Kommentar

„Staatsfeind“ von Erik Heier

Es ist seine innere Stimme, die übernimmt, als der türkische Journalist Can Dündar im Gefängnishof seine Runden dreht

Erik Heier

„Lass dich auf keinen Fall gehen“, sagt sie ihm zum Beispiel. „Dusch täglich, zieh dich schick an. Lache. Wehr dich.“ Can Dündar war Chefredakteur der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“. Im Mai 2015 wurde der Redaktion ein Video zugespielt, das türkische Lastwagen zeigt, die mit Waffen in Richtung Syrien unterwegs sind. Dündar und sein Kollege Edem Gül machten die geheimen Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes MIT an islamistische Milizionäre in Syrien öffentlich. In der Erdogan-Türkei gibt es derzeit viele Staatsfeinde. Dündar ist einer davon. Sein Büroleiter Gül und er wurden festgenommen. Die Anklage: Spionage und Verrat von Staatsgeheimnissen. In den drei Monaten, die Dündar im Gefängnis verbrachte, schrieb er mit der Hand das Buch „Lebenslang für die Wahrheit“. Die „Aufzeichungen aus dem Gefängnis“ (Hoffmann und Campe) sind eine eindrucksvolle Lektüre. Nach einer Gerichtsverhandlung schoss ein Attentäter auf ihn. Mittlerweile lebt er, dem eine jahrelange Haft droht, im Ausland, ist auch Kolumnist des Gorki-Theaters. Der Kampf Recep Tayyip Erdogans gegen Dündar sei schon immer weitaus mehr als ein Konflikt um die Pressefreiheit im Land gewesen, schreibt die „FAZ“-Journalistin Karen Krüger im Nachwort. „Er war und ist eine Auseinandersetzung um das Antlitz und die Zukunft der Türkei.“ Dündars Buch ist ein fesselnder Bericht darüber, was auf dem Spiel steht. Alles.

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