Straßentheaterfestival

„Berlin lacht!“ in Mitte

Spielort Straße: Das Straßentheaterfestival „Berlin lacht!“ macht ­seit mehr als einer Dekade aus dem Unort Alexanderplatz ein ­Spielfeld des Staunens und der Utopie.

Foto: PROMO

Von wegen Shakespeare. Der Lichtgestalt des Welttheaters bedeuteten doch gerade mal die Bühnenbretter die Welt. Dem Straßenkünstler dagegen ist alles Bühne. Die ganze Welt. Naja, zugegeben, oftmals reduziert sie sich dann doch auf ein paar zugige Fußgängerzonen. Aber das hat schlicht praktische Gründe, keine künstlerischen. Der Straßenkünstler ist da, wo er ein nennenswertes Publikum vermutet. Ohne Zuschauer wäre das schließlich überhaupt kein Auftritt, das wäre allenfalls eine Probe. Der Straßenkünstler agiert öffentlich und sorgt dafür, dass wir alle hin und wieder einen Blick auf andere Möglichkeiten werfen. Und so das Staunen nicht verlernen.
So bringt Straßenkunst Kultur völlig unelitär unters Volk. Doch bis 2005, bis zur ersten Ausgabe des Festivals „Berlin lacht!“ hießen die weltstädtischen Orte, in denen in Deutschland der Straßenkunst institutionell ein Forum geboten wurde, Detmold, Görlitz und Heppenheim. Beim Festival in Avignon machen Straßenkünstler die ganze Stadt zum Theaterplatz, in Paris haben sie den Montmartre und das ­Centre Pompidou als ­Bühne. Hierzulande hatte Straßenkunst eher den faden Geschmack bundesdeutscher Fußgängerzonen in einheitlicher Pflasterung, zwischen normierten Betonkübeln.

Zwischen Posse und Politik
Das hat sich mit „Berlin lacht!“ gründlich geändert, wenngleich der Alexanderplatz, auf dem das auf dem Kreuzberger Mariannenplatz geborene Festival seit 2010 allsommerlich seine temporären Bühnen aufschlägt, erstmal wenig heimelig anmutet. Insgesamt werden in diesem Jahr 150 Künstler in 684 Shows auftreten. „Die Künstler mögen den Alexanderplatz“, sagt Stefanie Roße, Initiatorin und Organisatorin seit Anbeginn, „weil man hier trotz der geschützten Festivalsitua­tion ganz nah am echten Straßenfeeling auftritt.“ Nun machen Straßenkünstler ja mitunter verrückte Sachen, stolpern über Requisiten, ziehen ihre Jacke verkehrt rum an, solche Dinge halt. Sie tun geflissentlich alles, um die Aufmerksamkeit ihres arttypisch flüchtigen Zufalls­publikums zu erhalten. Gerne auch unter Einbeziehung desselben. Da wird geschickt ein Absperrband ausgerollt, die Enden jeweils einem Zuschauer zum Festhalten gegeben und während, allez hopp!, die Show vermeintlich noch vorbereitet wird, balanciert der Gaukler bereits auf dem Grat zwischen erfüllten Erwartungen und Überraschungseffekten.
Der Straßenperformer ist Anarchist und Narr, kunstfertig und komisch, er ist überraschend – aber nicht anstrengend. Wer Unterhaltung sucht, der möchte, dass seine Aufmerksamkeit gefesselt wird, ohne dass er sich strapazieren muss. Der Zuschauer hat schließlich noch ein paar Einkäufe zu erledigen. Wie gut der Künstler war, zeigt sich bei der Abstimmung mit dem Hut. Doch selbst der Beste hat immer wieder „funny money“ in der ­Kappe, ausländische Münzen, Knöpfe, so was. Auch der Senat hat für „Berlin lacht!“ kein Geld, das Umsonst-und-draußen-Festival finanziert sich durch die Gebühren der Standbetreiber und muss seit diesem Jahr auch noch die Umsetzung hoher Sicherheitsauflagen selbst finanzieren.
In den jungen Jahren der alten Bundesrepublik wollte das Straßentheater mehr als „nur“ unterhalten. In den 1960er/70er-Jahren, als viele Menschen meinten, mit der rechten Politik und linken Einstellung etwas zum Besseren verändern zu können, da verstand sich Straßentheater mit aufklärerischem Impetus als Alternative zum traditionellen Theater. Es war Kultur von unten, sah seine Ursprünge im Arbeiter­theater, das zur Zeit der Sozialistengesetze in Deutschland (1879 bis 1890) entstand, sowie im kommunistisch geprägten Agitprop-Theater der Russischen Revolution. Folglich war es agitierend und bewegend, ästhetisch schwankend zwischen Commedia dell’arte und Guerilla.
Doch der Kapitalismus wirkt auch hier. ­Heute gibt es kaum noch Gruppen, die wie Dario Fo oder die legendäre San Francisco Mime Troup explizit politisches Volksthea­ter auf der Straße machen. Zwischen Posse und Politik ist das Straßentheater längst zur Spaßfraktion gewechselt.

Unkonventionelle Akrobaten
So konnte dieser „soziologische Naturschutzpark“ (Walter Benjamin) der Gassengaukler und Straßenkünstler schon mal ungebrochen als pittoreskes Kulturhäppchen für Veranstaltungen wie die durchkommerzialisierte ­Edelimbissmeile Gauklerfest genutzt werden. Till Eulenspiegel, Hans Wurst und Jango Edwards hätten den Champagner verschüttet.
Da ist „Berlin lacht“ dann doch ein ganz anderes Kaliber. Schließlich sind die Veranstalter selbst Künstler, stellen unter selbstausbeuterischen Bedingungen in Eigeninitiative und ohne Fördergeld nun bereits im zwölften Jahr ein Festival auf die Beine, das weit über hundert Straßenperformern aus einem guten Dutzend Ländern auf mehreren Bühnen ein attraktives Umfeld bietet.
Unkonventionelle Akrobaten wie die ­Nafsi Acrobats aus Kenia oder die Compania Intrépido aus Argentinien, poetisch-komische ­Magiekünstler wie der Brasilianer Tutu Marques, ­merkwürdige Maschinenstürmer ­wie Paka aus Großbritannien, moderne Clowns wie der Spanier Fer Castas­trofer (ein Publikumsliebling vergangener Ausgaben), feinsinnige Fantasten wie die katalanischen Artisten Guixot de 8 und markante Musiker wie der britische Beat­box-Star MC Xander gehören zu den vielen Acts, die den Unort ­Alexanderplatz 18 Tage lang zu einem Spielfeld der Ausschweifung, der Utopie und des Staunens machen. Danach zieht die ganze bunte Mischpoke noch für einen Monat auf den Washingtonplatz am Hauptbahnhof weiter.

Alexanderplatz
Do 26.07.–So 12.08., tägl. 12 bis 22 Uhr
Washingtonpl./HAUPTBAHNHOF
Mi 15.08.–So 16.09., tägl. 12 bis 22 Uhr,
www.berlin-lacht.de