Kultur & Freizeit in Berlin

Situation der Berliner Kinder- und Jugendtheater

Am Katzentisch: Die großen Bühnen bekommen mehr Geld, aber die Kinder- und Jugendtheater bleiben ?unterfinanziert - besonders sozialdemokratisch ist diese Kulturpolitik nicht.

Situation der Berliner Kinder- und Jugendtheater

Unter dem Begriff „Katzentisch“ findet man bei Wikipedia das Bild einer depressiv dreinblickenden Kinderschar mit albernen Hütchen auf dem Kopf, die an grellbuntem Plastikmobiliar sitzt. Das passt. Das Wort fällt dieser Tage nämlich häufiger, wenn die Leiter der Berliner Kinder- und Jugendtheater ihre Lage beschreiben sollen. „Wir werden an den Katzentisch verwiesen, mit kleinem Geld für kleine Leute“, beklagt etwa Grips-Intendant Stefan Fischer-Fels. „Und das nach so vielen Jahren Kampf“. Was keine polemische Zuspitzung ist. Sondern kulturpolitische Realität.
In den kommenden zwei Jahren wird der Berliner Kulturhaushalt um 49 Millionen wachsen. Schöne Sache eigentlich. Einige der großen Sprechtheater profitieren davon, auch die freie Szene. Allein die Volksbühne soll nach dem Ende der Intendanz Castorf ab 2017 stolze  4,35 Millionen Euro mehr bekommen – ein Luxus-Zuschlag. Aber diejenigen, die die Aufbauarbeit leisten, um Kinder und Jugendliche Menschen für das Theater zu entflammen, gehen größtenteils leer aus. Ob Grips, Parkaue, Atze, Theater Strahl oder Theater o.N. – keine der professionellen Kinder- Jugendbühnen wird halbwegs fair und auskömmlich angemessen ausgestattet.
„Die Ignoranz, auf die Unterfinanzierung nicht zu reagieren, können wir nur als politische Aussage werten: Kinder- und Jugendtheater hat für Berlin keinen Stellenwert“, heißt es in einem offenen Brief, den die Leiter von Grips, Parkaue, Atze, Strahl und o.N. schon im Spätsommer aufgesetzt haben. Ohne Resonanz.
Das ist für Staatssekretär Tim Renner – der wohl dachte, mit fetten Schecks im Handstreich die gesamte Berliner Kulturlandschaft befrieden zu können – ein neuerliches Armutszeugnis. Ausgerechnet die Kindertheater zugunsten einer üppig subventionierten Volksbühne im Regen stehen zu lassen, ist ein merkwürdiges Amtsverständnis des sozialdemokratischen Kultursenators und Regierenden Bürgermeisters Müller.
Berlin gebe jährlich 21,84 Euro pro minderjährigem Einwohner im Kulturbereich aus, rechnete Renner unlängst vor, mehr als Köln oder München. „Dass die Not anderswo größer ist, ist kein Ruhmesblatt“, betont Grips-Chef Fischer-Fels. Vermutlich würde der Staatssekretär die Kinder- und Jugendtheater erst dann ernst nehmen, wenn Heerscharen spanischer Kids per Easy Jet nach Berlin düsen würden. „Renner“, bilanziert Sabine Bangert, kulturpolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, „scheint immer noch nicht begriffen zu haben, dass er Staatssekretär für Kultur ist, nicht für Kreativwirtschaft“. Allein die Einnahmesituation der City Tax hätte eine substanzielle Etaterhöhung für die Berliner Kinder- und Jugendtheater locker hergegeben, so Bangert. „Bloß scheint die Koalition der Meinung zu sein: die kommen schon irgendwie klar“. Missachtung mit Vorsatz.
Dabei sind die Kindertheater ein Muster an Wirtschaftlichkeit. Das Grips hatte 2014 eine Auslastung von 83 Prozent, die Parkaue 82 Prozent, zusammen zogen allein diese beiden über 160.000 Besucher an. Damit liegen die Häuser bei der Platzauslastung vor dem Deutschen Theater (77%) und der Volksbühne (71%). An den ermäßigten Vormittags-Vorstellungen für ihre Kernklientel, die Schulklassen, verdienen sie so gut wie nichts. Sie müssen ihr Geld – wie im Falle des Grips – über die Abendvorstellungen einspielen. Er könne, ätzte unlängst Grips-Gründer und – Geschäftsführer Volker Ludwig, das Haus auch zum Musicaltheater umbauen und nur noch „Linie 1“ spielen.
Mit der Forderung nach vergleichsweise mickrigen 150.000 Euro mehr pro Jahr hat sich Ludwig in Brandbriefen immer wieder an die Kulturpolitiker gewendet. Bekommen soll das Grips nun lediglich 50.000 Euro mehr. Das dürfte nicht einmal die höheren Kosten durch Tariferhöhungen und Inflation ausgleichen– und nichts am strukturellen Defizit des weltbekannten Hauses ändern, das jährlich mit 2,8 Millionen Euro gefördert wird.

Situation der Berliner Kinder- und Jugendtheater

Zum Vergleich: Chris Dercon, der designierte Volksbühnen-Chef, bekommt allein für den Prater, die Nebenspielstätte der Volksbühne, 160.000 Euro in 2016 und 540.000 Euro in 2017 an sogenannten investiven Mitteln draufgelegt. Um dort, nach Bangerts Informationen, Tanz stattfinden zu lassen. Momentan spielt an der Kastanienallee das Kindertheater an der  Parkaue, während ihr Haupthaus in Lichtenberg renoviert wird. Freilich ohne zusätzliche Mittel. Seit Kay Wuschek 2005 als Intendant an der Parkaue angetreten ist, wurde stattdessen „der Etat kontinuierlich nach unten gefahren, um insgesamt 1,6 Millionen Euro einzusparen“, rechnet der Theaterleiter vor.
Die Großzügigkeit der Kulturpolitik hat auch Grenzen, wenn es um das Theater Strahl geht. Die Bühne, die jüngst für ihre großartige Produktion „The Working Dead“ mit dem begehrten Theaterpreis Ikarus ausgezeichnet wurde, kämpft schon lange vergebens darum, eine eigene Spielstätte am Ostkreuz in Betrieb nehmen zu können – statt wie bisher zwischen Schöneberger Jugendzentrum, Admiralspalast und Probebühne nomadisieren zu müssen. Der Umbau am Ostkreuz würde 3,5 Millionen Euro kosten. Nicht viel mehr, als Chris Dercon allein für die Vorbereitung seiner Voksbühnen-Intendanz erhält. Und das Theater o.N., das unter anderem an der Berliner Peripherie wertvolle Jugendprojekte auf die Beine stellt, darf sich als freie Spielstätte mit momentan 70.000 Euro Basisförderung begnügen. Schieflagen, wohin man schaut. Das  ist nicht sozial und ganz sicher auch nicht nicht sozialdemokratisch.  

Text:
Patrick Wildermann

Fotos:
Joerg Metzner, Grips

Adressen:

GRIPS? Altonaer Str 22,?Karten-Tel. 39 74 74 -0 / -77?? www.grips-theater.de

THATER AN DER PARKAUE
?Parkaue 29?Karten-Tel. 55 77 52 -51 / -52 / -53? www.parkaue.de??

THEATER STRAHL
?Altonaer Str 22,?Martin-Luther-Straße 77?Karten-Tel. 69 59 92 22 ?www.theater-strahl.de

ATZE MUSIKTHEATER
?Luxemburger Str. 20?Karten-Tel. 817 991 88 ?www.atzeberlin.de

??THEATER O.N. ?Kollwitzstraße 53?Karten-Tel. 440 92 14? www.theater-on.com

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