Am Ufer der Dahme: In der Stadt weit draußen

Wahrscheinlich lacht sich die Spree noch bis weit ins Regierungsviertel ins Fäustchen, dass sie der Dahme ein Schnippchen geschlagen hat. Unten in Köpenick. Am Zusammenfluss der beiden Flüsse ist die Dahme nämlich der sichtlich breitere Strom. Berlin liegt dennoch an der Spree. Bereits im Jahr 965 wurde der Fluss Sprewa in einem Schriftstück Ottos des Ersten erstmals urkundlich erwähnt.
Die Dahme verzichtet auf solch staatstragende Benennungen. Sie mündet am tribünenartig gestalteten und zum Abhängen einladenden Ufer an der Altstadt Köpenick ziemlich ungerechterweise in die Spree. Und fast, als hätte die Dahme das geahnt, macht sie auf ihren letzten Kilometern noch einmal richtig Laune: mit wilder, fast skandinavischer Natur, mit Wurzelpfaden und Badebuchten. Und mit zwei Ufern, die sich ganz herrlich unterscheiden. Von einem an das andere Ufer kommt man mit zwei BVG-Fähren, die uns als Rahmenhandlung dieser Tour dienen. Die bevorzugten Fortbewegungsmittel: Wander- oder Laufschuhe, vielleicht auch das Rad, nur sollten die Reifen etwas breiter sein, am Ostufer prägt der märkische Sand nicht nur die vielen kleinen Strände, sondern auch den fast trampelpfadigen Uferweg. Apropos Strände: Das Strandbad Wendenschloss ist wohl das schönste Strandbad Berlins.
„Kuhle Wampe“: Campingplatz und Filmklassiker an der Dahme
Dort also beginnt unsere Tour – beinahe. Gut einen Kilometer sind wir, vom Fähranleger an der Müggelbergallee kommend, nämlich schon unterwegs. Vorbei an Gründerzeitvillen, die schönsten mit Wasserlage, und bald hinein in einen sattgrünen Laubwald. Die Passage kenne ich wie die Tasche meiner Laufshorts. Sie ist, verknüpft mit dem parallel verlaufenden Höhenweg über die Müggelberge, meine liebste Laufrunde in Berlin. So weiß ich auch um die Geschichte des Glasgravurmeisters Johannes Bittner, der 1898 eine Ausflugsgaststätte eröffnet hatte, einzig um der Stadt seine eindrückliche Schmetterlingssammlung zu präsentieren. Heute wird der Schmetterlingshorst vom Bezirkssportbund Treptow-Köpenick ehrenamtlich betrieben. Deshalb sind die Preise (Bier, Kaffee, Blechkuchen) so freundlich, ist die Stimmung so familiär. Auch eine Schmetterlingssammlung ist wieder eingezogen.
Hakenschlagend folgt der Weg dem Ufer der Dahme, mit dem einen Fuß nah am Wasser, mit dem anderen im Wald. Bis wir, an einer schmalen Landzuge, plötzlich inmitten der deutschen Film- und Sozialgeschichte stehen. „Kuhle Wampe“ heißen ein Campingplatz und ein legendärer Film, der 1932 die miserablen Lebensbedingungen in den Berliner Arbeiterquartieren zum Thema hatte. Drehbuchautor: Bertolt Brecht. Die Zeltkolonie Kuhle Wampe gibt es bereits seit 1913, gegründet eben, um Arbeiterfamilien erholsame Wochenenden abseits des Industriemolochs Berlin zu ermöglichen.
Die Welt ist ein Dorf
Noch heute scheint die Großstadt hier weit weg – dichter dran an Berlin kann man vielleicht nirgends so weit draußen sein. Die nächste BVG-Fähre bringt uns ans andere Ufer. Nach Schmöckwitz. Und wer viel Zeit mitgebracht hat, sollte weiter laufen oder radeln: bis nach Rauchfangswerder, Berlins südlichste Ortslage. In Rauchfangswerder ist die Welt wieder ein Dorf.
Wir anderen folgen einer Straße, die das Thema des zweiten Teils dieser Tour bereits im Namen trägt: Sportpromenade. Es geht vorbei an Segelclubs und Rudervereinen. Und an der großen Tribüne der Regattastrecke Berlin-Grünau. In einem abgenutzten Hochhausriegel fördert das Internat der Flatow-Oberschule „Eliten in Schule und Sport“. Wir ahnen: Besonders wohnlich ist er nicht, der Weg in den Spitzensport. Und mögen es gemütlicher: im gründerzeithübschen Café Liebig, wo die Tortenstücke so groß sind, wie wir es uns nach so einer Tour, rund zwölf Kilometer, verdient haben.