Kultur & Freizeit in Berlin

Spurensuche: Bowies Berlin

Bei der großen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, die jetzt startet, werden sie gesondert beleuchtet: die Berliner Jahre 1976 und 1977 von David Bowie. tip-Autorin Ulrike Rechel hat sich in der Stadt auf Spuren­suche nach dem Thin White Duke begeben. Eine dieser Spuren ist – eine Glasscheibe

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„Dann sind wir Helden“: Kontaktbogen von Masayoshi Sukita für das Cover-Shooting zu „Heroes“, eines der beiden in Berlin aufgenommenen Bowie-Alben. Foto: Masayoshi Sukita / The David Bowie Archive

Verflossene Lieben soll man bekanntlich ruhen lassen. David Bowie aber hat nochmal mit seiner großen Romanze geflirtet. Fast 40 Jahre nach der ersten Begegnung. „Where are we now?“, sein Song, mit dem er sich voriges Jahr überraschend aus der Versenkung zurückmeldete, ist eine Ode an Berlin. Ziemlich müde klingt der damals 66-Jährige da – und ganz schön wehmütig, wie er sich in alte Zeiten zurückbeamt: ins Berlin ’89, als in Prenzlauer Berg der erste Grenzübergang aufgemacht wurde. „Twenty thousand people cross Bösebruecke / fingers are crossed, just in case“, heißt es da, und Bowie steigt nochmal in die Zeitmaschine ein, um in Charlottenburg 1977 zu landen: „Sitting in the Dschungel on Nürnberger Strasse / a man lost in time, near KaDeWe. Just walking the dead.“

Seither ist Berlin wieder um eine große, ernste Hymne reicher und Bowie um ein spektakulär unspektakuläres Comeback. Die alte Liebe zündet also noch. Da passt es, dass dieser Tage eine opulente Ausstellung über den Dandy-Rocker eröffnet. Für die Schau des Londoner Victoria-&-Albert-Museums öffnete der Mann mit den ungleichen Pupillengrößen sein Privatarchiv, das er seit jeher akribisch sortiert. So als habe Bowie stets damit gerechnet, dass seine Kunstgeschöpfe mal museumsreif werden: Ziggy Stardust, Aladdin Sane, der Thin White Duke.

Die Dschungel-Legende

Zeit also, um seine Spur aufzunehmen: Bowies Berlin, wo er 1976 und 1977 lebte. Damals war der Mann aus dem Sündenpfuhl Los Angeles ins ummauerte Westberlin geflüchtet, um wieder auf dem Boden anzukommen. Er kam nicht allein, sondern begleitet von engen Freunden: seiner Assistentin Coco Schwab, die bis heute die treue Seele an Bowies Seite ist, und seinem Schützling Iggy Pop, dem jungen Punk aus Detroit. Ein Drogenentzug sollte die Berliner Zeit für Bowie und Iggy zwar nicht gerade werden. Aber die entspannte gemeinsame Zeit in der Hauptstraße 155 in Schöneberg tat doch ihre heilsame Wirkung.

Der Dschungel also, on Nürnberger Strasse“. Den Musenort der Berliner Pop- und Kunstszene der Siebziger gibt es längst nicht mehr. Immerhin pflegen die Macher von einst eine nostalgische Webseite, in deren Hintergrund „Where are we now?“ spielt. Dem Ort an der Hausnummer 53 ist seine Vergangenheit als Nachtleben-Hotspot heute nicht anzusehen. Damals gaben sich die Humpe-Schwestern, Rio Reiser, die Neubauten oder Wim Wenders die Klinke in die Hand, und das Publikum machte sich nichts daraus, wenn auch mal Mick Jagger oder eben David Bowie an der Bar standen.

Heute füllen edle Möbel und Designer-Accessoires den Raum. Inhaber Ralph Schultz, ein entspannter Hanseat mit Sonnenteint, ist amüsiert über den Bowie-Kult um sein Geschäft. Als er vor drei Jahren einzog, hatte er keine Ahnung, dass er sich auf heiligem Boden niederließ. Das dämmerte ihm, als immer wieder schüchterne Besucher zum Schaufenster hineinlugten, die nicht gerade aussahen wie seine „typischen Kunden“, sagt er. Manche fragten, ob sie sich mal umsehen könnten und wo denn die geschwungene Treppe zur Empore gewesen sei, auf der David Bowie damals seinen Stammplatz hatte.

Ein paar Türen weiter hat Ali Thompson ihr Modeatelier. Die Charlottenburgerin fertigt luxuriöse Roben in Handarbeit, Träume in Seidentaft und Spitze. Im Dschungel war sie oft und gerne. „Es war ein schön gemachter Ort“, sagt sie. „Er war besonders, weil es drinnen hell war, auch weil die Betreiber ein paar Dinge aus dem chinesischen Restaurant, das vorher drin war, übernommen hatten, zum Beispiel das Aquarium.“ Bowie hat sie dort des Öfteren gesehen. „Es war schön, wenn er da war. Aber es war auch nicht wichtig“, sagt sie. „Jeder hat ihn in Ruhe gelassen, das war selbstverständlich.“ Auf der Dschungel-Webseite gibt es denn auch kaum Fotos aus den alten Zeiten. Schon damals, eine kleine Ewigkeit vor der Facebook-Ära, herrschte im Dschungel Fotoverbot.

Gogotänzer im Chez Romy Haag

Einen Eiswürfelwurf weiter liegt der nächsten Bowie-Halt, das Chez Romy Haag in der Fuggerstraße 33. Romy Haag, stilprägende Drag Queen und so etwas wie die Erfinderin des Berliner Underground-Nachtlebens, hatte ihren Nachtclub 1974 in einer ehemaligen Stricher-Bar eröffnet. Zurück aus New York und vollgetankt mit Energie verwirklichte sie hier ihren Traumclub, an dem queere Lebensart, Popkultur und Underground zusammentrafen. In diesen Ort und seine Hausherrin muss sich David Bowie auf den ersten Blick verliebt haben, darin sind sich die Quellen einig. Seine erste Ehefrau Angela etwa hielt in ihren Erinnerungen entnervt fest: „Plötzlich drehte sich sein Leben nur noch um Romy Haag, eine Transsexuelle, die sich einen Ruf als moderne Sally Bowels gemacht hatte.“

1983 fiel hier der letzte Vorhang. Heute residiert in dem rosa Haus der Connection Club, an dem ringsum Regenbogenfahnen im Wind flattern. Schwule Nightlifer kennen den Club für den größten Dark Room der Stadt. Als Neugierige auf Bowies Spuren erntet die tip-Autorin ein Schmunzeln. „Frauen haben eigentlich keinen Zutritt“, sagt Markus, ein freundlicher Kerl mit kräftigen Armen und Stoppelbart, der tagsüber im Garage-Shop nebenan Filme und Sex Toys verkauft. Aber er macht heute mal eine Ausnahme und schließt den Club auf, der mal so etwas war wie Bowies Wohnzimmer.

Nostalgie aber ist die Sache der Connection-Jungs nicht. Auf Romy Haags ehemaliger Showbühne ist heute Platz für Gogo-Tänzer, an der Theke ist eine Duschkabine installiert, in der sich ab und an gut trainierte Jungs im Wasserstrom räkeln, der DJ legt House auf. Eine Treppe führt hinab in die ehemaligen Garderobengemächer der Haag. Die weitläufigen, annähernd lichtlosen Räume sind jetzt ein Mix aus Lagerkammern und Dark-Room-Separees. Hier entstanden 1976 SchwarzWeiß-Fotografien, auf denen David und Romy sich in gegenseitiger Vergötterung anhimmeln, während ein wasserstoffblonder Iggy Pop fröhlich zuschaut: Bilder, die wirken wie aus einer anderen Epoche.

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