Musik & Party in Berlin

Sookee

Sookee
Foto: Mario Thieme

Auf ihrem neuen Album haut die Berliner Rapperin einheimischen Macho-MCs wortgewandte Zeilen und queerfeministische Ideen um die Ohren.

Wenn Sookee ihre Fäuste zeigt, dicht nebeneinander, steht auf ihren Mittelhandknochen „Word Nerd“. Als „Wortfetischistin“ sieht die Rapperin sich selbst, eine Vers-Verrückte, in deren Reimkaskaden kein Wort unüberlegt scheint. Ihre Liebe zum Texten und Sinnsuchen hat Sookee nicht nur in die Haut eintätowiert; sie hat auch einen Track gleichen Titels geschrieben. Darin wirft sich die Berlinerin mit MC-Kollegin Bad Kat Sätze zu und beschwört die Macht des HipHop: „Ich saug‘ Silben aus der Atmosphäre, bau‘ mir einen Sinn daraus / Ich ringe mit den Dingern und sie raten mir: Los, gib‘ nicht auf“, reimt sie oder: „Ich deal‘ so lange mit der Line, bis wir uns einig sind / Dreiste Doofis sagen, dass ich damit kleinlich bin.“

Sobald Sookees Zeilen über wabernde Synthbässe und knackende Computerbeats fließen, braucht es volle Konzentration, denn die Berlinerin ist meist auf der Überholspur unterwegs. Das ist auch abseits des Mikrofons so, wenn sie im Cafй in Kreuzkölln die Gedanken hinter ihren Versen erläutert, die in den Überzeugungen des Queerfeminismus wurzeln. Eine Denkrichtung, die die 29-Jährige als Studentin der Linguistik und Gender Studies kennenlernte.

Sookee
Foto: Mario Thieme

Von Bitches, Fags (für Faggots: Tunte, Anm. d. Red.), Schlampen und Schwuchteln wimmelt es auf ihrem dritten Album. Frech, stolz und scharf betont kriegen die Schimpfworte einen guten Bounce – so wie im Titelstück „Bitches, Butches, Dykes & Divas“, das sich mit seinem marschierenden Rhythmus als Ohrwurm einnistet. Als Hymne des Berliner Slutwalks 2011 schallte der Track aus den Lautsprechern.
„Ich finde es spannend, wenn es Leute schaffen, solche Begriffe für sich anzunehmen, um andere damit zu entmachten“, erklärt die Tochter eines Dissidentenpaars aus der DDR. „Ich erwarte nicht, dass sich jemand tatsächlich selbst als ‚Schlampe‘ bezeichnet. Aber die Möglichkeit ist doch fein, dass man etwas entgegensetzen kann, wenn jemand sagt: Ich bezeichne dich als Slut und mach‘ dir damit eine Scheißzeit.“ Der Vorgang, Begriffe umzudrehen und mit eigenen ­Ideen aufzuladen, heißt im Gender-Vokabular „Reclaiming“. Wenn es so etwas sogar in den Mainstream schafft, ist Sookee begeistert: Peaches etwa mit Schlagworten а la „Fatherfucker“ oder „Shake your Dick!“.

Mit ihren Ansichten zu Rap und Queer-Feminismus ist Sookee ein gern gesehener Gast bei Workshops und Tagungen zur Jugendkultur. Am Rednerpult macht sie dann das, wofür in Liedtexten nicht ausreichend Platz ist, und nimmt sich Tracks von Macho-Rappern vor, wie „Du Opfer“ von Fler und B-Tight, „No Homo“ von Sentino, Kool Savas‘ „Monstershit“ oder Stücke von Ercandize, Snaga, Bushido und Sido.

„Das nervt, dieses Gangsta-Battle-Pornorap-Thema“, sagt Sookee, „das hat schon in Berlin seine Wiege. Aber ich bin eben auch in Berlin mit HipHop sozialisiert worden.“ Musik des Schöneberger Aggro-Berlin-Labels hat damals ihre Schulzeit belebt, trainierte ihre heute geschliffenen Skills als eines der wenigen Mädchen inmitten einer Truppe großmäuliger Jungs. Dass damit etwas faul ist, merkte sie erst später. „Es hat mich eine Menge gekostet zu erkennen, was ich da unterstütze, mir auch zuzugestehen, was ich da teils für ­Scheiße gebaut habe, und dann die komplett gegenteilige Seite einzunehmen.“ Die früheren Gefährten habe ihr Umdenken schwer irritiert. „Dann hieß es: Du Sprach-Nazi, warum kann ich nicht ‚Bitch‘ sagen, wir sind doch cool miteinander, wo ist das Problem?“

Auf „Bitches Dykes And Divas“ finden sich nicht nur Songs mit dampfsprühendem Agitprop, sondern ebenso viele nachdenklichere oder auch partyselige Stücke, in denen die Wahl-Neuköllnerin von einer guten Nacht im Club erzählt, von dem Spektakel, sich chic in Crossdresser-Schale zu werfen („D.R.A.G.“), von ernsten Beziehungsdesastern oder schönen Flirts. Als Einladung auf die Tanzfläche funktioniert die Platte ebenso gut wie als eloquentes Manifest für queeren Lebensstil.