Kino & Film in Berlin

„Somewhere“ im Kino

Sofia Coppola erkundet in ihrem neuen Film die unglamouröse Lebenswelt eines jungen Hollywoodstars. Eine Begegnung mit der Regisseurin, die selbst die undramatischen Momente am meisten liebt.

Somewhere

Wieder und wieder zieht der schwarze Porsche seine einsamen Runden auf dem Racetrack. Es ist eine leere Raserei, nur moduliert durch das an- und abschwellende Röhren des Motors. Als die Monotonie endlich auch den Fahrer erreicht hat, verebbt die gleichförmige Bewegung vor der Kamera. Johnny Marco (Stephen Dorff) steigt aus seinem Wagen und steht nun selbst ganz still gestellt am Rand der Rennbahn. Die höhepunktlose Szene ist der unglamouröse Auftakt zu einem insgesamt erstaunlich unglamourösen Film – jedenfalls, wenn man gewöhnliche Erwartungen mit seinem glitzernden Sujet verbindet.
„Somewhere“ ist das Porträt eines Jung­stars in Hollywood, aber der Blick auf seinen Alltag hat wenig zu tun mit den aufgekratzten Klischees über das Leben in den höheren Sphären der Filmindustrie, sieht man von dem Treppenabsatz ab, den Marco betrunken herunter stolpert, um mit gebrochenem Arm liegen zu bleiben. Es ist der Abend nach dem Rennen und wie es aussieht, hat der Schauspieler damit zum zweiten Mal gegen sich selbst verloren.
Die leere Bewegung des Beginns nimmt Sofia Coppolas Film immer wieder auf. Das Leben des Helden ist ein mäßig bewegter Fluss, übersetzt in Szenen, die so ausgedehnt sind, wie es der Rhythmus des Alltags vorgibt: Playstation-Gedaddel, Sitzungen im Special-Effects-Studio oder kurze Sexeskapaden, die Marco hernach prägnante Textmessages eintragen: „Why are you such an asshole!?“.
Sofia CoppolaEin Leben, das beschaulich um sich selbst kreisen darf, bis die elfjährige Tochter Cleo (Elle Fanning) ungelegen vor der Tür seiner Suite im Hotel Chateau Marmont in den Hollywood Hills steht und für ein paar Sommertage versorgt werden will.
Es geht in „Somewhere“ nicht um Höhepunkte, das will schon der Filmbeginn auf der Rennbahn klarstellen: „Ich wollte zeigen, in welchem Zustand sich die Figur an diesem Punkt ihres Lebens befindet“, sagt Coppola. „Ich wollte es in Echtzeit zeigen, damit man als Zuschauer die Monotonie spüren kann, die er selbst empfindet. Das war die Idee. Und zugleich sagt es dem Publikum, wie das Tempo des Films sein wird – und dass man gleich gehen kann, wenn man das nicht mag.“
Es ist ein unerwartet deutlicher Moment in einem Gespräch, in dem vieles im Vagen bleibt, auch das muss man mögen. Sofia Coppola sitzt in einer Hotelsuite am Gendarmenmarkt am Kopf einer leeren Tafel. Am Tag zuvor gab es hier Roundtable-Interviews mit jeweils elf Journalisten, jetzt muss sie sich zwanzig Minuten lang nur auf einen Gesprächspartner konzentrieren und tut das mit ihrem berüchtigten Gleichmut, der auch offenbart, wie wenig der kontemplative Erzählstil ihrer Filme Kalkül oder Pose ist und wie sehr Ausdruck ihrer Persönlichkeit.
Auch in der eigenen Rede interessiert sie sich mehr für kleine, undramatische Momente als für große Bewegungen. Die Frage drängt sich auf, ob sie das Interviewgeschäft als so grotesk wahrnimmt wie im Film, in dem sie ihren unausgeschlafenen Helden mit ziemlich einfältigen Pressevertretern konfrontiert? „Nein“, entgegnet Coppola. „Grotesk würde ich es nicht nennen, es ist nicht so schlimm. Ich versuche, das Leben der Figur zu zeigen, und diese Art von Press Junkets ist nicht ihr liebster Zeitvertreib.“ Coppola bleibt unaufdringlich, wie ihr Kino.
Als Tochter von Francis Ford Coppola ist sie in einer eigenen Parallelwelt aufgewachsen, nicht in Beverly Hills, sondern auf dem Coppola-Weingut im Napa Valley nördlich von San Francisco, das der Regisseur in den Siebzigern erworben hatte. Die Stars kamen zu ihnen oder die Kinder umgekehrt an die Drehorte der Filme. Ihren ersten eigenen Auftritt in einem Film hatte sie schon als Neugeborenes 1971 in der Hochzeitsfeier-Szene in „Der Pate“, mit vier Jahren spielte sie auf den Philippinen am Set von „Apocalypse Now“ und freute sich über die Explosionen, die Helikopter, den Dschungel. Auch später organisierte der Vater Kameramomente für sie in seinen Filmen. Der letzte erwies sich als giftiges Geschenk. Es war die ad-hoc übernommene Rolle der Corleone-Erbin in „Der Pate III“, ein Engagement, für das sie die Schule verließ. Hämische Kritiker ätzten über ihr Spiel und übersahen, dass sie nicht uncharmant eigentlich nur sich selbst vor der Kamera präsentiert hatte.

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