Theater und Bühne in Berlin

Sommertheater Saison 2012 in Berlin

Die Sommertheatersaison bietet Shakespeare-Verwirrspiele mit Gender-Gaudi, Mord und Totschlag nach Agatha Christie, einen luftigen „Sommernachtstraum“ und Spuk unterm Riesenrad

Was_ihr_wollt_HexxenkesselHoftheater„Hier gibt der Wahnsinn sich die Klinke in die Hand“, stöhnt Sir Andrew, während sich um ihn herum gerade all die falschen Männer und Frauen fürs große Liebesfinale enthüllen. Und schickt den Stoßseufzer hinterher: „Und das jetzt jeden Abend, bis September!“ Sir Andrew – beziehungsweise Schauspielerin Carsta Zimmermann – hat’s wirklich nicht leicht. In Berlin ist die Sommertheatersaison angebrochen, die Zeit der zahlreichen Freiluft-Shakespeares und sonstigen Open-Air-Events in Parks und auf Grünflächen. Für alle, die sich einfach nicht mit Biergarten und Badesee begnügen können. Wir haben uns umgesehen.

MITTE: VERLÄSSLICH GUT
Illyrien liegt jetzt im Monbijoupark. Die Spieler des Hexenkessel Hoftheaters – Veteranen der Draußengaukelei seit 1994 – ziehen Shakespeares Verwirrlustspiel „Was ihr wollt“ auf. Die Geschichte der schiffbrüchigen Viola (Ina Gercke), die als fescher Bursche Cesario verkleidet beim Grafen Orsino (Vlad Chiriac) anheuert und sich stürmisch in ihn verliebt. Orsino hat sich aber schon in Olivia (Rebekka Köbernick) verguckt, die ihr Herz wiederum an den falschen Cesario verliert. Da kommt’s schon mal zum Konfusionskuss zwischen echten Kerlen und Frauen in Männermaskerade. Hexenkessel-Stammregisseur Jan Zimmermann inszeniert die große Gender-Gaudi in eigener Fassung und erprobter Commedia-dell’arte-Manier. Die Kostüme sind schreiend bunt, die Anzüglichkeiten sitzen, das Tempo stimmt. Spätestens wenn Hexenkessel-Zugpferd Carsta Zimmermann als angesoffener Narr Sir Andrew einen mehrminütigen Slapstick-Kampf mit dem eigenen Degen hinlegt, herrschen auch im Publikum Entgrenzungszustände. Selbst an ziemlich wettermauen Abenden finden sich rund 200 Zuschauer auf den hölzernen Tribünen des Amphitheaters ein, die Atmosphäre: mindestens halbtoskanisch. Pizza und Getränke dürfen mit rein, und am Ende haben alle das Gefühl, das Stück sei ihnen im Sinne des Erfinders erzählt worden. Das Hexenkessel Hoftheater ist so etwas wie das Rundum-sorglos-Paket unter den Open-Air-Events.

 

Sturm_Shakespeare_CompanySCHÖNEBERG: AUFERSTANDEN AUS RUINEN
Im Natur-Park Südgelände in Schöneberg steht ebenfalls der große William auf dem Spielplan. Hier hat die Shakespeare Company Berlin ihre Sommerheimat gefunden. Eigentlich planen die Anglo-Aficionados unter ihrem künstlerischen Leiter Christian Leonard ja seit Jahren ein originales Globe Theatre in der Stadt zu errichten. Zuletzt bekamen sie von Roland Emmerich die Kulisse seines Shakespeare-Reißers „Anonymous“ geschenkt – und mussten feststellen, dass allein der Abtransport vom Studio Babelsberg rund 50?000 Euro gekostet hätte. Ein Versuch, die teure Hütte über Ebay zu versteigern, scheiterte ebenfalls. Happy End: Einzelteile aus dem Emmerich-Globe wurden jetzt für die Zuschauertribünen im Südgelände verbaut. Man muss allerdings festhalten: Die Arbeiten der Shakespeare Company standen nie auf so wackligen Füßen wie das Globe-Projekt. Ihre Inszenierungen – wie der wieder aufgenommene „Sommernachtstraum“ in der Regie von Doris Harder – sind unprätentiös und auf der Höhe der Zeit. Sie fügen sich auch bestens in den Naturpark: ein Areal, das vormals der Rangierbahnhof Tempelhof war und dessen überwucherte Industrieruinen einen ganz eigenen Charme besitzen. Zwar müssen die Schauspieler gelegentlich mit der nahen S-Bahn konkurrieren. Aber meistens gewinnt die Kunst.

 

Krimitheater_StrausbergSTRAUSBERG: JANZ WEIT DRAUSSEN
Die Endhaltestelle der S5 heißt Strausberg Nord. Von hier geht’s in einem Shuttle in Taxigestalt weiter zum Lakeside Burghotel zu Strausberg. Ein Vier-Sterne-Wellnesstempel mit der Anmutung einer Ritterburg. Der ausliegende Flyer preist für den Juli „Gaumenfreuden im Zeichen der Erdbeere“ an. Außerdem auf dem Programm: Augenfreuden im Zeichen von Agatha Christie. Das Berliner Kriminaltheater, sonst in Friedrichshain ansässig, hat im Innenhof der Luxusherberge seine Zelte aufgeschlagen. Beziehungsweise seine Klappkulissen im 50er-Jahre-Stil. Jeden Samstag gibt’s jetzt Mord und Totschlag mit wechselnden Stücken. An diesem Abend wird die „Mausefalle“ gespielt, im plüschigen Set aus Sofa, Kamin, Telefontischchen. Mit entsprechend werktreuer Hingabe chargieren die Schauspieler sich durch den anstehenden Kriminalfall. Wenn ein Toter entdeckt wird, werden spitze Schreie ausgestoßen, und der ermittelnde Kommissar sieht aus wie – na ja, Berliner East End eben. Es ist ein Ausflug wie eine Zeitreise.

 

Spuk_unterm_RiesenradTREPTOW: SPASS FÜR ENTDECKER
Wer als Besucher aufs Gelände will, bekommt eine rote Signalweste umgelegt. Damit man unterscheidbar ist „von den Illegalen“, wie der freundliche Herr von der Securityfirma erklärt. Jenen Rowdys, die heimlich übers Tor klettern. Seit zehn Jahren liegt der Spreepark in Treptow abgeriegelt brach, verwittern die Karussells und Amüsierbuden, die der Schausteller und Bankrotteur Norbert Witte hier errichtet hat. In dieser ruinierten Kirmes hat sich der ehemalige Verteidigungsminister zu Guttenberg mal als Bezwinger eines umgestürzten Dinosauriers ablichten lassen, ihm zu Füßen die ergebene blonde Frau. Unterm verrosteten Riesenrad wartet schon Anne Diedering. „Hören Sie das?“, fragt die Regisseurin und lächelt: „Wirklich spooky.“ Wenn der Wind die quietschenden Gondeln bewegt, klingt es, als würden einem Kinderchor Daumenschrauben angelegt. „Spuk unterm Riesenrad“ heißt das Projekt, das sie hier aufzieht.  
In der DDR war die gleichnamige Serie in den frühen 80ern erfolgreich. Trashiger Geisterspaß für die ganze Familie, und genauso wollen Diedering und ihr Team die Chose auch in Gang bringen. Es geht um die Abenteuer der Kinder Tami und Keks, die in der großelterlichen Geisterbahn versehentlich die Märchenfiguren zum Leben erwecken. So landen Rumpelstilzchen und Co im heutigen Berlin, am Alex zum Beispiel. Ob sie dort auffallen? Diedering jedenfalls verspricht stilechte Rummelplatz-Atmo inklusive Softeis und Zuckerwatte. Seit Langem wird versucht, Investoren für den Spreepark zu gewinnen, erst langsam kommt Bewegung in die Sache. Die Künstler reißen sich derweil geradezu um das Areal. Kein Wunder, es ist der mit Abstand attraktivste Spielort dieses Sommers.

 

UtopiaTMKREUZBERG: AVANTGARDE FÜR ALLE
„Excuse me, are you the artist?“, fragt der polyglotte Berber mit dem Cowboyhut, der bis eben auf der Wiese gesessen und skeptisch beobachtet hat, wie der Amerikaner Maxwell Flaum durch den Görlitzer Park führt. Es ist die Berliner Variante des New Yorker Shakespeare in the Park. Nur eben nicht mit Hollywoodstars, sondern zwischen grillenden Großfamilien und Gammlern, die mit einem alten Eisen Golf spielen. Im vergangenen Jahr haben Flaum und seine Mitstreiter hier „Henry IV“ in komplett modernisierter Fassung gespielt. In diesem Jahr heißt ihr Projekt „Utopia TM“. Das steht für „Trade Mark“, aber auch für „Thomas More“. Ein komplett unbekanntes Stück, das Shakespeare als Teil eines Autorenkollektivs geschrieben haben soll. Gespielt wird es fast nie, „aus gutem Grund“, wie Christina Kettering lacht, die Koautorin von „Utopia TM“. Flaum und Kettering erzählen aber sowieso ihre ganz eigene Geschichte. Sie lassen Heinrich VIII. und seinen Zeitgenossen, den „Utopia“-Autor Thomas Morus, aufeinandertreffen und sich im Ausverkauf der Ideale überbieten. Wobei sie mühelos den Bogen von der elisabethanischen Ära zur Occupy-Bewegung schlagen. Begleitet von der kanadischen Band Trike, die sonst in der Berliner U-Bahn auftritt, geht’s auf den kollektiven Rundgang durch verschiedene Plätze im Park, die Setdesigner Alberto Di Gennaro gestaltet hat. Der Eintritt ist frei. Das Projekt finanziert sich – wie übrigens auch „Spuk unterm Riesenrad“ – übers Crowdfunding auf der Internetplattform Start­next.de. Echtes Entdeckertheater für alle.      

Text: Patrick Wildermann
Fotos: Bernd Schoenberger, Susanne Schleyer/Autorenarchiv, Kathrin Heller

 

Hexenkessel Hoftheater
Monbijoupark, Monbijoustraße 2,
„Was ihr wollt“, Di–Sa, 21.30 Uhr;
„Mirandolina“, Di–Sa, 19.30 Uhr;
Karten-Tel. 288 86 69 99,
www.amphitheater-berlin.de

Shakespeare Company Berlin
Natur-Park Schöneberger Südgelände, Prellerweg 35, Open Air, bei Regen in der Lokhalle
Anfahrt: S2/S25 bis S-Bahnhof Priesterweg,
„Ein Sommernachtstraum“, Mi 1.8., 20 Uhr,
Karten-Tel. 21 75 30 35,
www.shakespeare-berlin.de

Kriminaltheater Open Air
The Lakeside Burghotel zu Strausberg, Gielsdorfer Chaussee 6, Open Air (Regencapes 2 Euro)
Anfahrt: S5 bis Strausberg Nord, kostenloser Shuttleservice bei Voranmeldung unter 0334-13 46 90,
Vorstellungen: Sa 21.7., 20 Uhr: „Der Mörder ist immer der Gärtner“;
Sa 28.7., 20 Uhr: „Mord im Pfarrhaus“;
Karten-Tel. 0334-13 46 90/47 99 74 70,
www.burghotel-strausberg.de

Spuk unterm Riesenrad
Spreepark, Kiehnwerder Allee 1–3,
Anfahrt: S-Bahnhof Plänterwald (der Straße Am Plänterwald in den Treptower Park folgen, ca. 10 min Fußweg),
Vorstellungen: 18.–20.7., 22.7., 25.–29.7.,
Karten u. Kontakt: www.spuk-unterm-riesenrad.de

Shakespeare im Park
Görlitzer Park,
Anfahrt: Treffpunkt jenseits des Kanals, Lohmühlenstraße/Ecke Jordanstraße,
Vor­stellungen: „Utopia TM“, Fr 27.7., 19 Uhr (Premiere), auch Do 2.8. und weitere Termine bis 19.8.,
Eintritt frei,
Karten u. Kontakt: www.shakespeareimparkberlin.org

 

 

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