Kino & Film in Berlin

Spike Jonze im Gespräch

Nach "Being John Malkovich" und "Adaptation" erforscht der Regisseur die Monster-Welt eines Neunjährigen. Ein Gespräch mit dem 40-Jährigen über seine grandiose Adaption von "Wo die wilden Kerle wohnen".

Spike Jonze und sein Hauptdarsteller Max Recordstip Mr. Jonze, die Premiere von „Wo die wilden Kerle wohnen“ war ursprünglich für den Herbst 2008 angesetzt. Woran hat die lange Verzögerung gelegen?
Spike Jonze Erst einmal lasse ich mir grundsätzlich viel Zeit bei der Fertigstellung meiner Filme, ich gehe im Schnitt immer durch viele Fassungen. Für die Postproduktion von „Being John Malkovich“ habe ich mir auch schon ein Jahr genommen. Ich habe dabei rund 50 Fassungen verworfen, bevor der Film meinen Vorstellungen entsprochen hat. Im aktuellen Fall sträubten sich die Leute von Warner lange, zu akzeptieren, was ich gedreht hatte. Sie wollten wohl einen traditionellen Familienfilm, aber für mich war immer klar, dass die „wilden Kerle“ der Story sinnbildlich für wilde, rohe Emotionen stehen und dass der Ton bei aller Fantasie der Geschichte naturalistisch sein muss. Unsere Hauptfigur ist kein Filmkind wie aus dem Spielberg-Universum, sondern ein echter, unberechenbarer Junge. Irgendwann stimmte Warner diesem Ansatz zu. Ich weiß nicht, ob sie meine Motive verstanden haben oder am Ende einfach zermürbt waren.

tip Mussten Sie befürchten, dass man Ihnen die Kontrolle über das Projekt wegnimmt?
Jonze Ich bin sicher, dass die Option auf irgendwelchen Führungsebenen diskutiert wurde, aber ernsthaften Druck habe ich nicht verspürt. Nur Unverständnis der Finanziers, warum eine beträchtliche Investition nicht unter dem Gesichtspunkt optimaler Profitabilität angelegt wurde. Dagegen hilft nur Sturheit. Wenn man einen Kompromiss macht und das Kind zum Beispiel in seiner Ausbruchsszene aus der Realwelt weniger wütend darstellt, dann sind die Schleusen für weitere Änderungen geöffnet. Dann geht es Millimeter für Millimeter – und eines Morgens wacht man auf und merkt, dass man nicht mehr den Film vor sich hat, den man ursprünglich machen wollte.

tip Hätten Sie im Ernstfall hingeschmissen?
Jonze Na klar. Aber wie gesagt: So dramatisch kam es mir nie vor, und nachdem meine Arbeit erst einmal akzeptiert wurde, hätte ich mir keine bessere Unterstützung wünschen können. Es kostete uns eben nur alle ein Jahr unseres Lebens (lacht).

tip Einen enervierten Eindruck machen Sie deshalb nicht.
Jonze Ich ärgere mich nie über Widerstände – das motiviert mich nur zusätzlich, mich zu wehren. Meine Darstellerin Catherine Keener zum Beispiel hat beim Dreh in Aus­tralien zwischendurch auch als Schauspielcoach oder Lichtdouble mitgewirkt, um an drehfreien Tagen nicht herumsitzen zu müssen. Irgendwann habe ich ihr aus Spaß den Titel eines „Vice President“ gegeben – woraufhin wir von Warner informiert wurden, dass diese Ehre bitte schön für Studio-Manager reserviert sei. Also ernannte ich sie halt zur „Vizepräsidentin aller mit Film in Verbindung stehenden Angelegenheiten“ und zur „Weltweiten Vizepräsidentin der globalen Produktion“ (lacht).

tip Die Vorlage von Maurice Sendak hat insgesamt nur zehn Sätze Text. Wie macht man daraus einen abendfüllenden Spielfilm?
Jonze Wegen dieser Frage habe ich mir ewig den Kopf zermartert. Ich bin schon seit Jahren mit Maurice befreundet, und ich habe mehrmals abgelehnt, „Wo die wilden Kerle wohnen“ zu machen, weil ich den Purismus seiner perfekten Vorlage nicht zerstören wollte. Aber er hat mich und Dave Eggers ermutigt, eine narrative Struktur hinzuzufügen und Elemente zu erfinden, die sich organisch einfügen würden. Den Ausgangspunkt dafür bildeten allein die Figuren. Wir haben überlegt, wie sich die wilden Kerle bewegen würden oder wie sie sich wohl beim Sprechen anhören mochten. Von dem Moment an, in dem wir sie als komplexe Charaktere behandelten, war eigentlich alles ganz einfach. Wir überließen es den Figuren, die Story in die Hand zu nehmen, und Dave schien mir aufgrund seiner Romane die nötige Sensibilität für diesen Weg zu besitzen.

tip Sie selbst waren noch nie der Koautor eines Drehbuches, und auch die Animation der Gesichter der wilden Kerle mit digitalen Effekten war für Sie neu. Wie verlief dieser Lernprozess?
Jonze Großartig. Etwas zum ersten Mal auszuprobieren macht mir bei jedem Projekt am meisten Spaß. Es ist so erfrischend, als ob man als Kind zum ersten Mal ein Fort im Garten errichten möchte. Da geht man auch nicht los, um Konstruktionspläne zu kaufen, oder heuert allerlei Experten an, sondern man denkt über Ideen nach und legt los.

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