Filmreihe

„Splendid Isolation: Hong Kong Cinema 1949 – 1997“ im Arsenal

­Tradition und ­Moderne – Die Filmreihe „Splendid Isolation: Hong Kong Cinema 1949 – 1997“ bietet großartige Entdeckungen

The Private Eyes

Bei dem Stichwort Hongkong-Kino wissen viele Kinofreunde sofort, was sie sich darunter vorstellen ­können: akrobatische Kämpfe, historische Kostüme, dann aber auch wieder die atemberaubende Skyline der modernen Großstadt, das Hongkong der Gangster­syndikate (Triaden) und der Straßenküchen, das raue Kantonesisch und das weiche Mandarin, ein beständiger Gegensatz zwischen Flucht in die (zeitlose) Geschichte und dann wieder der Sprung mitten hinein in die Zumutungen der beschleunigten Gegenwart.

Das Hongkong-Kino hat den Westen in Wellen erreicht. Ein Wendepunkt war sicher A Chinese Ghost Story von Tsui Hark, der Ende der 80er-Jahre in den Programmkinos auftauchte, und mit dem das Handkantenkino eines Bruce Lee plötzlich ziemlich alt aussah.

Im Jahr 2000 gab es für „Tiger and Dragon“ dann sogar einen Oscar, wobei damals noch gar nicht so genau auffiel, dass dieser Kampfkunstfilm auch der Rückbindung der Kronkolonie Hongkong an das chinesische Festland diente. 1997 war Hongkong an China zurückgegeben worden, einen Sonderstatus sollte es aber weiterhin behalten, heute werden ­darüber intensive politische Auseinandersetzungen geführt.

Die junge Kuratorengruppe „the ­canine condition“ hat sich im Arsenal vor fünf Jahren schon mit der chinesischen Filmgeschichte bis 1964 befasst. „Ein Lied um Mitternacht“ war der Titel der Retro­spektive, mit der man auch nachvollziehen konnte, wie die kommunistische Revolution den Sieg davontrug. In der direkten Chronologie der Beschäftigung hätte darauf eine Reihe zu den Jahren der Kulturrevolution unter dem Großen Vorsitzenden Mao folgen müssen.

Stattdessen macht „the canine condition“ einen Schritt zur Seite und beschäftigt sich nun mit dem Teil des chinesischen Kinos, der am besten im Westen überliefert wurde – allerdings auch sehr unvollständig, wenn man sich das Programm der Filmreihe „Splendid Isolation. Hong Kong Cinema 1949 – 1997“ ansieht, bei der man großartige Ent­deckungen machen kann. Die Jahreszahlen, mit ­denen die Reihe gerahmt wird, entstammen der politischen Geschichte: 1949 wurde in China (auf dem Festland) die kommunistische Volksrepublik ausgerufen, damit wurde die Kronkolonie Hongkong zu einer Bastion der Freiheit (während Taiwan seinen Status als Demo­kratie mühsam erkämpfen musste). 1997 veränderte sich der Status von Hongkong erneut, seither ist es Teil jenes Groß­china, das sich gerade anschickt, die USA als wichtigste Weltmacht abzulösen. Auch vor diesem Hintergrund lässt sich „Splendid Isolation“ sehen.

Wenn eine Gesellschaft sich in ­hohem Tempo modernisiert, dann werden die Traditionen umso wichtiger. Aber was ist traditionell? Vielleicht das Gefängnis, in dem eine chinesische Familie in einer mythischen Vergangenheit die Tochter halten möchte, die aber unbedingt eine Schule besuchen will? Für die Möglichkeit eines Zugangs zu den „Schriften“ lässt sich das Mädchen ­allerhand einfallen (unter anderem einen Arztbesuch, bei dem es selbst in die Rolle des Arztes schlüpft, der auch prompt Bildung verschreibt), interessanterweise wird die angestrebte Gleichberechtigung in Li Han Hsiangs The Love Eterne (1963) dann aber durch ein kompliziertes Spiel mit Hosenrollen mehrfach unterwandert. Man müsste hier von einem Singspiel sprechen, einem chinesischen Musical in einer idealisierten Studionatur, also von einer Tradition, die in hohem Maß künstlich wirkt. „The Love Eterne“ schließt an The Kingdom and the Beauty (1959, Regie ebenfalls Li Han Hsiang) an, einem der vielleicht schönsten Filme aller Zeiten, weil sich die Romantik eines gesellschaftlich mächtig behinderten Liebesideals hier einmal mehr mit einer Puppenstubenwelt verbindet, die dann aber durch glaubhafte Gefühle gesprengt wird.

Mit diesen beiden Klassikern legt „Splendid Isolation“ einen Grundstein, an den dann die vielen Varianten des sogenannten „wuxia“-Kino anschließen, das auf Geschichten aufbaut, die man am ehesten mit dem Artusmythos im Westen vergleichen könnte. Hongkong konnte dabei ganz einfach eine Marktlücke schließen, die der Kommunismus auf dem Festland geöffnet hatte: Dort galten die alten Genres nämlich als rückständig.

The Love Eterne

Von Hongkong aus wurde dann vor allem die große chinesische Diaspora beliefert, die sich mit den prächtigen Farben und an den teils haarsträubenden Geschichten über den Traditionsbruch hinwegtröstete, den der Rigorismus der chinesischen KP verordnete. Das enorme Verdienst der Reihe „Splendid Isolation“ ist, dass nun die Lücke geschlossen wird, die zwischen den (im weitesten Sinn) Opernfilmen und den später viel bekannter gewordenen Schwertkampf­filmen offen war.

In den 80er-Jahren tauchen dann zum ersten Mal die Stars auf, die seither das Bild vom chinesischen Kino prägen: Tony Leung in Cherie von Patrick Tam, ein echtes Fundstück, oder Chow Yun Fat in God of Gamblers. An einem Beispiel wie The God of Cookery kann man auch wunderbar sehen, wie sehr in Hongkong die anarchische Komik immer eine ­Heimat hatte.
Man würde die Reihe „Splendid Isolation“ missverstehen, wenn man sie als eine Veranstaltung vor allem für Experten und Eingeweihte sehen würde. Die Auswahl der Filme beruht tatsächlich auf intimer und exzellenter Kenntnis der (Film-)Geschichte. Aber man kann ohne weiteres unmittelbar einsteigen: Jeder Film erschließt sich auf seine Weise. Sobald man aber einmal anfängt, Verbindungen herzustellen, wird man aus dem Staunen nicht mehr herauskommen. Es ist auch eine „Isolation“ des Westens gegenüber einer immer noch viel zu unbekannten kulturellen Großmacht, die mit dieser Filmreihe aufgebrochen wird.

Splendid Isolation: Hong Kong Cinema 1949– 1997 1. – 28.3., Arsenal, im Filmhaus, www.arsenal-berlin.de