Kino & Film in Berlin

„Somnambule“ im Brotfabrik-Kiez in Weißensee

Mehr als nur ein Filmfest: Die Somnambule - Erstes Internationales Caligari-Festival ist interdisziplinäres Spektakelund kulturelles Entwicklungsprojekt.

Das Cabinett des Dr. Caligari

In Weißensee, am nördlichen Ende der Prenzlauer Allee, liegt der Caligariplatz, eingerahmt von einer Autovermietung, Imbissen, dem Lokal „Zille an der Spitze“ und dem Kunst- und Kulturzentrum Brotfabrik. Erst vor acht Jahren wurde der kleine, mit schwarzen und weißen Gehwegplatten gepflasterte Platz auf Anregung der Brotfabrik-Macher nach der Titelfigur von Robert Wienes „Das Cabinet des Dr. Caligari“ umbenannt. „Es gibt nicht viele Orte in Berlin, die einen Namen mit Kinobezug haben,“ erklärt Claus Löser, Filmwissenschaftler und Brotfabrik-Programmgestalter, nicht ohne Stolz, „und der Platz hier ist sogar einem Film-Bösewicht gewidmet!“. Wienes 1920 entstandener Klassiker erzählt von einem Wahnsinnigen, der einen unter seiner Kontrolle stehenden Schlafwandler für blutrünstige Taten benutzt. Gedreht wurde „Caligari“ in spek­takulären Dekors im Lixie-Atelier in Weißensee, nicht weit von Platz und Brotfabrik entfernt, die jetzt Ausgangspunkt und Veranstaltungsort der von Löser und Festival-Leiter Nils Foerster konzipierten „Somnambule“ ist.

SomnanbuleDie international und interdisziplinär gestaltete, zehntägige Veranstaltung widmet sich Wienes Film, seiner eigenwilligen Sogwirkung und Strahlkraft bis in die Gegenwart – aber das Festival will auch den Kiez mit einer konzentrierten Caligari-Injektion beleben. So zeigt das „Erste Internationale Caligari-Festival“ natürlich Wienes Stummfilm, zur Eröffnung live vertont von dem französischen Avantgarde-Musiker Thierry Zaboitzeff, zum Abschluss noch einmal von Mars Brennen und Kerry Klonk vom Berliner Doomcore-Projekt „Voltron.“ Dazu kommen neun andere Produk­tionen, deren Bezug zum Ur-„Caligari“ mal offensichtlich, mal erst auf den zweiten Blick erkennbar wird. An Georg C. Klarens Büchner-Verfilmung „Wozzeck“ (1947) hat beispielsweise „Caligari“-Austatter Hermann Warm mitgearbeitet, „Orlacs Hände“ (Robert Wiene, 1924) und „Mad Love – The Hands Of Orlac“ (Karl Freund, 1935) sind Nachfolge-Projekt respektive Hollywood-B-Movie. Dazu kommen weitere filmische Auseinandersetzungen mit „Caligari“, progressiv bis postmodern: „Die letzte Rache“ (Rainer Kirberg, 1982) verbindet die Ästhetik von Wienes Film mit der Musik des deutschen Avantgarde-Projekts „Der Plan“. Rosa von Praunheim benutzt „Caligari“-Motive für seine Ode an die legendäre Anita Berger („Anita – Tänze des Lasters“, 1988) und Jodorowsky übernimmt für „Santa Sangre“ (1989), Schlüsselideen aus Wienes Film für eine eigene, verstörende Auseinandersetzung mit Macht und Missbrauch.

1 | 2 | weiter

Kommentiere diesen Beitrag

Kommentiere diesen Beitrag

[fbcomments]