Museum in Wustrau: „Das eine Preußen gibt es nicht“

Preußen, das ist für mich zuerst eine Farbe. Genauer: meine Lieblingsfarbe, Preußisch Blau. Es ist ein um 1706 entdecktes, tiefblaues synthetisches Pigment. Und gilt als erster moderner Farbstoff, bekannt für seine hohe Lichtechtheit und in der Medizin einstmals geschätzt als Gegengift bei Thallium- oder Cäsiumvergiftungen.
Warum nun von dieser Farbe die Rede ist? Weil Teile von „Kopfgeburt Preußen“, der neuen und ersten konzeptionell gedachten Dauerausstellung im Brandenburg-Preußen-Museum in Wustrau in genau diesem Farbton gehalten sind. Vor allem aber, weil uns dieser Farbdiskurs mitten in die Widersprüchlichkeiten führt, die uns bei der Beschäftigung mit Preußen zwangsläufig begegnen.
„Kopfgeburt Preußen“
Ein moderner Farbstoff, entwickelt in einem Berlin, dass sich um 1700 zu einer Wissenschafts- und bald auch Manufaktur- und Industriemetropole umbauen sollte – wie passt das in den Diskurs von Preußen als dem Land der konservativen Bewahrer? Von wegen überall nur Fleiß, Disziplin und preußische Sekundärtugenden.
Aber zunächst einmal: Was ist das überhaupt für ein Museum? Gegründet wurde es im Jahr 2000 auf Initiative des Berliner Privatbankiers Ehrhardt Bödecker. Er finanzierte den Neubau im Ruppiner Land, bestückte das Haus mit 220 Exponaten aus seiner privaten Sammlung und leitete das Museum bis 2013 mit seiner sehr eigenen Sicht auf den preußischen Staat. Monarchieverherrlichung und mindestens unterschwelliger Antisemitismus lauteten die Vorwürfe: Ein Erinnerungsort als Verklärungsort, in Wustrau hat man reagiert und das gleich doppelt. Zum einen steht mit Christian Arpasi, vormals Bereichsleiter am Schloss Sanssouci, jetzt ein so renommierter wie kritischer Preußenkenner an der Spitze des Museums. Zum anderen wurde die Pädagogik und Bildungsarbeit ins Zentrum des musealen Schaffens gestellt, auch mit einem 2023 eröffneten Veranstaltungsgebäude.
Arpasi zeichnet sich verantwortlich für die Ende März eröffnete Schau„Kopfgeburt Preußen“, es ist die erste konzeptionell gedachte Dauerausstellung des Hauses. Sie präsentiert Preußen als ein ziemlich widersprüchliches Staaten- und Mentalitätsgebilde. Denn wie passt ein auch in seinem Gesellschaftsbild moderner Wissenschaftsstaat zum prosperierenden Militarismus oder zur Gutsherrenmentalität des Landadels? Wie der Rückzug der bürgerlichen Familie ins Private zum allerorts ausgestellten Repräsentationsdrang? Das eine Preußen gibt es nicht, sagt Ausstellungsmacher Arpasi: „Es gab niemals eine preußische Identität im klassischen Sinn.“ Alleine dank dieser Feststellung ist die kurzweilig gestaltete Ausstellung eine wirkliche Empfehlung.
Brandenburg-Preußen-Museum Eichenallee 7a, 16818 Fehrbellin OT Wustrau, Di–So 10–18 Uhr, Infos und Preise online
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Industriegeschichte als Mentalitätsgeschichte: Diese Transferleistung gelingt der Ausstellung im Finower Wasserturm (mit Aufzug zur Aussichtsplattform). Erzählt wird die Entstehung des Eberswalder Kupferwerkes und des Finowkanals bis zu den Kupferhäusern von 1930. In Fertigbauweise konzipiert, sind sie ein wichtiger Baustein einer Architekturgeschichte der Moderne. Auch sie sieht man vom Wasserturm gut.
Finower Wasserturm Am Wasserturm 2, 16227 Eberswalde, Sa+So 10–17 Uhr, Infos online
Chamisso Museum Kunersdorf
Adalbert von Chamisso war ein früher Europäer – leistete aber aus Überzeugung Dienst in der preußischen Armee. Geboren in der Champagne, bereiste er als Naturforscher die Welt. Das schöne Chamisso-Museum aber steht in Kunersdorf im Oderbruch, wo er 1831 „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“ schrieb.
Chamisso Museum im Kunersdorfer Musenhof Dorfstr. 1, 16269 Bliesdorf OT Kunersdorf, Fr–So 11– 17 Uhr, Infos online
Schloss Neuhardenberg
Den Weg der Welt im Lokalen zu erzählen, das gelingt der Dauerausstellung im Schloss Neuhardenberg. Vom großen preußischen Modernisierungsprojekt der Stein-Hardenbergschen Reformen bis zum sozialistischen Musterdorf Marxwalde. Die O-Töne kommen von Schinkel, Lenné und Fontane.





