Kommentar

Spielplätze öffnen wieder: Beschwerden sind verlogen – alle oder keiner dürfen raus

Kinder sind schrecklich. Sie sind laut, stehen gern im Weg rum, möglicherweise sind sie auch noch brutalst gefährlich. Denn wenn sie jetzt in ihrer unkontrollierbaren Art auf den wieder offenen Spielplätzen der Stadt herumtollen, werden sie jegliches Corona, das ihre kleinen Griffel zuvor irgendwo eingesammelt haben, rigoros über Spielgeräte, Spielkamerad*innen und ihre Eltern verschmieren.

Bald offen: Ein leerer Spielplatz in den Ceciliengärten in Friedenau. Foto: Imago/Bach
Bald offen: Ein leerer Spielplatz in den Ceciliengärten in Friedenau. Foto: Imago/Bach

Kein Wunder also, dass ein guter Teil der Bevölkerung kurz vorm Attentat zu sein scheint, weil die „da oben“ entschieden haben, den kleinen Biestern wieder etwas mehr Spaß ins Leben zu bringen.

Die Diskussion über die Wiedereröffnung der Spielplätze verläuft im realen Leben und, wie immer bei Debatten, tausendfach zugespitzt online in den Kommentarspalten (auch unseren). Die Fronten sind nicht nur verhärtet, sie sind in Beton gegossen und mit Platin überzogen – dem härtesten Edelmetall.

Spielplätze wieder offen: Ruf nach Schließung war schwierig

Vor allem die Kinderlosen sind häufig vorne mit dabei, gerade diese Lockerung zu kritisieren. Ebenso verläuft eine häufig wahrnehmbare Grenze zwischen jenen, denen es sehr gut geht, die mindestens ausschweifende Balkone haben, in der Regel aber sogar Gärten oder zumindest schöne Innenhöfe. Die Wiedereröffnung der Spielplätze ist vor allem für jene Menschen eine Erlösung, die in kleinen bis Kleinstwohnungen mit ihren Kindern zusammengepfercht sind – und denen die Ideen ausgehen, was man machen kann.

Wie schon bei den Rufen nach einer Ausgangssperre ignoriert eine privilegierte Gruppe meinungsstarker und -lauter Menschen die Lebensumstände derer, die weniger Möglichkeiten haben. Die Corona-Krise als Chance zu begreifen, neue Sprachen zu lernen und Yoga zum Livestreams aus dem Szeneclub, das sind Freiheiten, die in der Masse kaum jemand hat.

Realität führt Wunsch nach Spielplätzen-Sperren ad absurdum

Zudem wird der Wunsch, die Spielplätze doch erst einmal dicht zu lassen, von zwei Realitäten ad absurdum geführt. Erstens spielen die Kinder in den (bei Sonne gut vollen) Berliner Parks schlicht einfach direkt vor dem Spielplatz miteinander. Der Unterschied ist überschaubar – und die zwei abgesperrten Schaukeln mancherorts sind angesichts der andernorts im gleichen Park seelenruhig von den Eltern beobachteten marodierenden Horden von Prenzlberg-Pracken, die ungestört Fangen spielen, auch Humbug. Zweitens sind die Erwachsenen immer noch schlimmer.

Wer an einem sonnigen Abend am Maybachufer spazieren geht, gerät in einen Jogger-Biker-Flaneur-Irrsinn, der zwar meist in Zweiergruppen stattfindet. Stimmt es aber, dass jeder Huster, jedes Niesen eine satte Virenwolke in die Gegend stellt, dann muss man sich fragen, ob die Spaziergänger*innen lang genug die Luft anhalten. Gleiches gilt übrigens fürs Einkaufswagenballett im Discounter. Wenn drei Leute gleichzeitig durch den Spirituosengang wollen, gibt nach wie vor kaum einer nach. Abstand? 50 Zentimeter. At best.

Bittere Realität akzeptieren – oder wirklich alle gleich behandeln

Was heißt das nun? Dass wir entweder die bittere Realität akzeptieren müssen, dass Kinder genauso risikoreich sind wie alle anderen. Oder alle gleichermaßen komplett zuhause bleiben. Denn die Spielplätze, auf denen eine kleine Kerngruppe idealerweise unter Aufsicht zumindest etwas Auslauf genießt, zu verbieten – aber gleichzeitig das Freizeitvergnügen des Kreuzberger Durchschnittsbewohners, das trotz aller positiven Deutungsversuche am Ende fast immer eine Corona-Party ist, zu erlauben, ist bigott.

Was uns allen bleibt, ist die auch von der Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeforderte Vernunft der Bürger*innen. Tatsächlich sind wir vor allem uns allen gegenüber in der Pflicht, vorsichtig zu sein. Und wer wirklich ab und an mal mit seinen Kindern auf den Spielplatz geht, der weiß, dass nicht zwangsläufig ein Berührungsremmidemmi beginnt. Viele Kinder buddeln hier ein bisschen, schaukeln da ein bisschen. Im Notfall wischen die elendserprobten Eltern eben das Spielgerät vorher einmal mit Desinfektionstüchern ab. Gefährlicher als der Besuch mancher Filiale der großen Fast-Food-Ketten in Berlin ist das auch nicht.

Deshalb: Ja, lasst die Kinder spielen. Oder, und das ist bei all den Corona-Verordnungen so, es ist zu gefährlich – dann kann und darf aber auch viel anderes nicht oder wieder nicht mehr sein.


Kreuzberg-Friedrichshain schlug vor, aus Straßen Spielstraßen zu machen. Neben Spielplätzen haben auch Galerien, Museen und andere Institutionen bald wieder offen. Und Kitas auch – was auch für Irritationen bei vielen sorgt, bei anderen für Erleichterung.

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