet hat, den wiederum der britische Dramatiker Mark Ravenhill jetzt kongenial in das Libretto für die Oper eingearbeitet hat.

Der Fisch selber wurde auf einer der ersten deutschen Tiefsee-Expeditionen 1898 entdeckt und ist damit ein gutes Beispiel für den unermüdlichen Forschergeist, der ja bis heute gerade die Arbeit der Naturkundemuseen ausmacht. Diesem hat ein weiterer zeitgenössischer Künstler, der US-Amerikaner Mark Dion, gleich zu Beginn der Ausstellung am Fuße des Dinoskelettes mit Zelt, Kisten und Instrumenten aus der Feldforschung ein Denkmal gesetzt hat.

Die Frage nach der nie nachlassenden Motivation der Forscher über die Jahrhunderte hat auch den israelischen Videokünstler Assaf Gruber bei seiner Intervention interessiert. Die Arbeit „Eine klare Sache“ („The Conspicuous Parts“) thematisiert unter anderem die schwierige Seite dieses lange von keinerlei Bedenken gebremsten Forscherdrangs. Die von ihm eingearbeiteten Filmausschnitte dokumentieren, wie 1967 in der Karibik vor Kuba meterlange Korallenriffe brachial von DDR-Forschern im Auftrag des Naturkundemuseums abgerissen, eingepackt und nach Berlin verschifft wurden. Interessant ist daran nicht nur die von der Defa aufwendig dokumentierte Zerstörung lebender Korallenriffe, auch dass mit Manfred Krug ein Star die Sprecherrolle übernommen hat, zeugt von der damaligen Überzeugung, völlig rechtens zu handeln.

Die vierte Intervention der Turner-Prize-Gewinnerin Elisabeth Price beschäftigt sich auch mit menschengemachter Zerstörung, allerdings sind es hier die Kriegszerstörungen im Museum, die im Fokus stehen. Dafür hat sie ein bisher verhängtes Fenster zum Innenhof geöffnet und so die Erinnerung an die genau dort bis zu einem Bombenangriff 1945 beheimatete „Walhalle“ mit ihrem beeindruckend großen Grönlandwalskelett geweckt. Mit dem Projekt „Berlinwal“ nähert sie sich dieser nie wieder aufgebauten Halle und den Walen, deren Skelettteile heute in verschiedenen Sektionen des Museums aufbewahrt werden, an, und fügt sie zumindest in einer sehr schönen, dort als Faltbuch ausliegenden Geschichte wieder zu einer Einheit von Raum und Tier zusammen.

Museum für Naturkunde Invalidenstr. 43, Mitte, Di–Fr 9.30–18, Sa+So 10–18 Uhr; Uraufführung „Wundernetz“ 12.2, 18.30+19.30 Uhr, weitere Termine: 19.2, 26.2, 5.3 jeweils 18.30+19.30 Uhr, bitte anmelden unter kunst@mfn-berlin.de (Eintritt frei); alle weiteren Interventionen sind im Rahmen der normalen Ausstellung zu sehen

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